Zeitgemäße Auslegung des Magnificat im Kantatengottesdienst der Kantorei

Bachs Barock beglückt Besucher

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Eberhard Jung leitete die Kantorei und das Baseler Barockorchester La Visione beim Kantatengottesdienst in St. Kilian.

Korbach - Passt eine ganze Bach-Kantate mit ihrer 300 Jahre alten Theologie aus dem Perückenzeitalter noch in den Gottesdienst und zu einer Predigt, die Leute von heute ansprechen soll?

Diese Frage stellt sich immer wieder und im Lauf der Jahre gab es schon mehr als eine Veranstaltung an deren Ende, die eine Hälfte der Besucher gern auf die Predigt, die andere Hälfte lieber auf den Großteil der Musik, vor allem auf die Arien, verzichtet hätte. Nicht so beim Kantatengottesdienst in der Kilianskirche, wo musikalische Verkündigung und Wortgottesdienst eine in jeder Hinsicht ansprechende Einheit bildeten.

Um die Einheit von Leben und Glauben geht es in Johann Sebastian Bachs Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“. Der mit herrlichen Melodien vertonte Text von Salomon Franck und Martin Jahn ist zugleich eine barocke Ausdeutung des Magnificat (Lukas 1, 46-55). Der Lobpreis der Maria war zugleich Gegenstand der Predigt von Dekanin Eva Brinke-Kriebel, die im Verlauf ihrer Betrachtungen des Lebens der Mutter des Erlösers offen die Widersprüche zwischen Lebenserfahrung und erlebtem Glauben ansprach, denen sich Christen bis heute immer wieder stellen müssen. Denn schließlich folgte auf die sonst zum Adventskanon zählende selig machende Verheißung des Engels auch der Tag, an dem der eigene Sohn in Schande wie ein Verbrecher am Kreuz hing.

Frischer Blick auf Maria

Den vermeintlichen Tiefpunkt in dieser ungewöhnlichen Mutter-Sohn-Beziehung nahm die Dekanin zum Anlass, um die vorbildliche Qualität der Mutter Jesu herauszuarbeiten, die so vieles klaglos und ohne Widerspruch hinnehmen konnte: den hoffenden Blick für alles, was hoffnungslos aussieht. Wegen dieser Gabe hat Maria Gott auch in dunkelsten Momenten nie hinterfragt und blieb immer im Einvernehmen mit Gott. „Maria hat mit ihrem Leben geantwortet, mit Herz und Mund und Tat und Leben“, lautete das Fazit der Predigt gegen den Strich des Kirchenjahres, das den letzten Widerspruch auflöste, die seltsame Sprachlosigkeit der Mutter Jesu nach ihrem Lobpreis, der als erster Psalm des neuen Testaments gelten kann. Der frische Blick auf Maria war zugleich ein Zuspruch an alle Christen, die nicht viel Worte machen, sondern mit ihrem Leben antworten.

Auslöser und Bezugspunkt für diese überzeugende und überfällige Richtigstellung in Sachen Maria war Johann Sebastian Bachs Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ bzw. die Entscheidung von Kantor Eberhard Jung, die ursprünglich für den vierten Adventssonntag 1716 komponierte Kantate für den Gottesdienst im September anzusetzen. Die Trompeten und Oboen im Vorspiel zum Eingangschor klingen denn auch schon sehr nach Weihnachtsoratorium in der Interpretation des Baseler Barockorchesters La Visione (Leitung Isabel Schau), allerdings nie kitschig oder gar allzu gewichtig oder erhaben. Die gewisse tänzerische Leichtigkeit, die in „Bereite dir Jesu noch itzo die Bahn“ besonders schwungvoll hervor tritt, prägt auch schon die Chorfuge, mit der die durchweg gut verständliche Evangelische Kantorei gleich einen starken Eindruck hinterlässt.

Vier Temperamente

Aufgrund der intensiven und doch unterschiedlichen Gestaltung durch die Solisten erscheinen die vier Stimmen gewissermaßen als Temperamente, die den individuellen Zugang zum gemeinsamen Gott hörbar machten (und jede ermüdende Einförmigkeit bei den Solostücken vermeiden): Thomas Schwill (Tenor) bei der leidenschaftlich bewegten und engagierten Auslegung im Rezititativ „Gebenedeiter Mund, Maria macht ihr Innerstes der Seelen durch Dank und Rühmen kund“. Julia Hagemann mit entschiedenem Alt in der anschließenden Arie „Schäme dich, O Seele nicht, deinen Heiland zu benennen“, in der die Solo-Oboe von Peter Wuttke gewissermaßen die Rolle eines Duett-Partners übernimmt. Im Sopran-Solo „Bereite dir, Jesu...“ bildet das Wechselspiel von Solo-Oboe und der Violine von Isabel Schau die instrumentale Grundlage für eine mystische Begegnung der Seele mit Gott, auf deren Höhepunkt der helle Sopran von Vera Filipponi jubilierende Glockentöne anschlägt.

Gleich zwei seltsame Oboen (die von Bach geforderten Oboe d‘acaccia, Jagdoboen) begleiten Julia Hagemann beim Rezitativ „Der höchsten Allmacht Wunderhand“, das den Jubel der Kinder im Mutterleib beschreibt. Bei seinem Rezitativ „Verstockung kann Gewaltige verblenden“ bedient sich Georg Lungwitz eines eher sachlichen Tonfalls und schließt dabei den Kreis der Temperamente, ehe er sich in der abschließenden Arie „Ich will von Jesu Wundern singen“ doch noch von der Begeisterung überwältigen und zu den vom Komponisten geforderten Koloratursprüngen bewegen lässt.

Vom Zweifel zur Gewissheit

Die bewegendste und bekannteste Musik hat Johann Sebastian Bach bekanntlich für Chor und Solo-Violine geschrieben: den Choral „Wohl mir, dass ich Jesum habe“, der im Zentrum der Kantate steht, dessen unwiderstehliche Melodie aber im Schlusschoral noch einmal erklingt. Diese Klänge, zumal in einer herrlich feinsinnigen Wiedergabe, machen jeden Gottesdienst zum Erfolg. Um so besser, wenn sich die musikalische Zuversicht von vor 300 Jahren so gut mit gegenwärtigen Zweifeln zu einer neuen Gewissheit in der Gegenwart verbindet.

Im Kantatengottesdienst der Kilianskirche blieben Bachs Barock und eine zeitgemäße Auslegung des Magnificat keine Parallelwelten, die unterschiedliche Zuhörergruppen ansprachen oder langweilten, sondern verschmolzen zu einer Einheit.

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