Betroffene machen am„Tag der Sehbehinderten“ auf ihre Belange aufmerksam

Barrieren für Blinde abbauen

Waldeck-Frankenberg - Hell und freundlich soll es sein, wenn öffentliche Gebäude saniert werden. Für Blinde und Sehbehinderte wie Karl Hallenberg nehmen die hellen Farben jedoch eine weitere Orientierungshilfe. Am heutigen „Tag der Sehbehinderten“ wollen Betroffene für ihre besonderen Bedürfnisse sensibilisieren.

„Barrierefrei bedeutet nicht nur, dass etwas rollstuhlgerecht gebaut ist“, betont Karl Hallenberg. Der Vasbecker, der laut Definition als blind gilt (siehe Hintergrund), setzt sich ehrenamtlich für Blinde und Sehbehinderte ein. Er initiierte die Gründung einer Selbsthilfegruppe ?im Landkreis und fungiert als Berater des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes in der Bezirksgruppe Kassel-Nordhessen.

„Es ist nicht einfach, allen Menschen mit Behinderung gerecht zu werden“, räumt der Diemelseer ein. Ein Beispiel: Das Blindenleitsystem an den neuen Kreisverkehren in Korbach mit wegweisenden Rippen- und Noppenplatten ist für Sehbehinderte vorbildlich. „Rollstuhlfahrer und Menschen mit Rollatoren bleiben an den breiten Rippenplatten jedoch leicht hängen“, erklärt Hallenberg. Umgekehrt erschweren abgeflachte Bordsteine, die Gehbehinderten das Leben leichter machen, Sehbehinderten die Orientierung. Behörden beraten Ob im Straßenbau, beim Umbau öffentlicher Gebäude oder im öffentlichen Nahverkehr – der Vasbecker ruft die jeweiligen Planer auf, stets das Gespräch mit Betroffenen zu suchen, da diese Dinge anders wahrnehmen als Menschen ohne Behinderung.

„Da wir alle immer älter werden, wird es in Zukunft noch wichtiger werden vorzubeugen“, ist er überzeugt. Darüber hinaus ist es einfacher, Hilfsmittel wie Leitsysteme oder Rollstuhlrampen direkt beim (Um-)Bau zu installieren als diese nachzurüsten. Zum „Tag der Sehbehinderten“ listet Karl Hallenberg einige wichtige Orientierungshilfen auf:

Kontrastreiche Raumgestaltung: „Wenn Wände, Türen, Treppen und Lichtschalter in Weiß gehalten sind, können wir gar nichts mehr erkennen.“ Möglichst starke Kontraste seien bei der Farbwahl wünschenswert. Kontraststreifen an Türrahmen oder Treppenstufen helfen ebenfalls.

Treppengeländer müssen bis an die letzte Stufe reichen. Aufzüge mit Sprachausgabe sind ideal.Der Weg dorthin muss aber mit einem Leitsystem versehen sein. Namensschilder an Bürotüren sollten in Schwarz-Weiß gehalten und mit großer Schrift verfasst sein.

Die akustischen Ansagen der Deutschen Bahn lobt Hallenberg. Busse seien in Waldeck-Frankenberg jedoch nur bedingt mit Sprachausgabe-Systemen ausgestattet. „Die Anzeigetafeln kann ich nicht sehen.“ Das Leitsystem des Korbacher Bahnhofs wäre für Hallenberg vorbildlich, wenn die gelbe Farbe an den Treppenstufen nicht sehr abgetreten wäre.

Hilfsmittel, die Barrierefreiheit gewährleisten sollen, müssen folglich kontrolliert und gepflegt werden. Augen für Betroffene öffnen Über Hilfsmittel hinaus sind Menschen mit Sehbehinderung aber vor allem auf eins angewiesen: dass ihre sehenden Mitmenschen mit offenen Augen durch die Welt gehen und sie unterstützen. Den „Tag der Sehbehinderten“ nutzen Betroffene wie Karl Hallenberg, die sich ehrenamtlich in der DBSV-Bezirksgruppe Kassel-Nordhessen engagieren, aber nicht nur, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen. Zugleich werben sie um Unterstützung, denn die Bezirksgruppe bekommt nach ?eigenen Angaben keine öffentlichen Fördermittel mehr. Interessierte erreichen sie unter Telefon 0561/2861690 und E-Mail: kassel-nordhessen@dsbh.org. (nv)

Hintergrund

Blindheit und Sehbehinderung sind nach Angaben des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) nach deutschem Recht wie folgt ?definiert: ?Sehbehindert ist, wer auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille oder Kontaktlinsen nicht mehr als 30 Prozent von dem sieht, was ein Mensch mit normaler Sehkraft erkennt (Sehrest kleiner/gleich 30 Prozent). ?Hochgradig sehbehindert ?ist, wessen Sehrest kleiner/gleich fünf Prozent ist. ?Blind ist, wessen Sehrest kleiner/gleich zwei Prozent ist. Da Augenerkrankungen sich sehr unterschiedlich auswirken, hier zwei Beispiele für einen Sehrest von fünf Prozent: a) Ein Gegenstand wird erst aus fünf Metern erkannt statt aus 100 Metern. b) Wie durch einen Tunnel sieht der Betroffene nur fünf Prozent des normalen Gesichtsfeldes.

Erhebungen über die Zahl der betroffenen Deutschen gibt es laut DBSV nicht, sondern nur zwei geschätzte Werte: ?l?Da die DDR Blindengeldempfänger jedes Jahr erfasste, ?entstanden nach der Wiedervereinigung durch eine Hochrechnung folgende Zahlen: Rund 150?000 Blinde und 500?000 Sehbehinderte leben in der Bundesrepublik. ?l?Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wertete 2002 Erhebungen anderer europäischer Länder aus. Auf dieser Basis wurde errechnet, dass 1,2 Millionen Deutsche betroffen sind. Aufgrund der steigenden Lebenserwartungen rechnet die WHO damit, dass sich die Zahl stark erhöht. (nv)

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