Korbacher Stadtführung für Schüler der Alten Landesschule: „Auf den Spuren jüdischen Lebens“

Bernhard Löwensterns Leidensweg

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Erinnerte am Rathaus an das Schicksal der Familie Mosheim: Marion Lilienthal mit den ALS-Oberstufenschülern bei der Stadtführung.

Korbach - Den „Spuren jüdischen Lebens“ in der Korbacher Altstadt folgten am Donnerstag 20 Schülerinnen und Schüler der Alten Landesschule.

Zusammen mit der Korbacher Bezirksgruppe im Waldeckischen Geschichtsverein, für die Vorstandsmitglied Britta Hein die Schüler begrüßte, hatte ALS-Geschichtslehrerin Marion Lilienthal eine Stadtführung mit diesem Schwerpunkt angeboten. Etwa so lange wie eine Schulstunde dauerte der Rundgang.

„Jerusalemer Landstraße“: Diesen Spottnamen hatten Korbacher Nationalsozialisten zum Beispiel der Professor-Kümmell-Straße verpasst. Häme und Hass galten den jüdischen Familien, die dort wohnten. Von der Oberstudienrätin erfuhren die Schüler, dass auf den Tag genau vor 70 Jahren, am 7. September 1942 das Schicksal der letzten 17 jüdischen Korbacher Bürger besiegelt war. Von Kassel aus wurden sie in das Ghetto Theresienstadt deportiert. 124 Juden wohnten 1933 in Korbach. Zwischen 1937 und 1939 verließen rund 45 von ihnen die Stadt, die meisten in Richtung USA. 1942 lebten noch 33. Dann begannen die Deportationen in die Vernichtungslager.

Die Stadtführung spannte thematisch den Bogen von der ersten Ansiedlung jüdischer Bürger in Korbach, ihrer Integration, bis zur NS-Zeit, ihrer Ausgrenzung, Verfolgung, Deportation und Rückkehr weniger Überlebender. Treffpunkt und erste Station war das Rathaus. Dort erinnert eine Gedenktafel an das Schicksal der jüdischen Familie Mosheim. Schülerinnen und Schüler der von Marion Lilienthal geleiteten ALS-Geschichtswerk hatten sie mit Bürgermeister Klaus Friedrich im Dezember 2010 enthüllt. Henriette (Hedwig genannt), geboren 1889, und Edmund Mosheim, geboren 1883, starben 1944 in Auschwitz. Die Baustoff- und Eisenwarenhandlung „Sally Mosheim“ befand sich neben dem Rathaus in der Prof.-Kümmell-Str. 15. 1938 wurden die Brüder Edmund und Ludwig Mosheim gezwungen, das Geschäft aufzugeben.

Verfolgt und vernichtet

Entrechtung, Verfolgung, Vernichtung: Eine Ahnung dessen, was jüdische Mitbürger in Korbach spätestens seit der Pogromnacht erleiden mussten, erhielten die Teilnehmer an den Originalschauplätzen Tempel (ehemals jüdische Synagoge und Schule, Pogrom und Folgen) und vor dem damals sogenannten „Judenhaus“ in der Kirchstr. 13. Dort lebten zeitweise bis zu 16 Korbacher jüdischen Glaubens, darunter auch Bernhard Löwenstern, Jahrgang 1915.

Von den Nationalsozialisten als „erbkrank“ deklariert, musste der, so Marion Lilienthal, „begnadete ALS-Schüler“ in eine Zwangssterilisierung einwilligen. Unmittelbar nach der Pogromnacht wurde er im November 1938 mit weiteren jüdischen Bürgern verhaftet. Sein Leidensweg durch das Konzentrationslager Buchenwald, die Landesheilanstalten Haina und Gießen endete in der Tötungsanstalt Brandenburg. Im Alter von 25 Jahren wurde der Korbacher dort ermordet.(tk)

Lehrer und Schüler, die sich für die Teilnahme an einer Stadtführung „Auf den Spuren jüdischen Lebens“ interessieren, erhalten weitere Informationen unter: www.waldeckischer-geschichtsverein.de.

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