Traditionelles „Christkindwiegen“ diesmal buchstäblich publikumsnah

Bodenständige Freunde

Korbach - Durch die Bauarbeiten am Turm der Korbacher Kilianskirche boten die „Weihnachtsfreunde“ das „Christkindwiegen“ in einer anderen Form: ebenerdig.

Die beiden vertrauten Lieder stimmten, die Laternen leuchteten wie immer stimmungsvoll, und doch war diesmal alles anders: Zum „Christkindwiegen“ blieben die „Weihnachtsfreunde“ am Boden. Normalerweise steigen an Heiligabend und am ersten Weihnachtsfeiertag Männer aus der Hansestadt die 264 Stufen des 92 Meter hohen Turms empor und lassen dann vom steinernen Umgang unterhalb der barocken Haube im Schein von Fackeln an Seilen ihre Lampions und Laternen herunter, die sie zu ihrem Gesang schwenken. Doch in diesem Jahr ist der Umgang noch gesperrt, die Sanierungsarbeiten am Turm dauern noch an. Und schon kursierten die Gerüchte in der Stadt: Sollte der schon 1543 urkundlich bezeugte Brauch etwa ausfallen? Undenkbar für die „Vereinigung der Weihnachtsfreunde“, die das „Christkindwiegen“ bereits seit 1951 organisiert. So weit die Männer zurückdenken können, mussten die Korbacher nur einmal auf ihre bei Jung und Alt beliebte Tradition verzichten: im Kriegsjahr 1944, als aus Angst vor alliierten Luftangriffen eine strenge Verdunklungspflicht herrschte. „Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen“, stellte Vorsinger Stephan Rückert an Heiligabend fest. Und so kamen etwa 70 Männer und Jungen vor der Kilianskirche zusammen, um nach dem Abendgottesdienst das gotische Gotteshauses zu umrunden. Statt ihre Laternen vom Umgang aus in alle vier Himmelsrichtungen zu schwenken, nahmen sie an allen vier Seiten der Kirche Aufstellung und sangen ihr Lied. Dazu schwenkten sie ihre Laternen über dem Kopf. Die Sänger nahmen ihren improvisierten Auftritt mit Humor: „Die Laternen nicht länger als zwei Meter runterlassen“, rief einer, als sich die Gruppe zur Probe unter einem mächtigen Chorfenster formierte. Doch zum „Christkindwiegen“ kam feierlicher Ernst in den Reihen auf. „Dicht aufrücken,“ rief Stephan Rückert, noch einmal trug er die Verse des Liedes „Dies ist der Tag, den Gott 
gemacht“ vor – doch der Text war allen bestens bekannt. Und so stimmten sie die vertraute Melodie an. Immer wieder ging strömender Regen auf die Gruppe nieder – aber ungemütliches Wetter sind die Männer gewohnt, die schon seit Jahren dabei sind: Auf dem zugigen Turm sind sie solchen Unbilden noch stärker ausgesetzt als auf dem Boden. Vom Chor zogen die Sänger zum Nordportal, dann auf den Platz zwischen dem Turm und der „Waldeccia“, und schließlich nahmen sie vor dem prächtigen Südportal Aufstellung, wo sich der Schein ihrer Laternen mit dem gelben Licht der Strahler mischte. Wieder verfolgten zahlreiche Zuschauer den Brauch, vor dem Südportal bekamen die Männer einen Schlussapplaus. Am Morgen des ersten Feiertages wiederholten die „Weihnachtsfreunde“ den Brauch, diesmal mit dem Choral „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ des Mengeringhäuser Pfarrers Philipp Nicolai.Bleibt der Trost: Nächstes Jahr gibt es das „Christkindwiegen“ wohl wieder vom Turm aus. Von Dr. Karl Schilling

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