Hans Kràsas Kinderoper beeindruckt drei Generationen in der Nikolaikirche

Das Böse ist allgegenwärtig

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Katz und Spatz und Hund als Schutzengel wachen bei den schlafenden Geschwistern Annika (Merle Ochner) und Pepicek (Lukas Koch). Fotos: Armin Hennig

Korbach - Mit 65 Beteiligten stemmte der durch Schüler der Berliner Schule verstärkte Kinder- und Jugendchor die Aufführung des Projekts „Brundibár oder: Weil die Freiheit nur geliehen“ ist und rührte dabei gleich an mehrere Schichten bei den durchweg begeisterten Zuschauern aus drei Generationen.

Hans Kràsas Kinderoper erwies sich in der Nikolaikirche als musikalisches Herzstück einer Konzeption, in deren Verlauf die Allgegenwart des Bösen zu allen Zeiten ebenso thematisiert wurde wie die Aufforderung, sich unter allen Umständen solidarisch gegen das Unrecht zu wehren.

Über 50 Mal war „Brundibár“ seit 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt aufgeführt worden. Ein Werk, das allen daran beteiligten Kindern etwas Normalität vermitteln sollte. Zwei Jahre nach der ersten Aufführung wurden der Komponist und viele seiner Darsteller nach Auschwitz deportiert und dort von den Nazis und ihren Erfüllungsgehilfen umgebracht. Die irrwitzige Ideologie, die hinter dem Massenmord an den europäischen Juden steckte, ist für Kinder und auch für viele Erwachsene kaum noch nachvollziehbar, auch wenn das Potenzial zum Bösen in jedem Menschen steckt und unter anderen Umständen die Oberhand gewinnen kann.

Thomas Schwill und Eberhard Jung beließen es deshalb nicht bei der Aufführung einer Kinderoper in der Tonsprache der klassischen Moderne, sondern brachten überzeitliche Elemente ins Spiel. Dabei stellten sie persönliche Nahtstellen zum Unrecht von heute und den scheinbar nicht wiederholbaren Schrecken von damals her. Als unzertrennlich miteinander verbundene Schicksalsmächte eröffnete der Jugendchor mit dem eindrucksvollen „O Fortuna“ aus Carl Orffs Carmina Burana (1937) das vielschichtige Stück, bevor erst einmal das Wort Vorfahrt hatte - in einer Szene, wie sie sich jeden Tag auf Schulhöfen ereignen kann:

Die Jungs von der Achten profilieren sich gegenüber den Schwächeren als Wegelagerer und nehmen der Viertklässlerin Samira (Samira Mahamid) den Schulranzen weg als Pfand für nicht bezahlte Durchgangsrechte in Höhe von fünf Euro. Im Klassenzimmer von Stephanie Orchner ist denn auch Zivilcourage ein Thema und die Folgen des Wegsehens. Mit seinem Augenzeugenbericht aus den gerade befreiten KZ Buchenwald bildete der 82-jährige Professor Dr. Arno Schmidt die persönliche Nahtstelle von der Zeit der Konzentrationslager zur Gegenwart. Als Zeitzeuge erzählte er von seiner Wandlung vom begeisterten Hitlerjungen unter dem Eindruck des Leids im gerade befreiten Lager in der Nachbarschaft, über das die Bevölkerung Weimars irgendwie hinweggesehen hatte.

Verwirrte Kinder, die nach der Befreiung nichts mehr mit sich anfangen konnten, erwiesen sich dabei als negative Parallele zu den Schützlingen von Hans Krasà, der seine Oper von 1936, deren Partitur ihm nicht mehr zu Verfügung stand, für die Kinder von Theresienstadt neu komponiert hatte. Das Fliegerlied aus der Erstfassung hatten Eberhard Jung und Thomas Schwill noch eingefügt, samt den beiden Popsongs „What a wonderful world“ und „Drea­min“, das die mit Katz und Spatz und Hund als Schutzengel bei den schlafenden Geschwistern Annika (Merle Ochner) und Pepicek (Lukas Koch) wachenden Schicksalsmächte anstimmen. Dabei erwies sich der Hit als kleine Ruheinsel für mit der Tonsprache der Moderne nicht so vertraute Zuhörer. Opernbesucher sahen indessen einen kleinen optischen Verweis auf Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel.

Rein musikalisch erinnert das Geschehen auf jenem Marktplatz, auf dem die Geschwister durch ihren Gesang das Milchgeld für die kranke Mutter einsammeln wollen, an Igor Strawinskys Petruschka. Auch einige Walzerklänge, die eher Assoziationen an den Rosenkavalier von Richard Strauss als den Walzerkönig Johann Strauß II wecken, beleben das Klangbild.

Beim Kampf der menschlichen Stimme gegen die Maschine des habgierigen Drehorgelspielers Brundibár (Leonie Grebe) hat der Leierkasten zunächst auch musikalisch die Oberhand. Die erste Runde geht klar an den Machtmenschen und seinen Apparat, der die Menge auf dem Markt gegen die Außenseiter auf seine Seite zieht. Doch mit Hilfe von Spatz (Elena Keudel), Katze (Jennifer Schieferdecker) und Hund (Sven Kiepe) schlagen die Geschwister am nächsten Morgen so erfolgreich ein neues Kapitel auf, dass sich Brundibár zuletzt die Schale mit ihren Einnahmen schnappen will. Doch wozu hat man Freunde?

Eberhard Jung dirigierte das „Orchester im Treppenhaus“ souverän und bot eine durchweg ansprechende Interpretation einer Partitur der klassischen Moderne. Das Bühnenbild von Carola Petersen verband den aktuellen Schulalltag mit einer Dekoration im Stil der Entstehungszeit der Oper.

Für die ganz Kleinen war die von Thomas Schwill überzeugend in Szene gesetzte Dreifachkonzeption vielleicht etwas zu lang. Andererseits befreite sie die Oper von Hans Krása aus ihrer Zeitkapsel und machte mit ihren zahlreichen Bezügen bis zur Gegenwart deutlich, dass die Einmaligkeit der NS-Verbrechen auch spätere Generationen nicht vor den eigenen Entscheidungen für das Gute oder dem Nachgeben gegenüber dem Bösen dispensiert.

Von Armin Hennig

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