24 Autoren aus Waldeck-Frankenberg stellen in Vöhl ihr Buch über die Verschleppung der Juden vor

Ein Buch als „letzte Ehrung“ der Toten

+
Sie haben ein Netzwerk gegründet und stellen mit ihrem Buch „Die gewaltsame Verschleppung von Juden aus Waldeck-Frankenberg 1941/1942“ ihr erstes gemeinsames Werk vor: Die Autoren mit Herausgeber Wilhelm Völcker-Janssen, Karl-Heinz Stadtler, Prof. Rebecca Boehling, Marion Lilienthal und Prof. Dietfried Krause-Vilmar.

Vöhl. - 24 Autoren, 440 Seiten und 32 Kapitel: Mit dem Buch „Auf Omas Geburtstag fahren wir nach P.“ legen heimische Historiker und historisch Interessierte einen Beitrag zur Aufarbeitung der Verschleppung der Juden aus Waldeck-Frankenberg 1941/42 vor.

Er war neun Jahre alt, als ihm sein Lehrer in Altenlotheim verkündete, er dürfe künftig nicht mehr in die heimische Schule gehen, sondern müsse in ein Kinderheim nach Frankfurt. Als er zwölf war, deportierten die Nazis ihn und seine Familie ins Ghetto nach Riga - er erlebte unvorstellbaren Hass, großes Leid und nie gekannte Grausamkeit. Als er mit 17 Jahren nach Altenlotheim zurückkehrte, musste er erkennen, dass seine ganze Familie im Holocaust ermordet worden war. Er verließ seinen Heimatort.

Heute ist Israel Straus 84 Jahre alt und lebt mit seiner Frau in Israel. Für das Buch „Auf Omas Geburtstag fahren wir nach P.“ hat er sich erinnert - qualvoll für sich selbst und ehrlich. Gemeinsam mit Autor Karl-Heinz Stadtler schildert er die Geschichte seiner Familie. Es sind Erzählungen wie seine, die das Buch mit dem Untertitel „Die gewaltsame Verschleppung von Juden aus Wal­deck-Frankenberg 1941/42“ so wertvoll machen.

„Viel verloren“

24 Autoren aus Waldeck-Frankenberg haben über Jahrzehnte recherchiert und interviewt, gemeinsam legten sie gestern in der Vöhler Synagoge das Ergebnis ihrer Arbeit vor. Herausgeber sind Historikerin Marion Lilienthal von der Alten Landesschule in Korbach, Karl-Heinz Stadtler vom Förderkreis der Vöhler Synagoge und Korbachs Museumsleiter Wilhelm Völcker-Janssen. „800 Juden wurden in Wal­deck-Frankenberg Opfer der Nationalsozialisten“, erklärte Karl-Heinz Stadtler bei der Buchvorstellung, „in 19 von 22 Gemeinden im Landkreis hat es einmal jüdisches Leben gegeben“.

An dieses Leben zu erinnern, Opfern und Überlebenden eine Stimme zu geben, hatten sich die Autoren vorgenommen - und bekamen dafür gestern viel Anerkennung. „In der Nähe werden die Dinge entschieden“, befand Historiker Prof. Dietfried Krause-Vilmar, der zwar selbst nicht an dem Buch beteiligt war, aber die Vorstellung übernommen hatte. Die selbstkritische Aufklärung mit Blick auf das eigene Dorf sei oft schmerzlich, aber nötig. Das Buch leiste diesen Beitrag - mit einem Teil, der die historischen Hintergründe aufarbeitet und einem zweiten, der einen Fokus auf die Verschleppung der jüdischen Mitbürger in den heimischen Dörfern legt, auf die Geschichten der Menschen.

Ihnen hat das Buch auch seinen Titel zu verdanken: „Auf Omas Geburtstag fahren wir nach P.“. Meinhard Lichtenstein aus Volkmarsen hatte die Zeilen in einem Brief zurückgelassen, der Bekannten verschlüsselt das Schicksal der Familie ankündigte: die Deportation nach Polen. „Dieses Buch ist nicht nur eine historische Erfassung“, befand Prof. Dietfried Krause-Vilmar, „es geht um die letzte Ehrung der Toten“. Die Betroffenheit der Autoren sei zuweilen spürbar.

Auch Prof. Rebecca Boehling, Direktorin des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen, deren Mitarbeiter sich ebenfalls an der Entstehung des Bandes beteiligt hatten, lobte die Arbeit: „Obwohl es keine Widmung gibt, können wir dieses Buch als Gedenken verstehen an diejenigen, die nicht überlebten und diejenigen, die überlebten.“ Die Vernichtung der jüdischen Mitbürger, ihrer Familien und ihrer Kultur habe „eine große Lücke in dieser Gesellschaft hinterlassen, die nie gefüllt werden kann. Wir müssen einen Sinn dafür bekommen, was und wen wir verloren haben“. Dabei will das Buch helfen.

Marion Lilienthal, Karl-Heinz Stadtler, Wilhelm Völcker-Janssen (Hrsg.): Auf Omas Geburtstag fahren wir nach P. - Die gewaltsame Verschleppung von Juden aus Waldeck-Frankenberg 1941/42“, ISBN 978-3-9813425-4-3, 19,80 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare