Arztinterview im Stadtkrankenhaus Korbach

Im Notfall sofort ins Krankenhaus

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Notfallversorgung im Schockraum des Stadtkrankenhauses in Korbach.   

Mit Beginn der Corona-Pandemie hat sich die Zahl der Patienten, die beispielsweise mit Schlaganfall oder Herzinfarkt ins Krankenhaus kommen, deutlich reduziert. Patienten zögern, in die Notaufnahme zu gehen oder den Notruf 112 zu wählen.  –

Manche zögern aus Rücksicht vor Corona-Infizierten, manche aus Angst, sich selbst zu infizieren. Doch gerade in akuten Notsituationen kann ein Zögern lebensbedrohliche Folgen haben. Die Verantwortlichen im Stadtkrankenhaus appellieren an die Patienten, medizinische Notfälle immer ernst zu nehmen und frühestmöglich abklären zu lassen. Der Notfallbetrieb laufe in den Krankenhäusern unverändert und auf hohem Niveau weiter. Was ein Notfall ist und in welchen Fällen der Rettungsdienst verständigt werden sollte, erläutert Dr. Arne Fittje, Chefarzt der Abteilung für Orthopädie, Unfallchirurgie und Wirbelsäulenchirurgie.

Wie reagiert man richtig, wenn es zu einer Unfallsituation oder zu einem medizinischen Notfall kommt?

Dr. Fittje: Zeit rettet Leben! Bei schweren Verletzungen und Unfällen muss der Rettungsdienst unter der 112 benachrichtigt werden. Die erste Stunde nach einem Unfall ist entscheidend. Deshalb ist es wichtig, nach der Erstversorgung des Patienten am Unfallort zeitnah und ohne Verzögerung eine umfassende klinische Diagnostik und Behandlung einzuleiten.

Um gezielt professionelle Hilfe zu erhalten, wird der Anrufer vom Leitstellen-Mitarbeiter zum Beispiel nach den W-Fragen befragt: Wo befinden Sie sich? Was ist geschehen? Wie viele Personen sind betroffen? Welche Symptome liegen vor?

Dr. Fittje: Die meisten medizinischen Laien sind mit diesen Situationen überfordert, daher geben die Mitarbeiter der Rettungsleitstelle telefonische Hilfestellungen und unterstützende Anleitungen, und das bei Bedarf, bis der Rettungsdienst eintrifft. So können Spätfolgen des Unfalls minimiert und die bestmögliche Wiederherstellung des Patienten gesichert werden. Wichtig für die optimale Behandlung schwerverletzter Patienten ist eine professionelle Prozesskette, die vom Rettungsdienst über den Schockraum, den Operationssaal, die Intensivstation und weitere stationäre Behandlungen bis zur Rehabilitation führt. 

Dr. Arne Fittje. 

Im zertifizierten Traumazentrum am Stadtkrankenhaus Korbach erfolgt die Behandlung von speziell ausgebildeten Unfallchirurgen nach wissenschaftlich gesicherten Abläufen unter maximalem Einsatz aller zur Verfügung stehenden Infrastruktur. Das Trauma-Team wird bereits vom Notarztwagen über Art und Schwere der Verletzungen informiert und steht bei Ankunft des Patienten bereit. Das regionale Traumazentrum in Korbach ist nicht nur zur Behandlung der Basisversorgung zugelassen, sondern auch für schwere Verletzungsmuster.

Nicht jede Verletzung ist auch ein Notfall. Wann sollte man direkt ins Krankenhaus kommen?

Dr. Fittje: Bei Verletzungen, die man mit den üblichen Hausmitteln wie Pflaster, Verband, kühlen und den sonstigen Hausmitteln nicht beherrschen kann. Hierzu gehören natürlich größere, stark verschmutzte Wunden oder auch Rötungen und Überwärmung nach Weichteilverletzungen, bei denen man eine Infektion befürchten muss.

Akut aufgetretene Schmerzen, auch nach Unfällen, die an Intensität zunehmen und sich mit den üblichen Hilfsmitteln nicht bessern. In all diesen Fällen ist aber zunächst der niedergelassene Kollege, also der Hausarzt, der primäre Ansprechpartner. Am Wochenende wird von den niedergelassenen Kollegen ein ärztlicher Bereitschaftsdienst gestellt und gilt als erster Ansprechpartner. Dieser leitet bei Bedarf den Patienten zur weiteren Diagnostik und Behandlung in eine Klinik.

Wann sollte die Notrufnummer 112 kontaktiert werden?

Dr. Fittje: Wenn man sich aufgrund der Beschwerden nicht mehr selber mobilisieren kann und eine eigene Vorstellung beim niedergelassenen Arzt oder dem ärztlichen Notdienst nicht mehr möglich ist. Wer unter folgenden Symptomen leidet, sollte daher sofort den Notruf wählen: Brustschmerz, der in Arme, Schulter, Hals, Kiefer oder Oberbauch ausstrahlt. Engegefühl, Druck oder Brennen in der Brust. Oder: Atemnot.

Auch wenn die Situation unklar beziehungsweise der Verletzungsgrad nicht ersichtlich ist, sollte in jedem Fall der Rettungsdienst gerufen werden. Unter Tel. 112 stehen sehr erfahrene Mitarbeiter des Rettungsdienstes bereit, die bei den weiteren Schritten begleiten und die notwendigen Maßnahmen einleiten.

Bei wieviel Prozent derer, die die Notaufnahme aufsuchen, handelt es sich nicht um einen Notfall?

Dr. Fittje: Die Zahl setzt sich aus medizinisch und organisatorisch unbegründeten Fällen zusammen und ist stark vom Wochentag und der Uhrzeit abhängig.

Im Stadtkrankenhaus Korbach behandeln wir bis zu 53 Prozent aller Notfallpatienten ambulant. Dass das jeweilige Krankheitsbild keine stationäre Behandlung erfordert zeigt, dass eine nicht unerhebliche Anzahl dieser Patienten eine Behandlung in einer Krankenhausambulanz aus medizinischer Sicht nicht benötigen würde.

Muss ich mit Konsequenzen rechnen, wenn ich mit einer Lappalie in die Notaufnahme gehe?

Dr. Fittje: Das wird immer wieder öffentlich diskutiert. Das Problem ist in den vergangenen Jahren ja immer größer geworden, und ich gehe davon aus, dass der Gesetzgeber irgendwann gezwungen sein wird, zu reagieren. Ein erster Schritt ist mit der bundesweiten Einführung der sogenannten Triage bereits erfolgt.

Wird der Entwicklung, dass immer mehr Patienten mir banalen Alltagsbeschwerden in die Notaufnahme kommen, entgegengesteuert? Wenn ja, wie?

Dr. Fittje: Seit diesem Jahr sind Krankenhäuser verpflichtet, Patienten mittels Triage in Notfallkategorien einzuteilen. Der Begriff Triage kommt aus dem Französischen und bedeutet Auswahl oder Sichtung.

Dabei werden die Patienten anhand definierter Kriterien wie dem Schweregrad der Erkrankung, dem allgemeinen Gesundheitszustand sowie möglichen Begleiterkrankungen, die die Diagnose verschlechtern können (zum Beispiel eine fortgeschrittene Krebserkrankung oder Immunschwäche) beurteilt. Demzufolge müssen Patienten mit leichten Erkrankungen, die keiner klinikgebundenen Behandlung bedürfen, bei großem Andrang in der Notaufnahme sehr lange warten.

Die Reihenfolge der Behandlung bestimmt die objektive Bedürftigkeit und nicht mehr der Zeitpunkt des Eintreffens. So wird sichergestellt, dass die beschränkten Ressourcen für die Patienten genutzt werden können, die tatsächlich als medizinischer Notfall in einem Krankenhaus zeitnah behandelt werden müssen.

Ich verstehe, das jeder sich selbst als so bedürftig empfindet, dass er die objektiv nach Vorgaben festgelegte Reihenfolge nicht immer nachvollziehen kann. Wir bemühen uns aber weiterhin im persönlichen Gespräch und in den sozialen Medien um Aufklärung und Akzeptanz. 

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