"Mamma mia! So weit sind wir schon"

Wie ein Korbacher das Coronavirus-Chaos in Mailand erlebt

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Gespenstische Atmosphäre: Eine Frau überquert den fast leeren Domplatz in der Innenstadt von Mailand. Die italienische Regierung hat wegen der rasanten Ausbreitung des Coronavirus die Sperrungen und die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit auf das ganze Land ausgeweitet. 

Ganz Italien ist eine Sperrzone: Der Korbacher Manuel Wiederhold arbeitet derzeit als Deutschlehrer für das Goethe-Institut in Mailand und bekommt die Einschränkungen durch die Coronavirus-Pandemie hautnah mit.

  • In Italien wütet das Coronavirus besonders stark
  • Manuel Wiederhold aus Korbach arbeitet in Mailand
  • Der Deutschlehrer berichtet von seinen Erfahrungen

Mailand - Ich erinnere mich noch sehr gut an den 21. Februar, ein Freitag. Da war hier in Italien noch von drei Coronavirus-Infektionen  in Italien die Rede. Am nächsten Tag hatte ich Gruppenunterricht am Goethe-Institut Mailand, meine Schüler berichteten schon von 53 Fällen im ganzen Land. 

Ich dachte mir: Okay, die Lage sollte man nicht unterschätzen, aber letzten Endes ist es eine Art Grippe. Vielleicht geben sich da manche einer Hysterie hin.

An diesem Sonntag kommt eine Mail von unserer Pädagogischen Leitung: Alle Kurse werden ab sofort auf Eis gelegt, unser Institut schließt seine Pforten, man überlegt eine Umstellung auf Onlineunterricht. Wenn nur die Technik mitspielt! Und wie unterrichtet man 16 Kursteilnehmer? 

Coronavirus in Italien: In Mailand schließen Restaurants

Manuel Wiederhold aus Korbach arbeitet für das Goethe-Institut in Mailand.

Zu den beruflichen Sorgen gesellen sich persönliche: Bleiben eigentlich alle Supermärkte geöffnet? Sind Hamsterkäufe sinnvoll? Kann ich noch guten Gewissens wie jeden Morgen meinen Cappuccino in der Bar an der Ecke schlürfen?

Die ersten Restaurants schließen, vornehmlich die chinesischen. Immerhin hat mein Lieblings-Inder noch auf, und um nicht den ganzen Tag in den eigenen Wänden zu versauern, mache ich mich also zum Restaurant „Kaschmir“ auf. 

Das „Butter Chicken“ schmeckt gut wie immer, aber ich bin der einzige Gast. Alle haben mittlerweile Sorge, wenn auch vielleicht noch keine echte Angst.

Das Coronavirus sorgt in Mailand für leere Fußgängerzonen

Ein kleiner Fahrradausflug in die Stadt, und ich bin baff. Zum ersten Mal in meinen 16 Monaten Mailand kann ich mir die Schaufenster in der Innenstadt in aller Ruhe anschauen, niemand drängelt, niemand schiebt, niemand läuft einem direkt vor die Nase, weil er vom Handy abgelenkt ist.

 Niemand, weil: keiner da.

Vor dem Dom, auf diesem Riesenplatz, tummeln sich insgesamt höchstens fünfzig Menschen – hier, wo in Nichtcoronazeiten Tausende von Touris aus aller Welt ihre Selfies schießen, die vu cumprà, die afrikanischen Straßenhändler, ihre gefälschten Gucci-Taschen feilbieten und wo immer Highlife ist. Tote Hose.

Das Coronavirus sorgt in Italien für Misstrauen unter der Bevölkerung

 Mittlerweile schauen sich Supermarktkunden misstrauisch an, wer auch nur hüstelt, wird sofort mit einem bösen Blick bedacht.

Die Maßnahmen werden sukzessive verschärft, die „decreti“ der Lokalregierung sind drakonisch: Kinos und Theater werden geschlossen, Großveranstaltungen abgesagt, und das ausgerechnet vor der „Fashion Week“, wo Designer wie Giorgio Armani, Moschino und Gucci ihre Ideen für die nächste Saison vorstellen. 

Alles wird abgeblasen, Armani lässt seine Show online stellen, ohne Publikum. Mamma mia! Wenn wir schon so weit sind ...

Coronavirus-Pandemie in Italien: Sogar Bestattungen sind untersagt

Jede Menschenansammlung ist zu vermeiden, sogar Bestattungen sind untersagt. Unweit von Mailand kam ein 15-jähriger ums Leben, und die Eltern können ihn nun noch nicht einmal beerdigen, eine doppelte Tragödie.

Nachricht vom Arbeitgeber: Die häusliche Quarantäne bleibt weiterhin erforderlich, mindestens bis zum 3. April. Immerhin klappt der Online-Unterricht, den wir unseren Deutschschülern anbieten, besser als gedacht.

Trotz Coronavirus: Die kleinen Lichtblicke in Mailand

Eine Passagierin mit Mundschutz sitz in einer leeren U-Bahn in Mailand.

Immerhin ist mein kleiner Latino-Supermarkt noch nicht leergekauft, Futter für meinen Hund gibt es auch noch, nur das Mineralwasser ist ausverkauft. Die Busse sind schon seit geraumer Zeit menschenleer, fahren aber noch. Geisterstimmung auch in der U-Bahn. Ich nehme ohnehin lieber das Rad.

Das nächste Dekret schreibt vor, dass alles um 18 Uhr schließen muss. Pizzerien, Trattorien, alles. So langsam geht mir ein wenig die Muffe, insbesondere seit den gestrigen Erwägungen, sogar die Supermärkte zu schließen. Man könne online bestellen und sich die Waren nach Hause liefern lassen, heißt es. 

Meine Vorräte reichen noch ein paar Tage, ich werde es schon überstehen.

Mit dem Coronavirus in Italien ist nicht zu spaßen

Aber auf den Morgen-Cappuccino verzichten, das wäre schon hart. Mir ist klar, derweil ich um meinen Cappuccino bange, ringen manche Coronavirus-Patienten mit dem Tode. Und daran gemessen, kann ich ein Weilchen verzichten.

Immerhin freut sich mein Hund darüber, dass Herrchen derzeit immer da ist. Und gestern ist hier der Frühling ausgebrochen. Wenigstens scheint die Sonne.

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