Drei Korbacherinnen legen nach Schulabschluss „Freiwilliges Soziales Jahr“ ein

„Das ist doch keine Zeitverschwendung“

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Korbach - Die einen nennen es Zeitverschwendung, die anderen werfen ihnen Unentschlossenheit vor: Für Carmen Sauer, Jana Winzer und Michele Hagel war das „Freiwillige Soziale Jahr“ das Beste, was ihnen passieren konnte.

Wenn Jana Winzer morgens in die Klasse kommt, dann wird sie schon sehnlichst erwartet. Mit offenen Armen und strahlenden Gesichtern wird die junge Korbacherin in der Paul-Zimmermann-Schule empfangen. Das war schon so, als sie im vergangenen Sommer zum ersten Mal die Klasse betrat.

„Damals war ich furchtbar aufgeregt“, erinnert sich Jana Winzer. Aber nur wenige Tage vergingen und die 19-Jährige wusste: „Das ist genau die richtige Arbeit für mich.“ Und damit hatte Jana Winzer schon nach wenigen Tagen die wichtige Erkenntnis gewonnen, die sie sich von ihrem „Freiwilligen Sozialen Jahr“ (FSJ) erhofft hatte. Nach dem Abschluss an der Fachoberschule ahnte sie schon, dass ihre künftigen Wege sie in einen sozialen Beruf führen würden. „Aber ich wollte nicht Theorien wälzen und studieren, ich wollte erst mal was Praktisches“, sagt Jana Winzer. Und deshalb bewarb sie sich bei der evangelischen Kirche für ein FSJ.

Sehr zur Freude von Nina Jonescu, Schulleiterin an der Paul-Zimmermann-Schule. „Als der Zivildienst wegfiel, hatten wir Angst, dass wir nicht mehr genug Mitarbeiter bekommen würden“, sagt sie. Aber dank der jungen Menschen, die sich für das FSJ, ein Praktikum oder den Bundesfreiwilligendienst entscheiden würden, hätte die Schule den Wegfall des Zivildienstes gut überstanden. Zwar eigne sich nicht jeder für diesen Dienst. „Aber Jana war hier vom ersten Tag an richtig“, sagt Nina Jonescu, „sie hat Herzenswärme und keine Berührungsängste“.

Zukunftsfragen klären

„Und auch ich habe gefunden, was ich wollte“, sagt Jana Winzer. Eine Perspektive. „Man bekommt von den Kindern so viel zurück“, sagt die Korbacherin, „dieses Jahr war keine Zeitverschwendung, sondern eine Erfahrung fürs Leben“. Im Herbst beginnt sie mit dem Studium der Heilpädagogik. „Und irgendwann würde ich gerne an die Paul-Zimmermann-Schule zurückkehren.“ Vielen jungen Menschen in Waldeck-Frankenberg geht es wie Jana Winzer. Viel Geld bekommen sie für das Freiwillige Soziale Jahr nicht - über die Höhe des Taschengeldes entscheidet der Träger.

„Wir wollen den Jugendlichen bei der Berufsorientierung helfen“, erklärt Sabine Reuter-Lange, die den Freiwilligendienst im Landkreis für die evangelische Kirche koordiniert. Im Rahmen des Programms 16+ begleitet sie speziell Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren und berät bei Fragen der Zukunftsplanung.

Mit diesen Fragen trat auch Michele Hagel ihr „Freiwilliges Sozialen Jahr“ an. „Nach meinem Hauptschulabschluss dachte ich, vielleicht wäre Floristin was für mich“, erzählt sie. Aber dann entdeckte sie während eines Praktikums im Altenhilfezentrum in der Enser Straße ihre Liebe zu den alten Menschen. Also bewarb sie sich dort für ein FSJ. „Ich habe viel gelernt, bin selbstbewusster geworden und weiß jetzt, was ich will“, sagt die 18-Jährige. Sie könne den Menschen helfen, die Hilfe bräuchten. Berührungsängste habe sie abgelegt, der körperlichen Herausforderung wolle sie sich stellen. Nun sucht sie einen Ausbildungsplatz als Altenpflegerin.

Die Liebe zu den Menschen hat auch bei Carmen Sauer den Ausschlag für das FSJ gegeben - mit Erfolg. Ihre Zeit im Kindergarten „Regenbogen“ hat sie in dem Wissen bestärkt: „Ein Job im Büro wäre nichts für mich.“ Stattdessen will sie mit Menschen arbeiten, die sich ihre Hilfe wünschen. „Ich glaube, ich bin bei der Arbeit mit behinderten Menschen noch besser aufgehoben“, sagt die 17-Jährige und will deswegen Heilerziehungspflegerin werden. Und wie blickt sie auf das FSJ zurück? Da lächelt sie: „Ich würde glatt noch eins machen“.

Der neue FSJ-Jahrgang beginnt im September. Infos über das Angebot der ev. Kirche gibt es unter Telefon 06421/6200360.

Hintergrund

Bereits Mitte der 50er-Jahre erfanden die Kirchen in Deutschland das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ). Junge Menschen zwischen 16 und 27 Jahren, die ihre Vollzeitschulpflicht erfüllt haben, engagieren sich ein Jahr lang im sozialen Bereich – für ein Taschengeld. Inzwischen bieten auch nichtkirchliche Träger das FSJ an.

Mit dem Ende der Wehrpflicht wurde dann 2011 der Bundesfreiwilligendienst eingerichtet: Er soll das Freiwillige Soziale und Ökologische Jahr ergänzen. Der Bundesfreiwilligendienst richtet sich nämlich auch an Männer und Frauen über 27 Jahre. (resa)

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