Geringes Interesse an Vorstandsarbeit fordert nicht nur Adorfer Sportschützen · Amtsgericht zeigt Au

„Das Vereinswesen ist nicht einfach“

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Die geschlossenen Fensterläden am Schützenhaus sind derzeit ein Sinnbild für die Situation des Adorfer Sportschützenvereins. Das Vereinsleben ruht aufgrund interner Querelen.

Diemelsee-Adorf - Das Ehrenamt ist eine wichtige Säule der Gesellschaft. Immer weniger Frauen und Männer haben aber Zeit oder Lust, Verantwortung zu übernehmen. Ziehen sich die Probleme bis in die Vorstandsebene, drohen den Vereinen rechtliche Schwierigkeiten. Ein Beispiel ist der Sportschützenverein 1925 Adorf.

Die Adorfer Sportschützen ringen seit Monaten mit strukturellen Problemen. Nachwuchsmangel, geringes Interesse an ehrenamtlichem Engagement und Zerwürfnisse zwischen Vorsitzendem und Mitgliedern sind die Schlagworte. Ihre Mannschaft zogen die Diemelseer von den Rundenwettkämpfen 2012/2013 zurück. Das Schützenhaus auf dem Dansenberg ist „aus personellen Gründen“ sonntags nicht mehr geöffnet, heißt es auf der Internetseite www.ssv-adorf.de. Einzige Vereinsaktivität ist das Training mit drei Jugendlichen am Mittwoch (WLZ, 8. November).

Handlungsunfähig

Ihrer Unzufriedenheit machten viele Mitglieder bereits Luft. Zwei Entwicklungen sprechen eine deutliche Sprache: Mitgliederschwund: Vorsitzender Klaus-Dieter König berichtete der WLZ im November von 72 Vereinsmitgliedern. Inzwischen räumt er ein, dass der Vereine nur noch aus etwa 50 Sportschützen bestehe.

Auflösung des Vorstandes: Vom satzungsmäßig vorgeschriebenen siebenköpfigen Vorstand sind nur noch Vorsitzender Klaus-Dieter König und Schriftführerin Mirjam Gerstengarbe übrig. Obwohl sie weiterhin auf der Internetseite gelistet sind, gehören die zweiten Vorsitzenden Heinrich Hofmeister – er fungierte zugleich als Sportleiter – und Walter Schreiber sowie Kassierer Mike Fieseler und Jugendleiter Thorsten Berger dem Verein nicht mehr an. Der Vorstand ist folglich nicht mehr handlungs- und geschäftsfähig, denn als gerichtliche Vertreter (Paragraph 26 BGB) fungieren in Adorf Vorsitzender, Kassierer und Schriftführer gemeinsam.

„Stelle Amt gern bereit“

Kritik üben die (ehemaligen) Mitglieder zum Beispiel daran, dass keine Jahreshauptversammlungen mehr einberufen werden. König war 2008 gewählt worden und hätte sich laut Satzung drei Jahre später zur Wahl stellen müssen. 2011 und 2012 gab es jedoch keine Versammlungen. Sein Versprechen, noch 2012 zur längst überfälligen Versammlung einzuladen, erfüllte König ebenfalls nicht. Im Gegenteil: Inzwischen ist sogar die Sitzung 2013 überfällig. Satzungsgemäß muss die Versammlung „alljährlich im Januar/Februar einberufen werden“. Die Sorgen der verbliebenen Vereinsmitglieder um den Fortbestand des 88 Jahre alten Vereins werden daher nicht weniger: Ein Mitglied berichtet der Heimatzeitung, sowohl bei König als auch beim Vereinsregister des Korbacher Amtsgerichts vorgesprochen zu haben.

Schließlich werfe die aktuelle Situation viele Fragen auf, zum Beispiel: „Wofür bezahle ich meinen Beitrag? Wie sieht es mit dem Vereinsvermögen aus? Wie soll das Schützenhaus ohne Einnahmen unterhalten werden? Ist Ärger mit dem Finanzamt zu erwarten?“ König hält den Kritikern entgegen, dass niemand mit ihm, sondern nur über ihn rede. Mit den Finanzgeschäften will er einen Fachmann betrauen. Zugleich beteuert er: „Wenn ich Leute habe, die sich ehrenamtlich engagieren, berufe ich eine Versammlung ein und stelle mein Amt gern bereit.“

Tipps der Justiz

Die Mitarbeiter des Amtsgerichts wissen also um die Schwierigkeiten in Adorf. „Zu einem konkreten Fall darf ich aber keine Auskunft geben“, stellt die zuständige Rechtspflegerin Waltraud Steuber auf WLZ-Anfrage klar. Weil immer mehr Vereine mit dem schwindenden Interesse an der Vorstandsarbeit kämpfen und „das Vereinswesen nicht einfach ist“, informiert sie aber gern über die Möglichkeiten, die es bei strukturellen Problemen gibt.

Notvorstand

Um Vorstandsmitglieder abzuwählen oder ein neues Gremium aufzustellen, kann eine Minderheit der Mitglieder laut Paragraph 37 BGB eine Mitgliederversammlung verlangen. Regelt die Satzung dieses Minderheitenbegehren nicht, liegt der Anteil bei einem Zehntel der Mitglieder. In Adorf würden somit fünf bis sechs Unterschriften unter einem schriftlichen Antrag an den Vorstand genügen. Erst wenn der Vorstand nicht reagiert, greift die Justiz in die Vereinsautonomie ein. Paragraph 37 BGB: „Das Amtsgericht kann die Mitglieder, die das Verlangen gestellt haben, zur Berufung der Versammlung ermächtigen“. Erfolgversprechend ist dieser Weg doch nur, wenn sich Freiwillige für die Vorstandsposten finden. Ist dies nicht der Fall, greift das Amtsgericht nicht zwingend ein.

„In den meisten Satzungen gibt es einen Passus, dass der alte Vorstand so lange im Amt bleibt, bis ein neuer gewählt ist“, erklärt Waltraud Steuber, räumt aber ein: „Jemanden, der zurück- oder ausgetreten ist, können wir aber nicht verpflichten weiterzumachen.“ Bleibt ein handlungsunfähiger Vorstand übrig, „können wir auf Antrag einen Notvorstand bestellen“, verweist die Fachfrau auf § 29 BGB. Findet sich niemand aus dem Verein, der für diese Übergangszeit Verantwortung übernimmt, werden Außenstehende eingesetzt. „Häufig sind es Anwälte, die bei uns anbieten, Ämter in Notvorständen zu übernehmen“, erklärt die Rechtspflegerin. Dieser „Berufszweig“ ähnele dem der Insolvenzverwalter. Bezahlt werden müssen Notvorstände aus dem Vereinsvermögen.

„Das kann aber natürlich nicht das Ziel sein“, fasst Waltraud Steuber, für die Vereinsautonomie ein wichtiges Gut ist, zusammen. Klarmachen, was man will Sind die Probleme nicht zu lösen, ist die Auflösung des Vereins der letztmögliche Schritt. Unter welchen Voraussetzung diese möglich ist, regelt die Satzung. Unter den Adorfer Sportschützen gibt es bereits Überlegungen, sich der Historischen Schützengesellschaft oder dem VfL anzuschließen. Einfach wäre dies indes nicht.

Zwei Knackpunkte: Die Schützengesellschaft nimmt keine Frauen auf. Klaus-Dieter König weist darüber hinaus auf ein neues Schießstandgesetz hin. Aus seiner Sicht müsste ein neuer Betreiber neue Auflagen erfüllen und kräftig investieren. „Das A und O ist, dass die Mitglieder sich klar werden, was sie wollen“, resümiert Waltraud Steuber. Das gilt für alle Vereine, die aktuell oder künftig mit strukturellen Schwierigkeiten ringen.

Vereinsregister

Eingetragene Vereine sind beim Vereinsregister des zuständigen Amtsgerichts gelistet. Zu den Pflichten der Vorstandsmitglieder gehört, Veränderungen im Vorstand zu melden. Da die Vereinsautonomie ein hohes Gut ist, setzen die Justiz-Mitarbeiter laut der Korbacher Rechtspflegerin Waltraud Steuber bei der Meldung auf Zusammenarbeit. Kommen dem Gericht aber Änderungen zu Ohren, die der Registerbehörde nicht gemeldet wurden, wird eingegriffen. Die Fachleute fordern die Vereinsvertreter – wenn nötig sogar mehrfach – zur Nachmeldung auf, bis sie schließlich ein Zwangsgeld verhängen. Wie wichtig die Meldepflicht ist, erklärt Waltraud Steuber an einem Beispiel: Mögliche Geschäftspartner von Vereinen brauchen Rechtssicherheit, das heißt, sie müssen wissen, welche Vorstandsmitglieder mit der gesetzlichen Vertretung betraut und damit geschäftsfähig sind. ?Das Vereinsregister ist bei Gericht und im Internet einsehbar.(nv)

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