Literarischer Frühling auf Schloss Waldeck eröffnet

Dauerdruck der Fantasie und Lust am Neubeginn“

Waldeck - Kindheitserinnerungen von einem „Zauberer der Worte“ fesseln aufmerksame Zuhörer zum Auftakt des Literarischen Frühlings in der Waldecker Burg. Die hochkarätige Veranstaltungsreihe im Zeichen der Brüder Grimm läutet Durs Grünbein ein. Der Lyriker entpuppt sich im Rittersaal als moderner Märchenerzähler.

„Das erste Prickeln bei dem Umgang mit Wörtern habe ich am Wohnzimmertisch meines Großvaters kennengelernt“, schwelgt der 50-Jährige in Jugendträumen. Wie in einem spannenden Märchen erzählt er die nicht alltägliche Geschichte seines Großvaters. Der alte Mann lebt vom Verkauf von Kreuzworträtseln, sammelt fieberhaft und leidenschaftlich Worte.

Enkelkind Durs lässt sich Anstecken von dem Rätselmeister und entdeckt schon früh „den Sinn für das Appetitliche in den Wörtern“. Grünbein bei der Eröffnung des Literarischen Frühlings: „Das war der Beginn einer namenlosen Erregung, von der ich glaube, dass sie geradewegs in die Dichtung führte.“ Amüsante und nachdenklich stimmende Kostproben aus dem Reich der Dichtung serviert der Büchner-Preisträger seinem erwartungsvollen Publikum häppchenweise. Die Welt in der Streichholzschachtel, das Selbstporträt (mit einem alten Jochbeinknochen) oder die Exaltationen im Schlaf titelt er seine Verse. „Wie tief man sinken kann, kaum ist das Licht gelöscht“ - darüber sinnieren auch die Zuschauer im schummrigen Rittersaal. Der gebürtige Dresdener, der heute in Berlin lebt, liebt simple Märchenhelden, „die Abenteuer überstehen, um dann gewissermaßen in der Badewanne zu ertrinken.“ Damit kann er bei seinen drei weiblichen Familienmitgliedern nicht im geringsten punkten, bekennt er schmunzelnd, denn im Haus Grünbein sind Prinzessinnen-Geschichten die Bestseller der Märchen-Literatur.

Alles sagen wollen

Der Professor für Poetik an der Universität Düsseldorf, ein von Literaturkritikern gefeiertes „lyrisches Genie“, gewährt im Gespräch mit Moderatorin Felicitas von Lovenberg einen Blick hinter die Kulissen.

„Die Arbeit des Poeten besteht darin, immer flexibel zu sein und sich nicht lange zu binden“, entlockt ihm die Literaturrezensentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Grünbein schwärmt von der Lust am Neubeginn und vergleicht dies immer wieder mit dem Bild eines Malers. „Dauerdruck der Fantasie“ treibe ihn in seinen Versen an, immer bestrebt, in knappen Gebilden alles sagen zu wollen.

Das Sonett, ein Klanggedicht, eigne sich besonders, um entscheidende Lebenselemente auszudrücken. Grünberg sieht sich als Besessenen. „Ohne diese Schreibwelt wäre ich längst nicht mehr am Leben.“

Eine Signierstunde im Anschluss an die Rezitation nutzen Zuhörer, um mit dem Dichter, Übersetzer und Essayisten ins Gespräch zu kommen. Viel Beifall erhält die junge Pianistin Julia Rinderle, die die Lesung mit einigen Werken aus der Zeit der Grimms musikalisch stimmungsvoll umrahmt.

Nach dem offiziellen Teil laden die Veranstalter gemeinsam mit der Sparkasse Waldeck-Frankenberg alle Gäste, Autoren und Mitwirkenden zum Empfang ein. Von Conny Höhne

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