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Die Inklusion am Arbeitsmarkt läuft nicht rund

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Von: Marcus Althaus

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Die Fortschritte und Probleme bei der Inklusion am Arbeitsmarkt dikutierten (von links): Samuel Koch, Uwe Kemper, Daniel Schirner, Alexandra Trümner und Jens Wehmeyer. Es moderierte Thomas Korte (stehend).
Die Fortschritte und Probleme bei der Inklusion am Arbeitsmarkt dikutierten (von links): Samuel Koch, Uwe Kemper, Daniel Schirner, Alexandra Trümner und Jens Wehmeyer. Es moderierte Thomas Korte (stehend). © Marcus Althaus

„Wir wollen Inklusion leben lassen und keinen jungen Menschen verlieren, da sind sich alle Akteure am Arbeitsmarkt einig“, betont Uwe Kemper. Der Chef der Arbeitsagentur Korbach will der Inklusion mehr Impulse geben. Dazu hat er sich prominente Hilfe geholt. Samuel Koch hielt einen Vortrag zur Diskussion, ob Inklusion gelebte Wirklichkeit oder nur Illusion ist.

Waldeck-Frankenberg - Die Teilhabe am Arbeitsleben bildet eine wesentliche Voraussetzung für ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben in der Gesellschaft. Das gilt genauso für Menschen mit Beeinträchtigung.

Seit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 hat sich Deutschland verpflichtet, gleiche Rechte auf Arbeit und im Arbeitsleben für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Fortschritte wurden erzielt. Doch viele Ängste und Barrieren, vor allem in den Köpfen seien noch vorhanden, wie es die Fachleute während einer Podiumsdiskussion den anwesenden Betroffenen, Mitarbeitern, Arbeitgebern und Interessierten im Korbacher Rathaus bestätigten. Sie gingen der Frage nach, ob Inklusion gelebte Wirklichkeit oder nur Illusion ist.

Samuel Koch - ein Suchender nach der „Stehaufkraft“

Zuvor hielt Samuel Koch einen Impulsvortrag der sich auf seine Erfahrungen stützt. Der heutige Schauspieler und Autor brach sich bei einem Unfall in der ZDF-Show „Wetten, dass…“ 2010 viermal das Genick und ist querschnittgelähmt. Das Leben des damaligen Bundesligaturners und Stuntman änderte sich grundlegend. Seither ist er ein Suchender nach der „Stehaufkraft“, wie er es selbst beschreibt.

Ein Ratgeber will Samuel Koch nicht sein. Er teilt aber seine Einsichten und Erkenntnisse gerne, beschreibt die Schwierigkeiten in einer von Wertigkeiten und Nutzen geprägten Welt. Denen messe die Gesellschaft vielleicht zu viel Gewicht bei und begehe oft den Fehler, sich über „Tun-Haben-Sein“ zu definieren. „Man kann mit wenigen Mitteln mehr tun, als man denkt“, ist eine seiner Botschaften an diesem Abend. „Nicht auf das schauen was nicht geht, sondern zu sehen, was möglich ist“, ist eine andere. Diese Perspektivwechsel und die Annahme der Beeinträchtigung brachten ihm einen Abschluss an einer staatlichen Schauspielschule und Erfolge als Buch-Autor ein, wobei dies alles andere als einfach war. Und so verhält es sich offensichtlich auch mit der Umsetzung des Inklusionsgedanken.

Arbeitslosenquote Schwerbehinderter ist gesunken

Die Arbeitslosenquote Schwerbehinderter lag 2009 bei 14,6 Prozent. Bis 2019 sank diese Arbeitslosenquote auf 10,9 Prozent. Sie ist im Vergleich wesentlich höher als bei Menschen ohne Behinderung (6,2 Prozent in 2019). Am Arbeitsmarkt sind aber tendenziell Verbesserungen spürbar, wie auch das aktuelle Inklusionsbarometer der „Aktion Mensch“ beschreibt. Zwar müssen Schwerbehinderte häufiger gegen eine Langzeitarbeitslosigkeit ankämpfen. Auf der anderen Seite gibt es aber mehr Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap.

Unternehmen ab 20 Beschäftigten sind in Deutschland verpflichtet, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen und der Fachkräfteengpass gilt aktuell als treibende Kraft. Doch es geht auch freiwillig.

Die Beschäftigungsstatistik schwerbehinderter Menschen der Arbeitsagentur Korbach weist für Waldeck-Frankenberg eine etwas bessere Quote von insgesamt sechs Prozent aus. Allein seitens der privaten Arbeitgeber wird das gesetzte „Soll“ schon erfüllt.

Für das Kreisgebiet sind mindestens 1866 Stellen für Erwerbtätige mit Handicap gefordert. Tatsächlich sind nach aktuellstem Stand aus dem Jahr 2020 insgesamt 2360 Stellen an Menschen mit Behinderung vergeben. Davon entfallen 1911 Stellen allein auf private Arbeitgeber und 449 Stellen auf öffentliche Arbeitgeber. Das weicht deutlich vom Bundestrend ab, der insgesamt mehr Stellen bei öffentlichen Arbeitgebern registriert. Auch hat die Corona-Pandemie die Situation von beeinträchtigten Menschen an Eder und Diemel nicht so stark erschüttert, wie es der Bundestrend zeigte. Doch Grund zum Jubeln gibt es noch nicht.

Zugang zum Arbeitsmarkt noch immer mit Hemmnissen verbunden

Dreizehn Jahre nach dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention ist der Zugang zum Arbeitsmarkt für Schwerbehinderte noch immer mit Hemmnissen verbunden. Das weiß die heimische Arbeitsagentur genau und versucht Impulse zu geben, mehr zu tun und zu inspirieren.

„Wir wollen Inklusion leben lassen und keinen jungen Menschen verlieren, da sind sich alle Akteure am Arbeitsmarkt einig“, betont Uwe Kemper. Der Chef der Arbeitsagentur Korbach präsentiert 13 Sachbearbeiter, die im Agenturbezirk für die Eingliederung in den Arbeitsmarkt von Menschen mit Behinderung tätig sind. „Dennoch müssen wir Hilfsstrukturen verbessern und dürfen unsere Klienten nicht nur mit Informationen alleine lassen, sondern sie aktiv begleiten. Dort gibt es noch Brüche“, ist Kemper selbstkritisch. Netzwerke seien gefragt. „Auf die Betriebsgröße komme es nicht an“, betont Kemper. Den Arbeitgebern müssen die Förderungen wie Zuschüsse, Eingliederungshilfen, Arbeitsplatzförderungen und Assistenzen bekannter gemacht und Lösungen gemeinsam mit den Arbeitssuchenden entwickelt werden.

Ohne starken Willen kommt die Inklusion nicht aus

„Es funktioniert nur, wenn ein Mitarbeiter mit Beeinträchtigung nicht als Belastung im Betrieb wahrgenommen wird“, weiß Alexandra Trümner aus eigener Erfahrung. Ihr Familienbetrieb führt ein Pflege- und Therapiereinrichtung für Menschen mit psychischen Behinderungen in Neukirchen (Schwalm-Eder Kreis) mit 250 Mitarbeitern. Selbst dort sei der Spagat zwischen zu bringender Arbeitsleistung und bedürfnisorientierter Arbeitsplatzgestaltung nicht leicht, aber machbar, „wenn der Wille bei allen Beteiligten vorhanden ist“.

Für Menschen mit ausschließlich körperlichen Handicaps ist der Arbeitsmarkt offener, weil die Behinderung sichtbar ist. Das weiß auch Jens Wehmeyer, Kaufmännischer Vorstand des Bathildisheims. Dort betreuen rund 900 Mitarbeiter 1300 beeinträchtigte Menschen vom Schulalter bis zum Lebensende. Laut Wehmeyer schaffen es 6 von 10 Menschen mit Behinderung in den regulären Arbeitsmarkt. Dauerhaft fasse etwa jeder zweite dort auch Fuß.

Insbesondere die Digitalisierung kann Schwerbehinderten den Weg in den Arbeitsmarkt hilfreich sein. „Das Homeoffice bietet Vorteile, auch was das gewohnte Umfeld angeht“, bestätigt auch Daniel Schirner. Der selbstständige Magier und Coach konnte sich sogar während der Pandemie mit Hilfe eines Mitarbeiters mit Beeinträchtigung selbstständig machen. Pauschale Lösungen sind bei der Inklusion nicht immer hilfreich. Doch für mehr individuelle Lösungen müsse Entscheidungsträger weiterhin sensibilisiert werden. „Es sind noch einige Hausaufgaben zu machen“, führt Kemper aus.

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