Arztinterview zu Demenz

Aktiv sein schützt vor Demenz

+
Demenz tritt überwiegendim hohen Alter auf.

Demenz ist die Hauptursache für Pflegebedürftigkeit und verursacht jedes Jahr höhere Behandlungskosten. Am Stadtkrankenhaus Korbach wurden im vergangenen Jahr 1072 Patienten stationär behandelt, die auch demenziell erkrankt sind.  

Über die Krankheit, ihre Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten informiert Dr. Matthias Gernhardt, Chefarzt der Geriatrie und Facharzt für Innere Medizin, Geriatrie, Palliativmedizin und Diabetologie.

Dr. Matthias Gernhardt, Chefarzt der Geriatrie am Stadtkrankenhaus Korbach.

Dr. Matthias Gernhardt, Chefarzt der Geriatrie am Stadtkrankenhaus Korbach.

Die Diagnose Demenz, Hirnabbau macht Angst, macht betroffen, was steht dahinter? – Kognitive Funktionseinschränkung oder Demenz, was ist noch altersspezifisch „normal“, ab wann krankhaft?

Dr. Gernhardt: Die Diagnose einer Demenz (Lateinisch: nachlassender Verstand, Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit) wird heute in Deutschland leider sehr schnell oft recht voreilig gestellt. Die Diagnose Demenz kann aber dann doch durch eine sehr gezielte Diagnostik fachärztlich ausgeschlossen oder bestätigt werden. Zwei Drittel aller hochaltrigen Patienten (älter als 85 Jahre) sind nicht dement. Der Anteil der an Demenz erkrankten Patienten liegt in der Altersgruppe zwischen 85 und 89 Jahren bei 23,9 Prozent und der über 90-jährigen Patienten bei 34,6 Prozent (Berliner Altersstudie).

Zunächst müssen durch eine ausführliche Erhebung einer Krankengeschichte (Anamnese) und eine körperliche und klinische Untersuchung ganz objektive, aber auch körperliche (somatische) Faktoren oder Krankheiten ausgeschlossen werden. So wird auch geprüft, ob der Patient richtig hören und ausreichend sehen kann. Beispielsweise bei eingeschränkten Visus (Sehen) ist der Patient deutlich eingeschränkt und reagiert inadäquat.

Hinzu kommen viele internistische und andere Erkrankungen wie die Schilddrüsenunterfunktion, eine Blutarmut, ein Vitaminmangel, eine Herzschwäche, ein Diabetes mellitus, eine Depression, psychiatrische Krankheitsbilder und viele weitere Erkrankungen, die zu einer deutlichen Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit führen können.

Übrigens: Jedem sollte klar sein, dass ein älter werdender Mensch auch eine etwas längere Reaktionszeit braucht. Übrigens: Schon ab dem 30. Lebensjahr lässt die Gedächtnisleistung nach.

Welche Leitsymptome erwarten Sie bei einem Patienten mit Demenz?

Dr. Gernhardt: Im Vordergrund steht zunächst eine nachlassende Gedächtnisleistung, gepaart mit Störungen der Orientierung und eine zunehmende Einschränkung in der Alltagskompetenz. Das Kurzzeitgedächtnis ist meist zuerst betroffen, viel später erst das Langzeitgedächtnis. Erinnerungen aus der frühesten Jugend bleiben oft noch lange im Gedächtnis erhalten, bis auch sie letztlich „zerfallen“. Bisher funktionierende Abläufe beim Einkaufen, Kochen, Waschen oder der Zubereitung von Speisen werden vernachlässigt und sind ab einem bestimmten Zeitpunkt der Erkrankung nicht mehr möglich.

Gleiches trifft auf die Körperhygiene zu, so tritt eine „Verwahrlosung“ ein, die die Angehörigen irritiert und schockiert. Geliebte Hobbys wie Sport, Basteln, Reisen oder Wandern werden schrittweise, teilweise sehr rasch eingestellt. Weitere Störungen des Denkvermögens, der Sprache, der Bewegungsfähigkeit und des Sozialverhaltens, also eine zunehmende soziale Isolation, kommen hinzu.

Bei welchen Anzeichen und Symptomen sollte man den Arzt aufsuchen?

Dr. Gernhardt: Bemerken die Angehörigen das Nachlassen von Gedächtnis oder Reaktionszeit und kommen weitere Probleme und Einschränkungen in der Alltagskompetenz (bei den sogenannten Aktivitäten des täglichen Lebens) hinzu, sollte der Hausarzt aufgesucht werden. Der Hausarzt kennt seine Patienten über Jahre und Jahrzehnte und kann sehr gut Veränderungen hinsichtlich der geistigen Leistungsfähigkeit bei seinen Patienten erkennen, eine entsprechende Diagnostik einleiten oder zu fachärztlichen Kollegen zur weiteren Abklärung der Verdachtsdiagnose einer Demenz überweisen.

Ab welchem Alter nimmt das Risiko an einer Demenz zu erkranken zu?

Dr. Gernhardt: Die Demenz ist primär eine Erkrankung im höheren Lebensalter. In der Altersgruppe der 65- bis 69- Jährigen liegt der Anteil von Demenzkranken bei etwa 1,2 Prozent. In der Gruppe der 75- bis 79-Jährigen liegt er bei etwa 6,0 Prozent und verdoppelt sich in der Altersgruppe der 80- bis 84-Jährigen mit 13,3 Prozent. Diese Zahlen belegen jedoch, dass das oft gehörte Vorurteil, dass bei älteren Menschen die Demenz die Regel sei, eben nicht zutrifft.

Sind Frauen häufiger betroffen als Männer?

Dr. Gernhardt: Frauen scheinen häufiger als Männer von einer Demenzerkrankung betroffen zu sein, haben sie doch nach wie vor eine höhere Lebenserwartung, als die Männer. Die Verteilung zwischen Männern und Frauen muss auch nach Form der Demenz im Einzelnen betrachtet werden, gibt es doch neben der allen bekannten Alzheimer-Demenz noch eine Vielzahl von Demenzformen.

Wie erfolgt die Diagnosestellung, mit welchen Untersuchungen lässt sich eine Demenz sicher diagnostizieren?

Dr. Gernhardt: Wie bereits ausgeführt, erfordert die sichere Diagnosestellung einer Demenz eine umfangreiche Erhebung der Krankengeschichte, eine gründliche körperliche Untersuchung, ergänzt durch diverse Laboruntersuchungen. Hinzu kommen apparative, bildgebende Verfahren wie Computertomographie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT) sowie psychometrische Testverfahren (Tests zur Einschätzung der kognitiven Leistungsfähigkeit). Des Weiteren sind die Aktivitäten des täglichen Lebens zu beurteilen. Nicht zu vergessen ist eine ausführliche Dokumentation der Medikamente, denn durch ihre Nebenwirkung kann die geistige Leistungsfähigkeit deutlich eingeschränkt sein.

Ist für die Angehörigen der Umgang mit einem an Demenz erkrankten Angehörigen sehr anstrengend, was die physischen und psychischen Belastungen betrifft? Haben Sie Verhaltenstipps?

Dr. Gernhardt: Verhaltenstipps gibt es viele, besonders wichtig: Diskussionen bei Menschen mit Demenz vermeiden, sonst kommt es zu Aggressionen. So werden letztlich Konfrontationen vermieden. Die Angehörigen sollten ein liebevolles, aber autoritäres Verhalten zeigen und so lange wie möglich zu Aktivitäten anleiten. Sie sollten auch auf unsinnig erscheinende Bemerkungen eingehen, also „dementisch“ lernen. Gut ist es, diskret Hilfestellungen zu geben, dabei immer freundlich und kommunikativ aufzutreten, auch wenn es einem noch so schwer fällt. Beim Umgang durchaus hilfreich kann ein körperlicher Kontakt sein. Wichtig ist für Angehörige und Pflegende, dass sie auf den Patienten eingehen, also „durch den Spiegel in die Welt des Dementen gleiten“.

Kann man einer Demenzerkrankung vorbeugen? Gibt es Möglichkeiten der Prävention? Wenn ja, welche?

Dr. Gernhardt: An erster Stelle einer effektiven Vorbeugung steht die körperliche Aktivität, die bis ins hohe Lebensalter beibehalten werden sollte. Der Tauchpionier Hans Hass ist beispielsweise bis zum 88. Lebensjahr weiter tauchen gegangen. Genauso wichtig ist der Erhalt der geistigen Fähigkeiten. Geistige Fitness kann trainiert werden, also sollte man weiter Bücher lesen, Kreuzworträtsel lösen, Fernsehen und Rundfunk nutzen sowie Enkel oder Urenkel betreuen, das hält jung, fit und geistig rege.

Gibt es Risikofaktoren oder Lebensumstände, die zu einer Demenzerkrankung führen können?

Dr. Gernhardt: Ja, alle bekannten Risikofaktoren die zu einer Arteriosklerose (Verkalkung der Arterien) führen, sollten minimiert bzw. behandelt werden. Risikofaktoren sind: Der hohe Blutdruck (arterielle Hypertonie), das Rauchen, der Bewegungsmangel, das Übergewicht, eine ungesunde Ernährung und der Diabetes mellitus, übrigens eine Erkrankung, die fast alle Organe des Menschen angreift. /Achim Rosdorff        

Info

Deutschlandweit sind mehr als 1,6 Millionen Menschen von Demenz betroffen. Nach Schätzungen von Alzheimer´s Disease International weltweit sogar über 46 Millionen Menschen – und jedes Jahr kommen rund 7,7 Millionen Neuerkrankungen hinzu. Demenz ist heute die Hauptursuche für Pflege- bedürftigkeit. Die Behand- lungskosten belaufen sich aktuell auf 35 Milliarden Euro, 2004 waren es noch 26 Milliarden Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare