Premiere: klassische indische Musik in der Alten Schule Lelbach

Drei Meister finden neue Anhänger

+
Pradeep und Sigrid Gupta aus Ludwigshafen mit ihren Instrumenten Sitar und Dilruba sowie der Tabla-Spieler Asim Saha (l.) aus Hamburg brachten den Zuhörern in Lelbach klassische indische Musik nahe.

Korbach-Lelbach - Die klassische indische Musik ist uns längst vertrauter, als wir gedacht haben. Diese erfreuliche Erfahrung machten die Zuhörer beim Konzert „East meets West“.

Drei Meister der traditionellen indischen Musik führten bei ihrer Lelbacher Premiere das gebannt lauschende Publikum mit Tabla, Sitar, Driluba und Bambusflöte nicht nur auf die Gipfel des Himalajas, sondern vermittelten auch tiefgehende mystische musikalische Momente.

Die Beatles haben die Sitar vor bald 50 Jahren in der westlichen Musik populär gemacht und in den Rolling Stones („Paint it black“) und anderen Bands der psychedelischen Ära zahlreiche Nachfolger gefunden. Lehrmeister von George Harrison war Ravi Shankar. Dem Sitarspieler gelang mit dem Violinvirtuosen und der Reihe „East meets West“ seinerzeit auch der Brückenschlag zwischen indischer und abendländischer Tradition.

Fremd, aber vertraut

Es war der Beginn jener Entwicklung, die heute als Weltmusik oder Crossover gern gehörte musikalische Praxis ist - mit positiven Auswirkungen auf die Einstiegsschwelle beim Hören der Ragas, an deren Strukturen sich auch die Kompositionen und Improvisationen von Weltmusik-Ensembles orientieren: Einspielen, Entwicklung der Melodie und finales Crescendo - ein Schema, das jedem Zuhörer mit Beatles-Hintergrund vertraut sein dürfte, zumal George Harrison sehr der reinen Lehre verpflichtet blieb beziehungsweise traditionelle indische Musik mit eigenen Texten versah und auch als Komponist honoriert wurde.

Von den 600 Tonarten und ihrer tageszeitgemäßen Anwendung dürften die allermeisten Zuhörer des sehr gut besuchten Konzerts zum ersten Mal gehört haben. Zur abendlichen Stunde dominierte cis-moll, so auch bei der Eröffnung mit dem in der „kosmischen Tonart“ angelegten Raga Kirwani im Sechzehntel-Takt. Die durch die Tonleitern tastenden Sitarklänge der Einleitung erwiesen sich als vertrautes, da von George Harrison gern genutztes Terrain. Mit Beginn der Hauptkomposition gesellten sich die gestrichene Dilruba und Tabla erst behutsam hinzu, ehe sich die Stimmen mehr und mehr ineinander verflochten. Im Verlauf des Crescendos wurde die Klangathmosphäre ständig dichter, während das Trio zunächst ungewöhnlich lange das Karawanentempo beibehielt, ehe doch noch die massive Beschleunigung bis zum Bruchpunkt einsetzte. Kurze Tabla-Schläge und das Wimmern der Dilruba markierten den Übergang zum Ausschwingen des Raga.

Improvisierte „Kompositionen“

Pradeep und Sigrid Gupta aus Ludwigshafen mit ihren Instrumenten Sitar und Dilruba sowie der Tabla-Spieler Asim Saha aus Hamburg gaben vor jeder „Komposition“, die der Percussionist als zu 10 Prozent komponiert und zu 90 Prozent improvisiert bezeichnete, eine Einführung in die Tonart und erläuterten die Instrumente.

Poki Sayeed aus Lelbach, der den Auftritt des Trios vermittelt hatte, steuerte ebenfalls Erläuterungen zum gerade Gehörten und zur Einbindung in die indischen Traditionen und ihre Verbindung zur jeweiligen Stadt oder Region bei.

Himalaja-Folklore und die muntere Weise Bahadi (= Gebirge) für die Bambusflöte von Sigrid Gupta wirkten auf die Zuhörer noch unmittelbarer als die komplexe Ouvertüre. Auch beim im Walzertakt wiegenden „Mystery in moll“ gab die Flöte zunächst den Ton an, das Herzstück der „Crossover-Komposition“ war allerdings ein ebenso virtuoses wie ausgiebiges Sitar-Solo ihres Ehemanns Pradeep, das nicht nur die vorher gegebene Analyse eindrucksvolle bestätigte, sondern auch begeisterten Pausenapplaus geradezu herausforderte.

Mit seiner mitreißenden Interpretation des atmosphärischen Klassikers „Jaipur“ zog das Trio zum Start der zweiten Hälfte das Begeisterungsniveau gleich zwei Dimensionen höher. In Sachen Raga blieb danach kaum noch Luft nach oben, ein Grund mehr für die Musiker, andere ansprechende Ebenen anzuspielen. In den Improvisationen über einen Bollywood-Song ertönten auch Anklänge oder Parallelen zur Musik des europäischen Mittelalters. Der anschließende lebhafte Raga in Cis-Dur führte die Zuhörer über einen heiteren musikalischen Höhenwanderweg bis zur letzten Antwort der Flöte auf die Frage der Sitar. Ein meditativer „Walzer in Moll“ und der von raffinierten Dur/Moll-Wechseln geprägte Raga „Chicosai“ mit seiner eingängigen Melodie rundeten das Programm harmonisch ab.

Angesichts der durchweg begeisterten Reaktionen des Publikums auf das Programm und die Zugabe sagte Poki Sayeed für das kommende Jahr ein größeres Konzert mit mehr Musikern zu. (Armin Hennig)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare