Heroin-Abhängige können als Ersatzdroge Methadon erhalten · Verfahren wird seit Jahrzehnten diskutiert

Die „Droge“ als Ersatz für die Droge

+
Die Methadon-Substitution, bei der Heroin-Abhängige das Opioid als Ersatzdroge erhalten, ist umstritten.

Korbach - Vor 25 Jahren wurde Heroin-Abhängigen in Nordrhein-Westfalen erstmals Methadon als Ersatzdroge verabreicht. Hessen zog später nach. Bis heute ist umstritten, ob damit der gewünschte Erfolg erreicht werden kann.

Dr. Bernardo Fritzsche aus Korbach kennt diese Fälle. Patienten, die jahrelang zu ihm kommen und sich Methadon geben lassen. Ein Drogenersatzstoff anstatt der Droge Heroin. Abstinenz bedeutet das nicht. Aber der Patient muss sich die Drogen nicht auf illegalem Wege beschaffen - und die Ärzte bestimmen die Dosis des verabreichten Methadons.

Vor 25 Jahren startete Nordrhein-Westfalen als erstes Bundesland den Modellversuch der staatlich kontrollierten Methadonausgabe. In Hessen gibt es diese Substitution seit 1991. Ziel war und ist es, mit dem synthetisch hergestellten Opiat der Beschaffungskriminalität entgegenzuwirken und Heroin-Abhängigen ein vergleichsweise normales Leben zu ermöglichen. Denn Methadon wirkt der körperlichen Abhängigkeit entgegen, es treten im Gegensatz zu Heroin keine Entzugserscheinungen auf. Die psychische Abhängigkeit bleibt aber bestehen.

Die Frage des Erfolges

Welchen Sinn daher die Methadon-Substitution hat, darüber gehen die Meinungen auch in Waldeck-Frankenberg auseinander. Thomas Weintraut, Klaus Fieseler und Gabriele Fock arbeiten bei der Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werkes Waldeck-Frankenberg. Heroin-Abhängige, die an einem Methadon-Programm teilnehmen wollen, erhalten zum Beispiel dort zusätzlich eine psychosoziale Begleitung. Mit dem behandelnden Arzt besteht ein reger Austausch. Sowohl die Mitarbeiter der Suchtberatung als auch Dr. Bernardo Fritzsche sind sich einig, dass mit der Substitution die Lebensverhältnisse Drogenabhängiger stabilisiert werden können - ob in der Familie oder im Beruf.

„Es ist wichtig, was man unter Erfolg bei der Methadon-Substitution versteht“, sagt deshalb der Korbacher Arzt. Ginge es darum, dass ein Patient völlig abstinent lebt - auch von Ausweichdrogen wie Alkohol - dann sei der Erfolg der Substitution eher bescheiden. „Aber es ist bereits ein Gewinn für den Patienten und die Gesellschaft, wenn ein Drogenabhängiger drei Monate lang seine Privatangelegenheiten ordentlich regeln kann“, findet Fritzsche. Patienten, die seit mehreren Jahren zur Substitution zu ihm kommen, würden dank Methadon ein geregeltes Leben führen.

Flucht zu anderen Drogen

Dabei sei das Vertrauensverhältnis zu den Patienten wichtig. Methadon ist auch auf dem Schwarzmarkt gefragt. Dass neben der Ersatzdroge keine anderen Drogen genommen werden, kontrollieren die Ärzte zum Beispiel mit Urinproben.

Für Gabriele Fock, die Leiterin der Suchtberatung, und ihre Mitarbeiter ist die Substitution nicht der richtige Weg: „Es ist keine geeignete Behandlungsmethode, um Abstinenz zu erreichen.“ Einige Klienten würden auf hohe Mengen Alkohol oder Psychopharmaka ausweichen. In den vergangenen zehn Jahren habe nur ein Patient der Suchtberatungsstelle mit Methadon den Absprung aus der Sucht geschafft.

Die Mitarbeiter halten die klassische Entwöhnungsbehandlung für die bessere Alternative. Diese langfristige Behandlung oder eine Entgiftung zieht Dr. Bernardo Fritzsche auch in Betracht. Dennoch hält er die Methadon-Substitution für notwendig: „Wir müssen als Praxis diesen Weg nicht gehen, aber wir fühlen uns für die Patienten verantwortlich.“ Fritzsche ist einer von wenigen Ärzten in Korbach, die substituieren. Ginge es nach ihm, könnten es mehr sein. Aber die Arbeit mit den Patienten erfordere viel Geduld. Deshalb betreuen er und Kollegen meist nur drei Heroin-Abhängige.

Heroin und Substitution

Das Opioid Heroin entsteht durch chemische Prozesse und wird aus dem Rohopium des Schlafmohns gewonnen. Die Droge wirkt sehr stark euphorisierend und schmerzstillend. Dazu kommen ein sehr hohes Abhängigkeitspotenzial und der ständige Druck, für Nachschub sorgen zu müssen.

Bei der Methadon-Substitution soll den Patienten neben der ärztlichen Behandlung durch die psychosoziale Betreuung eine Wiedereingliederung in das gesellschaftliche Leben ermöglicht werden. Die Betreuung ist für die Substitutionsbehandlung verpflichtend. In Waldeck-Frankenberg wurden laut viertem Suchtbericht im Jahr 2010 46 Personen substituiert, 2008 waren es 60.(tt)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare