Arztinterview

Risikofaktoren für die Gefäße

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Schlechte Ernährung kann sichtbar Probleme mit dem Stoffwechsel verursachen. 

Erhöhte Blutfettwerte können die Lebenserwartung verkürzen. Studien zufolge haben 55 bis 60 Prozent der Deutschen zu viel Cholesterin, rund 15 Prozent erhöhte Triglyzeridwerte im Blut, so Dr. Frank Reinhardt, Chefarzt Gastroenterologie/Allgemeine Innere Medizin im Stadtkrankenhaus Korbach.

Was ist eine Fettstoffwechselstörung – Dyslipidämie und wie zeigt sie sich?

Dr. Reinhard: Fette, die wir mit der Nahrung aufnehmen, werden durch Enzyme im Verdauungstrakt aufgespalten und über das Blut mittels spezifischer Eiweiße, sogenannter Lipoproteine, transportiert. Diese Lipoproteine liegen im Blut normalerweise in einem bestimmten Verhältnis zueinander vor. Verschiebt sich dieses Verhältnis, spricht man von einer Fettstoffwechselstörung (Dyslipidämie).

Dr. Frank Reinhard, Chefarzt Gastroenterologie, Allgemeine Innere Medizin im Stadtkrankenhaus Korbach. 

Wir unterscheiden bei den Fettstoffwechselstörungen verschiedene Formen. Allen gemeinsam ist eine Abweichung des Verhältnisses der einzelnen Fette zueinander. Daher ist die alleinige Messung des Gesamtcholesterins wenig aussagekräftig. Neben zu hohen Fetten können auch zu niedrige Blutfette auf eine Fettstoffwechselstörung zurück zu führen sein.

Welche Bevölkerungsgruppen sind oft betroffen, bezogen auf Alter und Geschlecht?

Dr. Reinhard: Im Alter steigt generell der Lipoprotein-Spiegel leicht an. Daher steigen auch die Lipide – vor allem das schlechte Low-Density-Lipoprotein-(LDL)-Cholesterin – an. Bei Männern ist der Spiegel gewöhnlich ein wenig höher, bei Frauen steigt er erfahrungsgemäß nach den Wechseljahren stärker an.

Wie gefährlich ist sie, welche Folgeerkrankungen können daraus entstehen? Und welche davon behandeln Sie oft im Krankenhaus? Stichwort Schlaganfall oder Herzinfarkt.

Dr. Reinhard: Werden dauerhaft zu hohe Blutfettwerte von LDL-Cholesterin, Triglyzeriden und Lipoprotein nicht erkannt, können sich die Blutgefäße verengen oder gar verschließen. Dies begünstigt so eine Atherosklerose (Arterienverkalkung), die einen Herzinfarkt bzw. andere Herzerkrankung oder einen Schlaganfall nach sich ziehen kann. Als kardiovaskulärer Risikofaktor sind die Blutfette für die Behandlung von Gefäßschäden der großen (Makroangiopathie) und kleinen (Mikroangiopathie) mitentscheidend. Unter anderem werden in unserem Krankenhaus Schlaganfall-, Herzinfarktpatienten, Patienten mit einer Herzkranzgefäßerkrankung und Nierenerkrankungen, aber auch Patienten mit Schlagadererkrankungen (zum Beispiel Bauchaortenaneurysma, Karotisstenose, Schaufenstererkrankung) behandelt und auf das Vorliegen einer Fettstoffwechselerkrankung getestet. Auch bei der Behandlung des Diabetischen Fußes als auch bei der Fettleber und bei der durch Fette induzierten Bauchspeicheldrüsenerkrankung spielt die Behandlung der Blutfette eine Rolle.

Welche Ursachen und Risikofaktoren der Krankheit kommen in Frage? Ist sie erblich?

Dr. Reinhard: Fettstoffwechselstörungen können durch eine genetische Veranlagung oder im Rahmen anderer Grunderkrankungen entstehen. Generell hat der Lebensstil einen großen Einfluss auf die Blutfette. Risikoerhöhend sind eine einseitige Ernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht. Wie bei allen Zivilisationskrankheiten können auch Rauchen, Diabetes (Zuckerkrankheit), Bluthochdruck, bauchbetontes Übergewicht, Bewegungsmangel und Stress das Risiko für Herz-/Kreislauferkrankungen erhöhen. Treten Fettstoffwechselstörungen familiär bei Eltern, Großeltern oder Geschwistern gehäuft auf, sollte jeder in der Familie seine Blutfettwerte kennen. Übrigens: Optisch dünne Menschen haben nicht automatisch gute Fettwerte.

Welche Therapien gegen Fettstoffwechselstörungen gibt es heute? Welche sind besonders wirksam?

Dr. Reinhard: Eine ausgewogene Ernährung, viel Bewegung und Nikotinverzicht wirken sich positiv auf die Blutfettwerte aus. Bei nur leicht erhöhten Werten und ohne weitere Risikofaktoren für das Herz-Kreislauf-System reicht oft eine Änderung des Lebensstils aus, um die Fettstoffwechselstörung in den Griff zu bekommen. Gelingt dies nicht oder liegen andere Erkrankungen vor, die ebenfalls zu einer Schädigung des Gefäßsystems führen können, oder auch bei sehr hohen Blutfettwerten, ist eine medikamentöse Behandlung erforderlich. Dafür gibt es viele Präparate, die je nach Art und Höhe der veränderten Blutfette individuell für den Patienten ausgewählt werden.

Welche Lebensweise im Alltag empfehlen Sie zur Vorbeugung? Was sollte man beispielsweise bei der Ernährung besonders beachten?

Dr. Reinhard: Wie so oft, wirkt sich auch im Bereich der Blutfette eine gesunde Lebensweise positiv aus: Dazu gehört eine ausgewogene Ernährung, zum Beispiel mit Speisen aus der Mittelmeerküche mit Fisch und Olivenöl. Wichtig sind gesteigerte körperliche Aktivität, Nikotinverzicht und Reduktion des Körpergewichts. Achten Sie auf versteckte Fette in Fleisch, Milchprodukten, Backwaren und Süßigkeiten – oft in Fertigprodukten. Wichtig sind ungesättigte Fettsäuren, etwa in pflanzlichen Ölen mit ungesättigten Fettsäuren wie Oliven-, Raps-, Sonnenblumen- oder Sojaöl. Verzichten Sie auf mehrmals wöchentlich Fleisch und setzen Sie mehr Fisch auf den Speiseplan. Gut ist auch viel Gemüse, Salat, Getreideprodukte und komplexe Kohlenhydrate wie Kartoffeln oder Vollkornbrot. Und bei Getränken gilt: Trinken Sie viel Wasser oder ungesüßten Tee. 

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