Korbach

Eine Flasche Likör vor der Entgiftung

- Korbach (tk). Seit seinem 16. Lebensjahr ist er süchtig nach Heroin und Medikamenten. „Das halbe Leben“, wie Strafrichter Wolfgang Damm nachdenklich anmerkte. „Ja, ich bin ganz schön k. o.“, antwortete ihm der 33-jährige Mann aus Vöhl, der am Dienstag vor dem Korbacher Amtsgericht alle Vorwürfe der Anklage einräumte.

Ja, gestand er, zusammen mit einem ein Jahr jüngeren, ebenfalls drogenabhängigen Mann aus Bad Arolsen habe er im vergangenen November mit dem geliehenen Mercedes seiner Oma einen Unfall gebaut. Auf dem Parkplatz der psychia­trischen Klinik in Haina rammte der Angeklagte, der noch nie einen Führerschein besaß, mit der Limousine den Kombi eines Pflegers.Berauscht von Spirituosen und der Ausweichdroge Benzodiazepin, gab er anschließend Gas und flüchtete.Zwei Unfallzeugen, ein Assistenzarzt und eine Krankenschwester, beobachteten den Unfall, merkten sich das Kennzeichen und informierten die Polizei. Eine Streifenwagenbesatzung fand die beiden Drogenabhängigen entsprechend schnell.

An jenem Vormittag waren die beiden suchtkranken Männer nach Haina gefahren, um dort eine Entgiftung beginnen zu können. „Unterwegs haben wir uns noch eine Flasche Likör besorgt und diese dann gemeinsam auf dem Parkplatz getrunken“, beschrieben die Männer ihr Motiv, vor der langen Abstinenzphase noch einmal Alkohol zu konsumieren. Dann jedoch mussten sie in der Klinik zur Kenntnis nehmen, dass nur ein Platz für den Entzug zur Verfügung stehe. Da sie aber unbedingt gemeinsam behandelt werden wollten, zogen sie wieder ab, ernüchtert zwar, aber eben nicht nüchtern.

„Als wir die Flasche leerten, waren wir der Ansicht, nicht mehr fahren zu müssen“, lautete die nur im ersten Moment plausibel erscheinende Antwort. Überhaupt hätten sie sich doch in einer Art Notlage befunden, erklärte der 33-jährige Vöhler, der zuvor bereits drei erfolglose Therapieversuche gestartet hatte. Für ein Taxi habe das Geld und für die Organisation einer Mitfahrgelegenheit die Zeit gefehlt. Zudem war es bei Weitem nicht das erste Mal, dass er sich ohne Fahrerlaubnis hinters Steuer setzte. Im Nachhinein betrachtet sei es allerdings „eine blöde Idee gewesen“, räumte der Angeklagte ein. Den Schaden am gerammten Auto hat inzwischen die Haftpflichtversicherung beglichen.

Nicht zweifelsfrei klären ließ sich in der Verhandlung die Frage, ob denn der mitangeklagte Mann, ebenfalls ohne Führerschein, auch mal gefahren ist. Eine Zeugin war sich sehr sicher, dem Auto mit ihm auf dem Fahrersitz zwischen Vöhl und Korbach begegnet zu sein. Der Beschuldigte jedoch bestritt dies mit dem Hinweis, sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht im Landkreis aufgehalten zu haben. Da er wegen diverser Delikte (Verstöße gegen das Waffengesetz, Fischwilderei, Diebstahl, Hehlerei) vorbestraft ist und unter Bewährung steht, falle zweimaliges Fahren ohne Führerschein im Hinblick auf die Gesamtstrafe nicht weiter ins Gewicht, war sich Richter und Gerichtsdirektor Damm mit dem Staatsanwalt einig. Das Verfahren gegen den jüngeren Angeklagten wurde vorläufig eingestellt.

Sechs Monate Haft ohne Bewährung lautete das Urteil gegen den Unfallfahrer. Er verbüßt zurzeit eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten in der JVA Kassel, zu der ihn das Amtsgericht Rheine 2009 wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt hatte. Die Liste der Vorstrafen des 33-Jährigen umfasst außerdem Diebstahl und Raub, „Störung der Totenruhe“ und Notruf-Missbrauch. Ohne Berufsausbildung und Job, vor allem, weil er seine Drogenprobleme nicht in den Griff bekommt, stellte Richter Damm ihm eine ungünstige Sozialprognose. Diese spreche letztendlich auch gegen eine Strafaussetzung zur Bewährung.

Der Verurteilte selbst reagierte mit dem für Drogenabhängige oftmals typischen Verhalten, lethargisch und hilflos: „Ich bin schon ganz schön gestraft damit, das reicht eigentlich.“

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