Mit Premiere von „Zoff in Silver City“ betritt Freilichtbühne neues Genre

Eine (schuss-)gewaltige Vorstellung

Das erste Pferd auf der Korbacher Freilichtbühne. Cowboy Harald Fedder und sein Brauner beeindruckten die Zuschauer – der Vierbeiner ließ sich auch durch Schüsse nicht aus der Ruhe bringen.

Korbach - Mit den Premieren des Familienstücks „Der kleine Vampir“ von Angela Sommer-Bodenburg und der Abendaufführung „Zoff in Silver City“ von Elke Rahm wurde am Samstag die Freilichtbühnensaison in Korbach mit viel Applaus eröffnet.

Und am Ende stürzt mit einem lauten Krachen auch noch der wuchtige Holzbalkon von der Saloon-Wand auf die Bühne. Bumm! Da schreckt der Zuschauer in dem fast voll besetzten Open-Air-Theater hoch und fragt sich: War das eine Panne oder gehört das mit zum Stück?

Der Balkonsturz steht schon auf dem Spielplan von Regisseur Werner Schwager, der bei „Zoff in Silver City“ jede Menge Action auf die Bühne bringt. Schießereien, Schlägereien, Räubereien, Säbelrasseln, hier ein Explosiönchen, da eine Explosion. Mit dieser schussgewaltigen Vorstellung schlägt der Spielleiter aus Hallenberg ganz neue Töne unter der alten Linde im Korbacher Schießhagen an: Der Western gibt hier sein Debüt. Da sitzen natürlich die Colts locker, und es gilt das Faustrecht, allerdings wirkt der finale Showdown, mit einer minutenlangen Massenschlägerei, etwas überfrachtet.

Da wünscht sich mancher Zuschauer wieder an den Anfang des Stückes zurück, der durch seine Ruhe besticht, auch wenn der Betrachter bereits fühlt, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Drei Cowboys stehen einfach nur da, und dieses Stillleben wird mit Ennio Moriconnes Westernklassiker „The good, the bad and the ugly“ musikalisch eingerahmt. Auf dieses Bild kann man lange schauen, und es gibt trotzdem immer wieder etwas Neues zu entdecken. Jeder weiß, dass diese Szene von dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ abgekupfert ist, aber sie entfaltet trotzdem ihren eigenen Charme.

Zu einem Western gehören auch Pferde, eins ist dabei: Wenn der Braune mit seinem Cowboy Harald Fedder die Bühne im Schritt betritt und im Galopp wieder verlässt, ist das schon ein Augenschmaus für die Zuschauer.

Dass auch eine Schlägerei eine enorme Ruhe ausstrahlen kann, zeigen die beiden überzeugenden Hauptdarsteller, Gangsterboss Schwarzer Bill (Volker Thielemann) und der Old-Shatterhand-Verschnitt John Miller (Yannick Dommermuth). Sie schlagen sich in Zeitlupe. Eine schöne Idee!

Das ganze Stück wirkt so, als ob alle Westernfiguren aus Film und Fernsehen in einen Topf geworfen und einmal herumgerührt wurden - das Ensemble schöpft dann immer mal wieder das eine oder andere Promi-Bleichgesicht oder eine -Rothaut heraus.

So wird diese Aufführung mit bekannten Filmmelodien und Figuren aus den Winnetou-Streifen gewürzt oder mit einem witzigen Kurzauftritt des schwulen Indianers Winnetouch (Luis Lessing) aus dem „Bully“-Herbig-Film „Schuh des Manitu“, aber auch der Italo-Western-Komödiant Terence Hill schimmert durch.

Dieses läst sich als Hommage an das Genre Western interpretieren, dann ist die Inszenierung in sich stimmig und hat viel Beifall verdient. Wer es anders sieht, dem ist diese Aufführung vorhersehbar, es fehlen neu entwickelte Charaktere.

Lord Thomas Brown ist hier ein gutes Beispiel. Torben Siska spielt diesen britischen Adligen mit seinem Forscherdrang, der überhaupt nicht in diese bleihaltige Wildwestwelt passt, so wunderbar, aber es kommt einem beim Zuschauen immer wieder der Schauspieler Eddi Arent in den Sinn: Er hat genau diese Rolle in den Winnetou-Filmen gespielt. Das hat Siska mit seiner grandiosen Leistung aber eigentlich nicht verdient.

Die Aufführung ist insgesamt mit vielen kleinen gelungenen Details und Ideen ausgestattet, etwa die, dass stets Pferdegetrappel als Ankündigung eingespielt wird, wenn die Banditenbande im Anritt ist, oder die Kinder, die oft am Bühnenrand platziert sind und das dörfliche Bild dadurch besser abrunden.

Wenn das Schauspiel dann mit Tanzeinlagen allerdings zum Musical avanciert, wird das Western-Stück wieder zur Geschmacksache. Vor allem die Cancan-Szene ist aber als Klamauk gedacht - und nicht als Konkurrenz zum deutschen Fernsehballett.

Somit kann man den turbulenten „Zoff Silver City“ fröhlich dem 32-köpfigen Ensemble der Freilichtbühne überlassen. Das kann auch Western. Und vielleicht ist sogar mancher Zuschauer britisch beschwingt, adligen Schrittes nach Hause gegangen: A-one-a-one-a-one-two-three-four. (rsm)

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