"Urban Mining"

Einfach Plattwalzen war einmal: Korbacher Rathaus liefert Wertstoffe für den Neubau

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Abrissarbeiten am Korbacher Rathaus. Vom Verwaltungsbau steht nur noch ein Gerippe.

Korbach – Früher hätte die Abrissbirne alles einfach platt gemacht – heute dient das alte Rathaus als „urbane Mine“: Möglichst viele Materialien sollen im Neubau wiederverwendet werden.

Wissenschaftler begleiten das vom Land Hessen geförderte Modellprojekt, dass zu einem Musterbeispiel für Planer, Architekten und Ingenieure werden soll.

Vom 70er-Jahre-Verwaltungsbau in der Stechbahn ist nur noch das Gerippe übrig geblieben: Da wo früher Großraumbüros waren, fegt der Wind den Staub nach draußen. Bald sind auch die Pfeiler und Betonplatten verschwunden: Bagger nagen an den Fassadenresten, Schuttberge türmen sich rund um den nackten Beton. Für die meisten nur ein Haufen Müll, doch Korbachs Bauamtsleiter Stefan Bublak sieht einen Haufen Wertstoffe.

Ein Bagger entfernt die Waschbetonplatten an der Fassade. Ein möglichst großer Teil der Abrissmaterialien soll im Neubau wiederverwendet werden.

In den vergangenen Jahrzehnten sind in Gebäuden gewaltige Mengen an wertvollen Rohmaterialien verbaut worden. Sie einfach auf der Deponie zu entsorgen, wäre Verschwendung. Diese wertvollen Rohstoffe gibt es aber auch nicht gratis. Sie müssen beim Häuserrückbau mühsam herausgeschält und sortiert werden. Das Stichwort heißt „Urban Mining“ – Bergbau im Siedlungsgebiet.

Auch beim Abriss und Neubau des Korbacher Rathauses sollen möglichst wenige Materialien in die Entsorgung gehen. Im Blickpunkt stehen vor allem die Ziegel und der Beton. Diese sogenannten „mineralischen Abbruchmaterialien“ werden aufbereitet und im Beton für den Neubau wiederverwertet. Bereits vor dem Abbruch sind Proben entnommen worden, um zu prüfen, ob das Abbruchmaterial als Bausubstanz geeignet ist.

Aber die Architekten denken auch voraus: Alle Konstruktionen sind so geplant worden, dass spätere Generationen das bald neu entstehende Rathaus wieder als „urbane Mine“ nutzen können. Die Bodenplatte des neuen Rathauses beispielsweise wird so angelegt, dass sie später leicht wieder zurückgebaut werden kann: Die Menge unterschiedlicher Materialien wird gegenüber herkömmlicher Bauweise reduziert, auf eine Bitumenabdichtung wird verzichtet, stattdessen ist eine wasserundurchlässige Betonkonstruktion mit einer Dämmung aus Schaumglasschotter geplant. Auch Bodenbeläge wie Teppiche oder Fliesen sollen so verlegt werden, dass sie am Ende ihrer Lebensdauer möglichst einfach, sortenrein und schadstofffrei in ihre wertvollen Einzelteile zerlegen lassen.

Das Korbacher Beispiel soll schließlich Schule machen. Denn: Allein in Hessen werden laut Umweltministerium bislang für den Bau mehr als 30 Millionen Tonnen Kies, Kalkstein, Sand, Ton und Naturstein gewonnen, verbunden mit entsprechenden Eingriffen in Natur und Landschaft. Das soll sich in Zukunft ändern.

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