Brief nach China landet nach fast vier Monaten wieder beim Absender

Einmal Shanghai und zurück

Korbach - Stephanie Schäfer hat zwei Monate als Praktikantin in Shanghai verbracht. Zu berichten hat sie von reichhaltiger Kultur, mangelnder Bioethik und vor allem den Tücken des chinesischen Postsystems.

Ernst Schäfer war überrascht über die „Rücksendung vom Ende der Welt“: Vergangene Woche kam ein Schreiben, das er seiner Enkelin Stephanie nach Shanghai geschickt hatte, wieder in Korbach an – versendet hatte er es am 7. April, eine Woche nachdem Stephanie Schäfer ihr zweimonatiges Praktikum bei der chinesischen Firma Shanghai Human Tech Biotechnology begonnen hatte. Die Studentin schätzte sich glücklich, dass alles geklappt hatte: China war ihre erste Wahl beim Praktikavermittlungsprogramm Ideste gewesen, der Deutsche Akademische Austauschdienst gewährte ihr ein Stipendium, und auch das Visum kam gerade noch rechtzeitig. Das einzige Schreiben, das nicht kam, war der Brief des Großvaters: Nachdem dessen erwartete Ankunft lange überschritten war, schaltete sich der Senior nachfragend in Internettelefonate ein, die Enkelin forschte ihrerseits wiederholt bei Mitbewohnerin und Pförtner nach – ohne Erfolg. Dass in China einiges anders läuft, hatte die Praktikantin schon in der Firma bemerkt: Entgegen der Stellenausschreibung sprach kaum ein Mitarbeiter Englisch, zudem herrschte Misstrauen gegenüber der Fremden. Sie selbst stieß sich an der mangelnden Bioethik in dem aufstrebenden Land: „Für Tierversuche sind in China kaum Lizenzen nötig, und Gebühren entstehen nur für das Lagern im eigenen Betrieb“, kritisiert sie – eine Restriktion, die sehr leicht zu umgehen sei. Sie selbst habe deshalb an den Versuchen nicht teilhaben wollen. An chinesischen Postschaltern war bei oft ahnungslosem Personal viel Eigeninitiative gefragt, doch immerhin kamen alle Postkarten nach vier Wochen an, erklärt sie. Auch ihrem Großvater hatte sie Ratschläge gegeben: Wegen der Weltausstellung 2010 sind die Straßennamen sowohl in Chinesisch als auch in Englisch gehalten, so beschriftete er auch den Brief. Dass das Schreiben bis zum Gebäude gekommen sei, hält Stephanie Schäfer also für wahrscheinlich. Den Fehler glaubt sie mittlerweile zu kennen: Die Postzustellung läuft angesichts der großen Wohnkomplexe in China nicht ohne die Apartmentnummer, die nicht auf dem Umschlag stand – das Gebäude hatte 25 Etagen mit jeweils acht Wohnungen. Ob der Zusteller keine weiteren Fragen stellte oder der Sicherheitsdienst des Komplexes ihm keine Auskunft gab, weiß sie nicht. Den zahlreichen Schriftzeichen auf dem Umschlag zufolge passierte er wohl noch einige Schalter, letztlich hat die chinesische Post ihn auf eigene Kosten zurückgeschickt.Auch wenn der Brief sie nicht erreichte und das Praktikum ihr wenig vermittelt hat, nimmt Stephanie Schäfer doch viele Eindrücke aus China mit: Sie besuchte das für Literatengärten und Kirschblüten bekannte Suzhou, das vom Westsee mit seinen Pagoden geprägte Hang-zhou und Wuxi mit seinen großen Buddha-Statuen: „Die Anlagen dort sind auf Historisch gemacht, aber erst vor knapp 15 Jahren erbaut worden“, weiß sie. „Krass“ seien die Gegensätze in Shanghai, wo klassische chinesische Gebäude mit Literatengärten und Wendeltreppen zwischen Wolkenkratzern stehen. „Größer, schneller, höher, weiter“ sei die Devise in China. Aber auch Beharrlichkeit hat ihre Anhänger: „Es spricht für die chinesische Post, wie lange sie versucht hat, den Brief zuzustellen“, erklärt Stephanie Schäfer. Von Wilhelm Figge

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