Udo Weinbörner liest in der Stadtbücherei aus seiner Büchner-Roman-Biographie

Engagement ist nie nur historisch

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„Mein Herz so rot“: Büchner-Biograf Udo Weinbörner.

Korbach - Engagierte historische Romane ohne falsche Nostalgie, das ist der Anspruch von Udo Weinbörner, der es bei seinem Auftritt in der Stadtbücherei denn auch nicht bei heiteren oder dramatischen Kapiteln aus seiner unlängst erschienen Büchner-Roman-Biographie „Mein Herz so rot“ bewenden ließ, sondern auch Auskunft über seine literarischen Ansprüche und Antriebe gab.

Am Anfang steht die Annäherung an ein literarisches Phänomen, das in einer Sprache schrieb, die seiner Zeit 100 Jahre voraus war (Woyzeck), nur die Veröffentlichung seines vom Herausgeber Karl Gutzkow verstümmelten Erstlings (Dantons Tod) erlebte und im Alter von 23 Jahren starb. „Er wird sich zu Tode arbeiten“ lautet einer der bezeichnenden Sätze in der Einführung in des Leben des Dichters mit der für Deutschland einzigartigen Doppelexistenz. Denn Georg Büchner war nicht nur ein revolutionärer Dramatiker, als Verfasser des Hessischen Landboten („Friede den Hütten, Krieg den Palästen“) war er auch ein steckbrieflich gesuchter Revolutionär.

Die Konfrontation zwischen dem 1835 in Hessen-Darmstadt wegen „staatsverräterischen Handlungen“ steckbrieflich gesuchten Studenten der Medizin und dem darin beschriebenen jungen Mann, der sich 1831 bei erster Gelegenheit in die Tochter seines Vermieters verliebt, gehörte zu den Reibungspunkten zu Beginn der Lesung. Zum Höhepunkt stiller Komik gerät die Ankunft des Studenten in Straßburg, der im ersten Dialog mit Minna sein Gesicht „Flach wie Hessen-Darmstadt“ empfindet und darüber witzelt, aber im Missgeschick die Spannung auflöst. Denn als er verlegen in seine Tasche greift, hält er den stinkenden Käse aus der Heimat in der Hand und deklariert ihn flugs als Beitrag zur Tafel. Worauf Minna zugibt, dass sie sich schon über das besondere Parfüm der Herren aus Darmstadt gewundert habe.

Die Szene zwischen dem zunächst heimlichen Liebespaar hat Udo Weinbörner aus den Originalbriefen komponiert und sämtliche Originalzitate kursiv setzen lassen. „Nicht nur, dass der Roman keine Biografie ersetzt, er ist so gesehen neben der Biografie unverzichtbar, denn nur aus dem Zusammenspiel entsteht die Nähe zur Wahrheit und ein Mensch Georg Büchner, der jenem aus Fleisch und Blut nahe kommt.“

Ein Kapitel, in dem der Autor von seiner dichterischen Freiheit Gebrauch gemacht hat: Den Versuch den bereits denunzierten und inhaftierten Freund Minnigerode zu befreien. „Ein solcher Befreiungsversuch oder gar die Teilnahme Büchners daran, ist nirgends dokumentiert“, führte Udo Weinbörner aus. „Wohl ist bekannt, dass Büchner unbedingt einen solchen Befreiungsversuch wollte und auf Widerstand bei Weidig stieß. Bekannt ist auch der Zustand des gefolterten Häftlings. Bis zu seinem Tod hat Büchner der Gedanke an den inhaftierten Schulfreund und an dessen notwendige Befreiung beschäftigt und gequält. In seinen Todesfantasien war er bei Weidig und Minnigerode in der Zelle“, so der Verfasser der Romanbiographie, der so wenig wie die Mehrzahl der Autoren von seinen Einkünften leben kann und auch im „Brotberuf“ als Referatsleiter im Bundesamt für Justiz in Bonn engagiert für die Demokratie und die Rechte von Verfolgten eintritt.

Als dramatischen Höhepunkt las er zum Abschluss Büchners Konfrontation mit jenem Untersuchungsrichter, der in Abwesenheit eine illegale Hausdurchsuchung und Versiegelung der Wohnung angeordnet hatte. Dieser herunter gekommene Vertreter aus der Zunft des Autors wird entsprechend kritisch beäugt: „Dieser Georgi hatte etwas in seinem ertrunkenen Blick als ober die Freiheit notzüchtigen könnte“, heißt es im Vorfeld der Auseinandersetzung, die der Student in dieser Frage zwar juristisch gewinnen kann, angesichts der vielerlei Abhängigkeiten aber letztlich doch verlieren muss.(ahi)

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