Dada, Butoh, Drohgebärden · Workshop-Präsentationen der Theaterwoche

„Entdecke das verrückte Korbach“

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Wechselspiel der Drohgebärden: Die Butoh-Choreographie von Olek Witt.Foto: Armin Hennig

Korbach - Gleich zwei Publikumsmagneten zogen am Wochenende in der Korbacher Innenstadt die Aufmerksamkeit auf sich: die Abschlusspräsentationen der Workshops der Theaterwoche und der Schweighöfer-Dreh an der Nikolaikirche und am Rathaus.

Beim letzten Workshop „Korbach mein Inneres Bild“, in dessen Verlauf sich die Teilnehmer in ihren Rollen und Kostümen vom Loch in alle Richtungen ausschwärmten und kleine Szenen spielten oder persönliche Happenings inszenierten, kreuzten sich die Welten gewissermaßen, denn wenige Meter hinter den beiden Mäuschen aus dem Dschungelkabaratt begann schon die Location am Rathaus.

„Korbach-Experiment“

Die hundertprozentige Aufmerksamkeit für die Akteure der Korbacher Theaterwoche 2012 war an diesem Einkaufssamstag also nicht einmal im Herzen der Korbacher Fußgängerzone gegeben, trotzdem spielten mehrere Gruppen mit dem diesjährigen Motto, angefangen beim Workshop von Anja Herbener unter dem Motto „50% Paul-Zimmermann-Schule, oder wir suchen unsere bessere Hälfte.“ Das Happening erinnerte in Form einer lebendigen Digitaluhr an die abgeschaffte Uhr in der Fußgängerzone und ein Stück verlorene Identität der Kreisstadt. Die Kreisform nahm im „Korbach-Experiment“ von Sarah Mehlfeldt eine wichtige Rolle ein, allerdings wagten sich nur wenig Korbacher in der Zirkel aus Darstellern, beim Spiel mit dem Ja und Nein-Karten war allerdings niemand im Publikum um Antworten auf Fragen zum Thema Leben und Theater verlegen.

Wilfried Steinl ging das Thema Korbach und Theater zunächst einmal dadaistisch an, seine Schauspieler liefen anscheinend sinnlos kreuz und quer durch das Loch und zerkauten und zerrissen Korbach und andere Begriffe in anscheinend zufällige Brocken in mehr oder minder verständliche Silbensequenzen. Und während sich die Darsteller nach und nach zur Formation zusammen fanden, wurde die Botschaft verständlicher: „Wirtschaftszentrum, Verwaltungsstandort, - Kein Platz fürs Theater“ skandierte die zur wütenden Kugel geballte Menge bis zur Spaltung in zwei Gruppen, die in Konfrontation zu einander standen. Mit dem Ausruf „Gott ist tot, es lebe die Theaterwoche“, seitens einer bislang nicht involvierten Person am Rand endete die Präsentation, die schon einige Elemente der Butoh-Choreographie von Olek Witt vorweg nahm, auch wenn zunächst wenig auf Konfrontation und Auflösung mittels eines spektakulären Knalleffekts hindeutete.

Denn die erste Gruppe wiegte sanft ihre Luftballons während sie auf einem asiatisch angehauchten Wellness-Klangteppich die Treppe hinunter kam, die Ballons mit einer sanften Gebärde entschweben oder entgleiten ließ, um wie eine Schar Schlafwandler mit nach oben erhobenen Armen den Weg ins im Loch versammelten Publikum zu finden, um im Publikum zu versinken und auf dem Pflaster liegenzubleiben.

Die zweite Gruppe, die bislang reglos auf den Treppen oder dem Gerüst beiseite gelegen hatte, erwachte indessen zu flotteren arabischen Klängen zum Leben und betanzte ausgelassen die Treppe, ehe sie zum Angriff gegen die Gruppe eins vorging. Nach einem Wechselspiel der Drohgebärden mit Vorpreschen und zurückweichen gerieten die Gruppen in einen Clinch, aus dem sie erst ein lauter Knall löste. Ein Mädchen auf dem Gerüst nahm das Thema der heiligen Jungfrau der Schlachthöfe auf und skandierte antikapitalistische Rufe. Der Höhe- und Wendepunkt von „Entdecke das verrückte Korbach“.

Seltsame Wörter

Hatte die Butoh-Gruppe das Loch gewissermaßen brillant bespielt, so ging Lea de Toffel bei „Korbach mein Inneres Bild“ den umgekehrten Weg und schickte ihre Darsteller vom Zentrum weg in die ganze Stadt. Für unvorbereitete Passanten in der Fußgängerzone schien ganz Korbach verrückt zu spielen, beim verdutzten Seitenblick auf die Prinzessin, die sich vor Henkels ihre Beine rasiert und die Passanten regelrecht anpflaumt oder bei der Begegnung mit dem jungen Mann, der mit einem Buch durch die Straßen geht und permanent seltsame Wörter und Wendungen vorliest.

„Das ist vielleicht ein historische Moment“, sagte Eckhart Debour zum Ende der Nachbesprechung der 63. Korbacher Theaterwoche. Historisch, sofern es sich um die letzte handelt, falls es nicht gelingen sollte, bis zum Herbst die Finanzierung der nächsten Auflage auf die Beine zu stellen. Im nächsten Atemzug ermutigte er aber alle Teilnehmer, sich schon mal für die Theaterwoche 2013 anzumelden.

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