Christian Frommert hat ein Buch über sein Leben als Magersüchtiger geschrieben

„Essgestörte ticken alle gleich“

Korbach - 39 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,84 Meter. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2009 zweifeln die Ärzte, ob Christian Frommert den Jahreswechsel erlebt.

„Die Nährwerttabelle einer Tüte Chips las sich besser als die Daten meines Blutbildes“, beschreibt der heute 47-jährige Christian Frommert den Tiefpunkt seines Körpers und zugleich Höhepunkt seiner zwanghaften Sucht: „Leichter war ich nie.“ Über sein Leben und seine Krankheit hat der erfahrene Journalist ein Buch geschrieben: „Dann iss halt was!“, Untertitel: „Meine Magersucht, wie ich gekämpft habe – wie ich überlebe“. Knapp 30 Zuhörer verfolgten am Montag die Lesung in der Korbacher Stadtbücherei.

Frommerts Tag beginnt nach wie vor um 4.30 Uhr: „Ich stehe auf und mache erst mal zwei Stunden Sport und Gymnastik in meinem Fitnessraum.“ Seine einzige Mahlzeit am Tag nimmt er gegen 19 Uhr ein; meist eine Mischung aus Obst, Gemüse und Magerquark. In Gesellschaft anderer zu essen bereite ihm ebenso Unbehagen wie einen anderen Löffel als jenen zu benutzen, den er seit sechs Jahren in Gebrauch habe, berichtet er dem interessierten Publikum. Zwänge bestimmen sein Leben.

„Anorexia ist nicht die Bezeichnung für eine Krankheit, es ist der Name einer inniglich Geliebten. Einer Verschworenen im Kampf gegen das Fett. Einer Gefährtin, die nur das Beste von mir will – und das Schlechteste einfach wegfrisst. Ich nenne sie Anna“, schildert es der Autor.Einer Frau zuliebe hatte er als Abiturient mal 50 Kilo abgenommen: ohne Süßigkeiten und mit viel Sport innerhalb eines Jahres. Aus dem Frommert-Massiv, seinerzeit bestenfalls als guter Kumpel angesehen, wurde so ein attraktiver junger Mann mit Chancen bei der Damenwelt. „Über das Gewicht sein Leben steuern zu können“, diese Erfahrung betrachtet Frommert als durchaus begünstigenden Faktor seiner Sucht.

Magerquark mit Papaya

„Essgestörte ticken alle gleich“, hat Frommert während seines dreimonatigen Aufenthalts in einer Spezialklinik am Chiemsee festgestellt. Es seien so wie er extrem disziplinierte Zeitgenossen, die vom Gefühl beherrscht werden, es niemandem recht machen zu können. „Es ist rational nicht zu beschreiben. Aber ich würde eher von einer Brücke springen, als eine Banane zu essen.“ Denn die Südfrucht ist im Vergleich mit anderen Obstsorten aus seiner Sicht eine Kalorienbombe.

Was Magersucht im Alltag bedeutet, verdeutlicht der 47-Jährige in einer anderen Passage seines Buches, für dessen Titel, wie für vieles andere auch, Frommerts Mutter verantwortlich ist. Im Supermarkt schwirrt ihm der Kopf: „100 Gramm Magermilch-Joghurt mit 0,1 Prozent Fett von Weihenstephan haben 52 Kalorien, der Joghurt von Onken aber nur 48, dafür hat Onken 0,1 Gramm mehr Kohlenhydrate. Die Papaya hat 13 Kalorien pro 100 Gramm, ein Apfel aber 40 Kalorien. Also: Onken mit Papaya? Das wäre alles zusammen ... Nein, zu viel.“

Die beste Freundin Steffi, seine Schwester, eine Therapeutin und, seit er mit Lesungen unterwegs ist, auch seine Zuhörer helfen ihm bei der Ursachenforschung: „Ich kann mir einiges erklären, aber längst nicht alles.“ (Thomas Kobbe)

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