Ansichten aus Judentum, Christentum, Islam und Bahaitum

Ohne Familie keine Religion: Mitglieder von vier Glaubensrichtungen diskutieren

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Gemeinsam gebetet: Am Tag nach der Diskussion trafen sich Christen, Muslime, Bahá‘í und „völlig Ökumenische“, um in der Schwalefelder Pilgerkirche gemeinsam um Frieden in der Welt zu bitten. Jeder konnte Gebete einbringen, Barbara Gerhold begleitete die Veranstaltung mit Flötenspiel.

Korbach/Schwalefeld. Welche Bedeutung haben Familien für den Glauben? Mitglieder von vier Religionen haben in Korbach diskutiert - und kamen teils zu unterschiedlichen Antworten.

Wenn Armando Simon-Thielen aus dem Alltag einer jüdischen Familie berichtet, geht es um Rituale: Das erste Gebet nach dem Aufwachen, Segenssprüche zum Waschen, Frühstück und Verlassen des Hauses schildert er. Familie sei für Religion grundlegend, Kinder sehen bei den Eltern: „Was hier geschieht, ist uns wichtig und tut uns gut.“

„Familie – Keimzelle des Glaubens“ hat die Runde aus Laien aus Judentum, Christentum, Islam und Bahá‘í ihre Diskussionsrunde betitelt, die im Rahmen der Interkulturellen Woche im katholischen Gemeindehaus St. Marien stattfand. In Zeiten von Scheidungen, Single-Dasein und neuen Familienmodellen eine interessante Wahl, befand Moderatorin Ursula Müller vom Netzwerk für Toleranz: Viele hätten das Gefühl, dass Familie nicht mehr die Rolle spielt wie früher.

Dabei sehen alle Religionen sie als grundlegend an: Ehelosigkeit sehe der Islam als vorübergehenden Zustand, erklärt Muhammet Balkan – zumindest bemühen sollten sich Muslime um Frau und Kinder. Sein Rat: „Viele sagen, sie suchen die richtige Person. Vielleicht sollten sie fragen: Bin ich jemand, der geheiratet werden sollte?“ 

Kinder kriegen und sie zu Tugenden erziehen: Das sei auch bei den Bahá‘í Ziel, so Dr. Bernardo Fritzsche. „Familie ist der Ort, um Glauben zu entwickeln“, sagte Wolfgang Gärtner, der als Vertreter für den erkrankten Dr. Siebo Siuts seine Sicht auf das Christentum darlegte.

Interreligiöse Podiumsdiskussion in Korbach: Dr. Bernardo Fritzsche, Muhammet Balkan, Ursula Müller, Armando Simon-Thielen und Wolfgang Gärtner.

Dafür die Arbeit unter Ehepartnern aufteilen, für Zeit mit den Kindern auf mehr Gehalt verzichten – nicht jeder Familie sei das möglich, hieß es aus dem rege mitdiskutierendem Publikum. Es müssten neue Wege gefunden werden, das als Gesellschaft zu kompensieren, so Wolfgang Gärtner.

Wer kann in den Religionen überhaupt heiraten?

Wer überhaupt Familien gründen kann, war ein Thema, das Diskussionen auslöste – gerade in Sachen gleichgeschlechtliche Ehen. Bahaitum und Islam sind da strikt, das normative Judentum auch. 

Wolfgang Gärtner legte ein sehr offenes Familienverständnis dar, ausgehend vom Neuen Testament, in dem Jesus Blutsverwandte wie Jünger zu Familie erklärt – für sich und untereinander. Gleichgeschlechtliche Paare könnten ebenso wie Alleinerziehende gut zum Glauben erziehen. 

Im Publikum gab es Wortmeldungen mit unterschiedlichen Ansichten – das Familienbild des Christentums zeigte sich als vielfältig. Auch die Kirche tue sich schwer, räumte Gärtner ein. 

Muhammet Balkan wurde derweil auf das Thema Polygamie angesprochen. Diese erlaube der Islam zwar, setze aber Hürden: Die erste Frau muss zustimmen, der Mann muss alle Gattinnen gleich behandeln – kaum möglich sei das. „Der Koran deckt auch Ausnahmefälle ab“, erklärte er: Gedacht sei das für Zeiten des Männermangels durch Kriege. 

Gebete verschiedener Religionen waren in der Schwalefelder Pilgerkirche zu hören, auch der Korbacher Imam Oguzhan Arslan (links) und Muhammet Balkan trugen dazu bei.

Über Ehepartner ihrer Kinder zu entscheiden, sei bei den Bahá‘í „Recht und Pflicht“ der Eltern, so Bernardo Fritzsche. „Wenn sie sich lieben, werden sie die Eltern überzeugen.“ Und überzeugte Eltern hälfen der Ehe beim gelingen. Die Bahá‘í glaubten, dass die Gesellschaft der Zukunft aus der klassischen Familie aus Mutter, Vater und Kind bestehe – wenn auch unter geänderten Vorzeichen: „Die Dominanz des Mannes wird aufgehoben.“ 

Dass dies ein alter Hut sein kann, hatte Armando Simon Thielen schon schmunzelnd berichtet. Ein Streit zwischen Abraham und Sara endete demnach mit Gottes Rat: „Alles was Sara sagt, das tue“. Das sei in Sachen Familie bis heute der entscheidende Satz für alle jüdischen Männer.

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