Fleischermeisterin Jacqueline Gassner will Miss Handwerk werden

Mit Herz, Grips und allen Sinnen

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Jacqueline Gassner in ihrem Element.Die Metzgermeisterin bereitet mit Kreativität und Liebe zum Detail eine Aufschnittplatte vor. 

Handwerk ist für alle wichtig – und kann zur Leidenschaft werden, sagt Metzgermeisterin Jacqueline Gassner (27). Klar, Fleischer ist ein Männerberuf, da muss sie sich manchmal durchbeißen. Doch sie genießt ihn und will „Miss Handwerk“ werden.

Wie bist Du zum Fleischerberuf und zum Entschluss, Meister zu werden, gekommen?

Mit diesem Beruf bin ich groß geworden, ja, von klein auf mit Schürze und Gummistiefeln im elterlichen Betrieb rumgesprungen. Später, bis 2014, habe ich Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk mit Schwerpunkt Fleischerei bei König in Adorf gelernt. Anschließend war ich ein halbes Jahr bei Hans Georg Schneider in Bottendorf, bis ich vor fünf Jahren in den Betrieb meines Vaters kam. Dort fasste ich den Entschluss, Meister zu werden, um irgendwann den Familienbetrieb zu übernehmen. Das hat bei uns Tradition: schon mein Opa Arno war Fleischermeister, ebenso mein Vater Udo Arno.

Was gefällt Dir besonders an dem Beruf?

Gespräche mit unseren Kunden machen mir viel Spaß. Es ist toll, ihr Vertrauen zu gewinnen und sie mit den Arbeitsergebnissen glücklich zu sehen. Außerdem ist der Beruf vielseitig und kreativ. Vor allem das Plattenlegen ist mein Ding. Tasten, schmecken, fühlen – das ist auch sinnlich.

Wie lief’s auf dem Weg zur Meisterprüfung? Welche persönlichen Eigenschaften kommen Dir zugute?

Ein halbes Jahr jeden Tag früh aufstehen und vor Arbeitsbeginn Schneiden, Kuttern und Zerlegen üben – dabei haben mir mein Vater und unser Meister geduldig geholfen.

Die Meisterkurse habe ich in Teil- und Vollzeit gemacht. Mit 22 Jahren habe ich mit Teil 4 der Ausbildereignung begonnen. Der Kurs lief drei Wochen im BBZ in Korbach. Mit 23 habe ich Teil 3 in Teilzeit angefangen, der neun Monate lief: Betriebswirtschaft und Recht – also Buchführung. Mit 24 habe ich mit Teil 1 und 2 begonnen mit Inhalten des Fleischerberufs, also Zerlegen und Herstellen von Wurst, das Kochen sowie Platten legen. Dieser ging sieben Wochen über Vollzeitausbildung.

Das Lernen nach der Arbeit war nicht einfach, weil oft die Konzentration weg war. Die Vollzeitausbildungen waren da schon viel entspannter. Am Ende habe ich die Meisteraufgabe geschafft: In drei Stunden eine Rinderpistole auszulösen. Die Mühe hat sich gelohnt – ich liebe den Job. Klar, dass mir persönliche Eigenschaften helfen: Ich bin ehrgeizig und will alles perfekt machen. Zudem bin ich fröhlich, gesellig und rede gern mit Leuten.

Als Fleischerin begegnest Du bestimmt auch Vorurteilen, oder? Übermäßiger Fleischkonsum steht ja heute in der Kritik – auch wegen Klimawandel und Tierschutz.

Ich esse selbst nicht täglich Fleisch und koste gern von unserem vegetarischen Mittagstisch. Vor allem, wenn Süßkram wie Grießbrei auf der Karte steht. Ich finde es besser, wenn Kunden weniger Fleisch essen, aber dann von Tieren, die unter guten Bedingungen verarbeitet wurden. Denn sie sind kostbare Lebewesen. So sollte man lieber zum Metzger um die Ecke gehen als im Supermarkt Billigprodukte zu kaufen. Zumal wir die Herkunft des Fleischs nachweisen können und wissen, wie die Tiere gehalten wurden – auch ohne quälend lange Transporte, die die Umwelt schädigen.

Und wie ist die Akzeptanz als Frau in einem Männerberuf?

Bis jetzt gab es nur positives Feedback. Viele ziehen den Hut vor mir, da der Beruf auch körperlich anstrengend ist. Bei der Arbeit werde ich inzwischen gut akzeptiert, doch in der Ausbildung gab es auch unangenehme Belästigungen und blöde Anmachsprüche. Doch mein Vater und meine Kollegen haben mich getröstet und mir zum Glück immer wieder Mut gemacht und gesagt: „Halte durch“.

Was hat Dir die Weiterbildung zur Meisterin rückblickend gebracht? Würdest Du diesen Weg wieder gehen?

Vieles habe ich von meinem Vater und unserem Kollegen, Meister Axel Strube, gelernt. Beide haben mir den Rücken gestärkt und mich geduldig angetrieben. Das hat sich gelohnt, denn nun kann ich selbstständig einen Betrieb führen, ausbilden und Mitarbeiter einarbeiten. Der Meisterbrief ist zudem ein Zeichen für Arbeitsqualität, das Vertrauen schafft. Toll sind zudem die Kontakte zu den Kollegen in ganz Deutschland und der Region. Auch wenn man für alle Risiken gerade stehen muss, würde ich mich jederzeit wieder für diesen Weg entscheiden.

Hast Du überhaupt noch Zeit für Hobbys?

Ich darf mir meine Arbeit frei einteilen, muss nur von 7 bis 14 Uhr im Verkauf tätig sein. Nebenbei erledige ich Kleinigkeiten in Büro und Küche. Für Hobbys bleibt genug Zeit: Freunde treffen, mit Hund spazierengehen oder ins Fitnessstudio gehen. Und ich liebe Essen und zu kochen, vor allem zu frühstücken.

Mal den Blick auf die Zukunft gerichtet: Wie sehen Deine weiteren beruflichen und privaten Pläne aus?

Am liebsten würde ich den Betriebswirt machen. Vielleicht beginne ich damit schon in diesem Jahr. Erstmal kommt ein neuer Azubi ins Team, worauf ich mich schon sehr freue. Irgendwann werde ich den Betrieb übernehmen, das wird toll.

Du machst mit bei „Germanys Power People 21“ und dem Casting für „Miss und Mister Handwerk 2021“. Wie ist das gekommen? Was hat Dich zur Teilnahme motiviert?

Ich habe zufällig auf Facebook von der Aktion des Deutschen Handwerksblattes erfahren und mich einfach beworben. Freunde, Bekannte und meine Familie voten sich nun auf Facebook und Whatsapp die Finger wund. Die Kandidaten mit den meisten Stimmen werden ausgewählt und können ein Fotoshooting und einen Platz im Kalender bekommen. Was mich motiviert: das Gefühl, ein Teil vom Ganzen zu sein.  

Info: Die Weiterbildung zum Meister kostet 4000 bis 9000 Euro. Wer Meister-Bafög beantragt, bekommt 40 Prozent vom Staat. Weitere Infos gibt Elke Zarges bei der Kreishandwerkerschaft Waldeck-Frankenberg , Tel. 05631 9535-211. Info zu „Miss und Mister Handwerk“: www.

germanyspowerpeople.de

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