Bewährungshelferin Sigrid Engelhard hilft Straftätern und kontrolliert, ob sie die Auflagen einhalten

„Für mich ist Räuber nicht gleich Räuber“

Korbach - Sie wurden wegen einer Gewalttat, Diebstahl oder Betrug verurteilt. Bei Bewährungshelferin Sigrid Engelhard erhalten Straftäter die Chance auf Wiedergutmachung und den Weg zurück zu einem normalen, straffreien Leben.

„Das Gefängnis in Wehlheiden kenne ich nur von außen“, sagt Dietmar B. und lacht dabei (Name von der Redaktion geändert). Darüber kann Sigrid Engelhard zwar nur bedingt schmunzeln, aber froh ist sie, dass die einzige Verknüpfung ihres Probanden mit der Kasseler Justizvollzugsanstalt aus der Kindheit stammt. Dietmar B. wurde wegen Versicherungsbetrugs verurteilt – der Richter sprach die Freiheitsstrafe zur Bewährung aus. Und so kommt er nun mindestens einmal im Monat in das unscheinbare Haus hinter dem Korbacher Amtsgericht zu Sigrid Engelhard. Sie ist Bewährungshelferin beim Landgericht und als Sachgebietsleiterin mit jeweils einer halben Stelle in Kassel und in Korbach tätig. Dass ihre Probanden – wie die Verurteilten auf Bewährung genannt werden – über ihre Kindheit und Persönliches reden, ist nicht ungewöhnlich. „Es geht bei uns einerseits darum zu kontrollieren, dass die Bewährungsauflagen eingehalten werden, andererseits wollen wir den Menschen aber auch helfen, wieder ein normales Leben führen zu können“, erklärt die 54-Jährige. Das reicht von der Hilfe bei Behördenfragen über die Vermittlung zur Suchtberatung bis zur Unterstützung bei Schuldenproblemen. Sigrid Engelhard hat eigens dafür die Fortbildung zur Schuldnerberaterin gemacht. Das kommt auch Dietmar B. zugute. Für den der Versicherung entstandenen Schaden musste er zu 100 Prozent aufkommen. „Die Summe war hoch, das war schwierig“, sagt Sigrid Engelhard. „Doch wir haben es gut zusammen geschafft“, fügt er an. Das „Wir“ ist ihm besonders wichtig. 300 Stunden gemeinnützige Arbeit musste er leisten, Gerichtskosten zahlen und daran arbeiten, die Schulden loszuwerden. „Straffällig wäre ich nicht wieder geworden, aber ohne Bewährungshilfe hätte ich mutterseelenallein dagestanden. Aus den Schulden wäre ich dann wohl nicht gekommen.“ Jetzt könne er von seinen Einnahmen leben, so Engelhard. Damit seien die Rahmenbedingungen geschaffen, um nicht wieder straffällig zu werden. Und genau dies ist das Ziel der Bewährungshilfe. „Warum hat jemand die Straftat begangen?“ Das sei die Grundfrage, von der alles Weitere ausgehe. Für die Ursachenforschung seien die persönlichen Gespräche wichtig. Es geht um Familie, Beruf oder einfach nur Hobbys. „Manchmal fühle ich mich dabei wie ein Mülleimer“, sagt sie. Aus bösen Erlebnissen, die ihre Probanden während des Lebens gesammelt haben, „versuche ich dann wieder etwas Gutes zu machen.“ Um zu schaffen, sucht Sigrid Engelhard auch immer nach dem Guten im Menschen. „Für mich ist Räuber nicht gleich Räuber, bei jedem kommen unterschiedliche soziale Faktoren hinzu.“ Für 80 Prozent der Probanden in Korbach endet die Bewährungszeit in Straffreiheit. Nicht immer sind die Verurteilten so kooperativ wie Dietmar B. Einem Probanden begegnete Sigrid Engelhard an der Tankstelle mit dem Auto. Dumm nur für ihn, dass er keinen Führerschein besaß. Engelhard meldete das dem Gericht, für den Probanden war es das Ende der Freiheit auf Bewährung. „Ich bin kein Freund oder Anwalt, es geht mir auch um den Schutz möglicher Opfer“, weiß sie die Grenzen klar zu ziehen. Manchmal helfe nur die Erfahrung im Strafvollzug. Seit 1986 ist Sigrid Engelhard als Bewährungshelferin in Korbach tätig. Bereits während des Studiums des Sozialwesens arbeitete sie freiwillig in der JVA Kassel. „Zu erforschen, warum Menschen eine Straftat begehen, interessierte mich schon immer.“ Sie freue sich über jeden Erfolg, hinterfrage sich aber auch selbst bei jedem Probanden, der es nicht schafft. Der Ausgleich zu Hause sei ihr daher sehr wichtig; ihr Mann, der viel Verständnis mitbringe, ihr Amt als Kreistagsabgeordnete, ihre Hobbys Jagd und Imkerei. „Beim Honigschleudern ist der Erfolg sofort zu sehen, bei den Probanden erst nach einigen Jahren.“ Dass sie deshalb mal keine Lust gehabt hätte zu arbeiten, sei noch nie vorgekommen. „Ich weiß nie, was mich erwartet. Jeden Tag gibt es etwas Neues, das ist das Spannende an meinem Beruf.“ Und wenn es das Gespräch mit Dietmar B. über das Mosten von Äpfeln ist.

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