Für maßvolle Planung: Bürgerinitiative „Pro-Gegen-Wind“ in Helmscheid gegründet

Furcht vor den Windradriesen

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Korbach-Helmscheid - In Helmscheid formiert sich der Widerstand gegen Windkraftpläne. Bürger haben die Initiative „Pro-Gegen-Wind“ aus der Taufe gehoben. Aber nicht jeder Helmscheider findet das Engagement gut.

„Wir sind nicht gegen Windkraft“, sagt Harald Saure, Ortsvorsteher in Helmscheid und Sprecher der Anfang März gegründeten Bürgerinitiative. „Pro-Gegen-Wind“ nennt sich die Gruppe, die sich aus derzeit rund 20 Helmscheidern zusammensetzt. Der auf den ersten Blick paradoxe Titel solle genau das deutlich machen, erklärt Saure: Energiewende ja, nur müsse sie nachhaltig und maßvoll umgesetzt werden - trotz der politisch gesteckten Ziele sowie starker privater und wirtschaftlicher Interessen.

Radar kann alles ändern

Die Mitglieder der Bürgerinitiative fürchten aber, dass die Energiewende etwas aus dem Ruder laufen könnte, insbesondere in Helmscheid: Für Korbach hat das Regierungspräsidium in Kassel derzeit die Marke bei Strothe sowie das Welsche Lied und die Gemarkung Röth bei Goldhausen als Vorranggebiete für Windkraft im Entwurf des Regionalplans vorgesehen. Falls das Radar des Deutschen Wetterdienstes bei der Mülldeponie Flechtdorf versetzt wird, könnten aber auch auf der Helmscheider Höhe neue, größere Anlagen entstehen. „Potenzielle Investoren und Flächeneigentümer setzen sich vehement dafür ein, die Wetterstation zu versetzten. Wenn dies erfolgt, können Windkraftanlagen mit einer Gesamthöhe von mehr als 200 Metern dort aufgestellt werden“, heißt es in einem Flugblatt von „Pro-Gegen-Wind“.

Das Szenario, das die Bürgerinitiative an die Wand malt: „Windradriesen zerstören die Harmonie der Landschaft, die die Grundlage für eine glaubwürdige Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte und sanften Tourismus bildet.“ Schon jetzt stünden in der Region mehr als zehn Prozent aller Windkrafträder des Landes Hessen und mehr als 50 Prozent aller Anlagen von Waldeck-Frankenberg.

Die weiteren Argumente sind bekannt: Schattenschlag, Geräusche, Wertverfall von Häusern und Grundstücken und bislang fehlende Netzkapazitäten für den erzeugten Windstrom führen auch andere Initiativen ins Feld.

Die Helmscheider, die übrigens vor gut zehn Jahren schon einmal eine Initiative in Sachen Windkraft gebildet hatten, haben darüber hinaus konkrete Vorschläge, wie es anders gehen könnte: Das Wetterradar soll an seinem Standort bleiben, Windkraftanlagen nur in Mindestabständen von 2000 Metern zu Wohnbebauung, Siedlungen und Einzelhäusern aufgestellt und die Anzahl von Windrädern in ausgewiesenen Vorranggebieten begrenzt werden.

Jede Gemeinde mit ihren Bürgern solle eigenständig entscheiden können, welche Form der regenerativen Energiegewinnung für sie am verträglichsten und geeignetsten sei, fordert die Bürgerinitiative. Und: „Einzelinteressen, auch vertreten von Kommunalpolitikern, sollten hinter die Belange des Gemeinwohls gestellt werden.“

Das gerade die Bürgerinitiative Einzelinteressen mehr im Blick hat als das Gemeinwohl, argwöhnt unterdessen der Helmscheider Heinrich Pohlmann. Der Landwirt hat bereits mit dem Verbands-Energie-Werk (VEW), einer Schwestergesellschaft der Energie Waldeck-Frankenberg, einen Vertrag über seine Grundstücke abgeschlossen. Auf ihnen soll ein Windpark entstehen, wenn die Pläne des Regierungspräsidiums es zulassen. Doch Pohlmann geht davon aus, dass einzelne Helmscheider ihm dies neiden: „Es gibt Konflikte zwischen denen die Flächen haben und denen, die keine haben“, sagt der Landwirt. Dabei komme bei einem durch VEW realisierten Windpark das verdiente Geld der Region zugute.

Die Bürgerinitiative jedenfalls hat am kommenden Donnerstag in der Stadtverordnetenversammlung ihren ersten öffentlichen Auftritt: „Wir wollen mit Plakaten und Transparenten unser Anliegen deutlich machen“, sagt Harald Saure.

Kommentar

Energiewende im Dilemma

Von Lutz Benseler

Die deutsche Energiepolitik steckt tief im Dilemma: Fast jeder will Ökostrom, doch von der mit heißer Nadel gestrickten Energiewende fühlen sich die Bürger überrumpelt. Wie jetzt in Helmscheid schließen sich überall Windkraftgegner zu Initiativen zusammen. Viele Menschen fürchten, dass die Zielvorgabe der Landesregierung allzu dogmatisch ausgelegt wird:

Zwei Prozent der Landesfläche sollen für zusätzliche Windräder reserviert werden, um bis 2050 den kompletten Bedarf an Strom in Hessen nur noch aus erneuerbaren Energien zu erzeugen. Der Entwurf des Teilregionalplans für Nordhessen mit seinen Flächen-Vorschlägen hat so manchen Schock ausgelöst. Die Betroffenen tröstet es kaum, dass das Verfahren noch lang und die Planung noch lange nicht rechtskräftig ist.Investoren, die das schnelle Geld wittern und sich die Flächen sichern wollen, tragen nicht eben zur Vertrauensbildung bei und setzen häufig den Dorffrieden für ihre Interessen aufs Spiel. In ihrem Windschatten hat es selbst das redliche VEW schwer mit seinen Beteuerungen, nichts gegen den Bürgerwillen zu planen.

Es wundert jedenfalls kaum, wenn Szenarien von verspargelten Landschaften, surrenden Rotoren und roten Blinklichtern statt Sternenhimmel die Runde machen. Die Politik hat die Ängste der Menschen unterschätzt und nimmt sie immer noch nicht ernst genug. Gleichzeitig wird das St.-Florians-Prinzip zum Credo der Bürgerinitiativen: Windkraft ja, aber bitte nicht vor meiner Haustür. So kann die Energiewende auch nicht funktionieren. Beide Seiten müssen aufeinander zugehen, die Politik muss den ersten Schritt machen.

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