Korbach

„Geberländer müssen Einfluss nehmen“

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- Korbach (tk). ...als wenn es gestern gewesen wäre: Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben leben in Haiti noch immer Hunderttausende in Notunterkünften. Die Cholera grassiert weiter. Die Korbacher Hilfsorganisation ora international leistet seit Februar Aufbauhilfe. Ora-Geschäftsführer Matthias Floreck erläutert im WLZ-FZ-Interview, warum der Wiederaufbau nur schleppend vorankommt.

Herr Floreck, Im Februar 2010, sechs Wochen nach den verheerenden Erdstößen, reisten Sie nach Haiti, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Können Sie sich noch an die ersten Eindrücke erinnern?

Es war ein Wechsel in eine andere, gebrochene Welt. Eben war man noch in einem Flugzeug, aus dem Westen kommend, und jetzt prallt man auf eine Wand aus Lärm und Hitze. Überall waren Menschen inmitten von Dreck und Trümmern, die vollkommen ungeordnet irgendetwas machten. Schon nach wenigen Stunden hat sich ein beklemmendes und hoffnungsloses Gefühl auf mich übertragen. Es wurde zwar nach ein paar Tagen besser, verloren habe ich dieses Gefühl während meines Aufenthaltes in Haiti jedoch nicht.

Vertreter anderer Hilfsorganisationen kritisieren, dass sich ein Jahr danach viel zu wenig verbessert habe. Insbesondere führen sie dies auf nicht eingehaltene Zahlungszusagen vieler UN-Mitgliedsstaaten zurück. Sehen Sie die Bundesregierung in dieser Hinsicht ebenfalls in der Pflicht?

Die Lage der Menschen in Haiti, und hier meine ich ganz besonders die der vielen Hunderttausend Menschen in den Zeltstädten, kann nur von den UN-Mitgliedsstaaten gelöst werden. Die Dimension ist so groß, dass die privaten Hilfswerke vor einer unlösbaren Aufgabe stehen. Hier muss die Bundesregierung ein Zeichen setzen und auch andere reiche Staaten auffordern, die Zusagen zu erfüllen. Dies ist das Mindeste, was getan werden muss, auch im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung in unserem Land.

Große Probleme bereite den Helfern, dass die staatlichen Strukturen zum Wiederaufbau fehlten, der Besitz von Bodenflächen oft nicht geklärt sei und es zu wenig haitianische Fachkräfte gebe. Sind das auch Ihre Erfahrungen?

Die Strukturen in Haiti waren schon vor dem Erdbeben ein Problem und sind jetzt nicht besser geworden. Dem Land fehlt es einfach an fähigen Führungskräften und Fachkräften, egal ob diese in der Wirtschaft oder Politik sitzen. Dieses Problem wird sich weiter verstärken, da zu erwarten ist, dass die Elite versuchen wird, dass Land zu verlassen. Daher erwarten wir als Organisation auch nicht, dass sich in diesen Bereichen schnell etwas verbessern wird.

Können die Geberländer Einfluss nehmen, damit die politischen Rahmenbedingungen entsprechend verändert werden?

Die Geberländer müssen auf jeden Fall Einfluss nehmen und die neue Regierung unter Druck setzen. In Ländern wie Haiti tendieren Regierungen immer dazu, sich zuerst zu versorgen und das Wohl des Volkes an letzte Stelle zu setzen. Hier muss die internationale Gemeinschaft reagieren. Jedoch ist Haiti ein Land mit einer Geschichte, in welcher die westlichen Mächte negativ besetzt sind. Daher ist das Auftreten der westlichen Helfer sowie der Regierungenentscheidend, ob die Haitianer dies auch annehmen werden.

Das gesamte Interview lesen Sie in der WLZ vom Mittwoch, 12. Januar

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