Adorfer Sportschützen ringen mit strukturellen Problemen

Gegeneinander schießen keine Lösung

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Die Entwicklung des Sportschützenvereins, der das Schützenhaus betreibt, haben die Adorfer derzeit im Visier.

Diemelsee - Adorf - Nachwuchsmangel, geringeres Interesse an ehrenamtlichem Engagement, interne Störfeuer: Um ihren 1925 gegründeten Sportschützenverein zu erhalten, müssen die Adorfer das Vereinswohl ins Visier nehmen statt gegeneinander zu schießen.

Eine ruhige Hand und ein sicheres Auge sind im Sportschießen gefragt. Bei den Adorfer Sportschützen geht es seit einiger Zeit aber alles andere als ruhig zu: „Mannschaft von den Rundenwettkämpfen zurückgezogen“, heißt es auf der Internetseite www.ssv-adorf.de.

Darüber hinaus gibt Vorsitzender und Webmaster Klaus-Dieter König bekannt, dass das Schützenhaus auf dem Dansenberg derzeit nur noch mittwochs und nicht mehr sonntags öffnet. Als Grund für beide Änderungen sind personelle Engpässe genannt.

Keine Schnellschüsse

Die Schwierigkeiten in Adorf haben verschiedene Gründe: Dass es interne Querelen gibt, leugnet niemand. Ein offenes Geheimnis ist zum Beispiel, dass Heinrich Hofmeister, stellvertretender Vorsitzender, Sportleiter und aktiver Schütze, alle Ämter niedergelegt und aus dem Verein ausgetreten ist. „Bei uns gibt es Probleme“, gibt König offen zu. „Die gibt es in anderen Vereinen aber auch.“ Über die Hintergründe will der Vorsitzende öffentlich nicht sprechen.

„Grundsätzlich gehen interne Probleme nur den Verein etwas an“, bekräftigt Kreisschützenmeister Detlef Ückert (Bömighausen), der den Rückzug der Adorfer Mannschaft bedauert. Zwei Probleme, mit denen nicht nur die Adorfer rängen, liegen für den erfahrenen Schützen jedoch auf der Hand:

-Nachwuchsmangel: „Viele Vereine bekommen keine Mannschaft mehr zusammen“, erklärt Ückert. „Jugendliche haben viele andere Freizeitmöglichkeiten und durch die Ganztagsschule immer weniger Zeit. Während wir im Kreis früher 12 oder 13 Luftgewehrklassen hatten, sind es heute nur noch halb so viele.“ König, der Ückert im Schützenkreis vertritt, verweist zudem auf die Altersstatistik des Hessischen Schützenverbands, die für Adorf besonders auffällig sei: Von 72 Mitgliedern sind 68 Prozent älter als 41 Jahre.

„Bei uns fehlt eine ganze Generation Sportschützen, was sich in den sportlichen Aktivitäten widerspiegelt.“ - Geringeres Interesse an ehrenamtlichem Engagement: „Vorstandsposten zu besetzen wird immer schwieriger“, spricht Ückert aus Erfahrung.

Dennoch sei es nicht selten – insbesondere wenn ein Vorstand lange agiere –, dass sich Oppositionen bildeten. Kritik ist in demokratischen Strukturen natürlich erlaubt, aber nur, wenn die Kritiker auch bereit sind, sich selbst zu engagieren. Der Kreisschützenmeister hofft, dass die Adorfer ihre Schwierigkeiten in den Griff bekommen und der Verein erhalten bleibt. „Als Mannschaft für einen neuen Verein anzutreten ist nicht einfach“, warnt er vor Schnellschüssen. In Adorf wär der Anschluss an die Historische Schützengesellschaft oder an den VfL denkbar. Der neue Verein müsste sich laut Ückert zum Beispiel dem Schützenverband anschließen und das Team in der untersten Klasse starten. König weist darüber hinaus auf ein neues Schießstandgesetz hin. Aus seiner Sicht müsste ein neuer Betreiber neue Auflagen erfüllen und dafür erst einmal kräftig investieren.

„Die Satzung der Schützengesellschaft lässt außerdem keine Frauen zu“, ergänzt der SSV-Vorsitzende. Laut Statistik sind aber 17 der 72 Mitglieder weiblich. Vereine trennen „Eine offizielle Anfrage liegt uns bisher nicht vor. Der erste Schritt müsste von den Sportschützen kommen, weil wir keinen aktiven Schießsport betreiben“, berichtet Robert Erlemann, Vorsitzender der Schützengesellschaft.

Wichtig ist ihm, genau zwischen den beiden selbständigen Vereinen zu unterscheiden, denn „die Ausschreibung für unser Fest zum 500-jährigen Vereinsbestehen 2014 läuft.“ „Uns wäre es am liebsten, wenn der Verein selbständig bleibt und weiterhin Jugendarbeit leistet“, stellt Erlemann klar. In diesem Fall seien auch die Zuständigkeiten im Schützenhaus klar geregelt: Die Sportschützen betreiben es und die historischen Schützen nutzen es weiterhin für ihr Freischießen und ihre monatlichen Hobby-Schießabende.

„Hänge nicht am Ehrenamt“

Damit die Adorfer künftig wieder allein das Wohl des seit 87 Jahren bestehenden Vereins im Visier haben, ist es unerlässlich dem Willen der Mitglieder zu folgen: „Der Vorstand bereitet derzeit eine Mitgliederversammlung vor“, kündigt König an. Zur Wahl hätte sich der Vorstand bereits vor einigen Monaten stellen müssen. „Wir waren uns aber einig, dass eine Neuwahl vor dem Freischießen wenig Sinn macht“, räumt König ein. Die Verschiebung habe er dem Vereinsregister des Amtsgerichts gemeldet.

„Das Amtsgericht nimmt allerdings nur kleine Verschiebungen, zum Beispiel von Frühjahr bis Herbst hin“, erinnert Ückert. „Die derzeitigen Widrigkeiten sind uns dazwischen gekommen, aber die Versammlung wird noch in diesem Jahr stattfinden“, versichert König und blickt voraus: „Die Mitglieder müssen entscheiden, was sie in Zukunft wollen.“ Wenn gewünscht, stelle er sein Amt zur Verfügung: „Ich mache mein Ehrenamt gern, aber ich hänge nicht dran. Mir geht es in erster Linie um das Wohl des Vereins.“

Ückert: „Auch mir hat Klaus-Dieter König angeboten, vom Amt des stellvertretenden Kreisschützenmeister zurück zu treten. Solange er aber nichts tut, was dem Schützenkreis schadet, und sein Verein dem Verband angehört, besteht dazu kein Grund.“ Darüber hinaus habe König berichtet, dass er bereits dabei sei, den SSV neu zu strukturieren.

„Zarte Pflänzchen gesät“

Zwei Vorstandsposten müssen auf jeden Fall neu besetzt werden. „Ich habe schon gezielt einige Leute angesprochen und bin zuversichtlich, zarte Pflänzchen gesät zu haben“, erklärt König und hofft, dass es sich in Adorf um ein „reinigendes Gewitter“ handelt.

„Wir nennen uns doch Schützenbrüder und -schwestern und sollten deshalb zusammen stehen“, ruft er auf. „Entscheidend ist, dass wir nun die Emotionen heraus nehmen und ich den Mitgliedern bei der Versammlung sachlich Rede und Antwort stehen kann.“

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