Friedrich Wilhelm Raiffeisen und seine Ideen in Waldeck

Genossenschaftsbewegung trägt zum Wohlstand in Waldeck bei 

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Reichsweit eine der größten Genossenschaften: die „Central-Ein- und Verkaufs-Genossenschaft für Waldeck und Pyrmont“ mit Sitz in „Corbach“ – aus ihr ging die Waldecker Bank hervor. Hier ein alter Briefkopf mit Standorten von Kornhäuser.

Der Genossenschaftsgedanke von Friedrich Wilhelm Raiffeisen fiel auch in Wadeck auf fruchtbaren Boden und trug dazu bei, den Wohlstand zu verbreiten. Zum 200. Geburtstag des Sozialreformers ein Rückblick.

„Was der eine nicht schafft, schaffen viele:“ Aus dem Gedanken der „Hilfe zur Selbsthilfe“ sind vor etwa 160 Jahren die ersten deutschen Genossenschaften entstanden. Ideengeber und Förderer war neben Hermann Schulze (1808 bis 1883) aus Delitzsch und Wilhelm Haas (1839 bis 1913) der Bürgermeister Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 bis 1899), ein christlich geprägter Sozialreformer. 

Schon nach dem „Hungerwinter“ 1846/47 gründete er im Westerwald einen „Brodverein“, 1864 folgte der „Heddesdorfer Darlehnskassenverein“ - er gilt als die erste Raiffeisen-Bank.

Wege aus der Armut

Dem Vorbild folgten auch die Waldecker. Das landwirtschaftlich geprägte und von großen Verkehrsadern abgelegene Fürstentum litt im 19. Jahrhundert unter Armut. Familien wanderten in die westfälischen Industriegebiete oder nach Übersee aus, weil sie keine Zukunft für sich sahen. Wie sollten sie der Not entkommen? 

Der Ideengeber: Friedrich Wilhelm Raiffeisen.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich in Waldeck ein Landwirtschaftlicher Verein gebildet, der die Lage der Bauern verbessern wollte. Auch die fürstliche Regierung bemühte sich nach Kräften. Doch es gab ein Hindernis: Die oft kleinteilig wirtschaftenden Bauern hatten kein Kapital für eine Expansion. Und was nutzten ihnen Erfindungen wie der Kunstdünger, wenn sie ihn sich nicht leisten konnten? 

Ein Ausweg: Kredite aufnehmen und sie nach der Ernte zurückzahlen. Doch von den Privatbanken war nichts zu erwarten, die Bauern waren für ihre Geschäfte nicht reich genug. Und dubiose Geldverleiher forderten Wucherzinsen.

 „Hilfe zur Selbsthilfe“

 Da griff die „Hilfe zur Selbsthilfe“: Die von den drei Männern eingeführten Genossenschaften vor Ort boten den Bauern ungeahnte Perspektiven: 

Kornhaus-Genossenschaften sorgten dafür, dass Getreide in zentralen Speichern sachgerecht gelagert wurde, durch gezielte An- und Verkäufe trugen sie auch zur Preisstabilität bei. 

Viehzucht-Genossenschaften gaben ebenfalls Hilfestellungen und kümmerten sich um die Vermarktung. 

Kredit-Genossenschaften vergaben Darlehn zu fairen und tragbaren Bedingungen: Bauern konnten Vieh für die Vergrößerung ihrer Bestände und Kunstdünger kaufen. Sie zahlten für ihre Kredite Zinsen, wer Geld übrig hatte, zahlte es ein, sparte es an und bekam als Dank Zinsen. So gab er der Bank das Kapital, um Geld zu verleihen. Das von allen Genossenschaftern kontrollierte und verantwortete Geschäft ging auf. 

Ende des 19. Jahrhunderts kam nicht nur der bargeldlose Zahlungsverkehr auf, auch der Warenhandel nahm zu: Die Genossenschaften gaben günstig eingekauften Dünger und Futtermittel weiter. Erste Lager entstanden. Ihre Bedeutung stieg mit der Eröffnung weiterer Bahnlinien. Auch Waldeck wurde um die Jahrhundertwende immer besser ans Netz angeschlossen. 

Um die Kreditvereine zu stärken, richtete Raiffeisen 1876 als Dachorganisation die Landwirtschaftliche Centraldarlehnskasse ein, die zwischen den Genossenschaften finanziell ausgleichen konnte, was die Schlagkraft seines Kreditsystems verbesserte. 

Auch Agarreformen halfen: Die „Verkoppelung“ genannte Neuverteilung von Wiesen und Äckern machte auch die waldeckische Landwirtschaft effektiver. Und Bahnanschlüsse erleichterten die Vermarktung von Korn und Vieh: Die durch die Industrialisierung schnell wachsenden Städte benötigten Lebensmittel, die Landbevölkerung lieferte sie, allmählich kehrte im Fürstentum ein bescheidender Wohlstand ein. 

Erste Genossenschaften in Waldeck 

Die Sachsenberger nehmen nach mündlicher Überlieferung für sich in Anspruch, bereits 1849 den genossenschaftlichen Vorläufer der seit 1887 bezeugten Leih- und Sparkasse gegründet zu haben. 

Sicher ist, dass 1873 in Rhoden ein Kreditverein entstand, der als der vermutlich erste nach Raiffeisens Vorbild eingerichtete im Fürstentum gilt. Dem Rhodener Beispiel folgten 1886 die Spar- und Darlehenskassen in Wetterburg und Massenhausen, 1888 in Landau und Rhena/Neerdar. 

Die Wildunger „Centralgenossenschaft“ 

1894 gründeten die Alt-Wildunger die „Centralgenossenschaft zum Bezug landwirtschaftlicher Bedarfsartikel“. 1925 nannte sie sich in „Landbundgenossenschaft des Kreises an der Eder“ um, 1936 in Genossenschaftskasse und Kornhaus an der Eder und 1974 in Genossenschaftskasse Bad Wildungen. Vor ein paar Jahren schloss sie sich mit der Waldecker Bank zusammen. 

Die Waldecker Bank 

1898 gründete sich die „Eisenberger Kreis-Ein- und Verkaufsgenossenschaft“ mit Sitz in Corbach – der Vorläufer der heutigen Waldecker Bank. Erster Vorstandschef wurde der Helmscheider Oeconomierat Wilhelm Conradi, der die Gründung maßgeblich vorangetrieben hatte. Sie expandierte bis ins Wittgensteiner und Warburger Land. 1922 änderte sie ihren Namen in „Deutsche Landwirtschaftliche Hauptgenossenschaft – Kornhaus Corbach“. 

1928 betrieb sie 53 Kornhäuser, damit war sie eine der größten Genossenschaften Deutschlands. 1936 wurde aus ihr die „Hauptgenossenschaft Korbach“, das Warengeschäft und 25 ihrer Kornhäuser musste sie an die Kasseler „An- und Verkaufsstelle Hessenland“ abgeben. Sie führte 1952 den Namenszusatz „Landbank“ ein, seit 1963 bezeichnet sie sich als „Waldecker Bank“. In ihr gingen mittlerweile die meisten anderen Genossenschaftsbanken Waldecks auf.

Reichsweit an der Spitze 

Ende 1890 gab es nach Angaben von Michael Bohle bereits 13 Spar- und Darlehnskassen. 1904 waren es 37 Kassen, acht Molkereigenossenschaften und eine Viehverwertung. Gemessen an der Zahl der Mitglieder im Verhältnis zur Einwohnerzahl sei Waldeck reichsweit Spitze gewesen, hält Bohle fest. Bis 1913 stieg die Zahl auf 49 Genossenschaften. 

Die „Gleichschaltung“ 

Für Adolf Hitlers Nationalsozialisten war ihr „Führerprinzip“ mit der demokratischen Selbstkontrolle der Genossenschaften nicht vereinbar, so wurden auch sie „gleichgeschaltet“ und in den „Reichsnährstand“ eingegliedert. Der kurhessische Raiffeisen-Verband wurde Teil der „Landesbauernschaft Kurhessen“, der „Reichsbauernführer“ trat an die Spitze des „Reichsverbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften – Raiffeisen“. Die strikte Kontrolle sollte auch sicherstellen, dass beim nächsten Krieg genug zu essen für die Deutschen da war. 

Das „Wirtschaftswunder“ 

Nach dem Zweiten Weltkrieg benannten sich die deutschen Genossenschaftsbanken 1947 in „Raiffeisenkasse“ um. 1948 wurde in den drei Westzonen der deutsche Raiffeisen-Verband mit 3,15 Millionen Mitgliedern gegründet. Er blühte auf, als die D-Mark im Westen eingeführt wurde. 

Das Genossenschaftswesen profitierte vom „Wirtschaftswunder“, das die „soziale Marktwirtschaft“ der jungen Bundesrepublik bescherte. Die Löhne stiegen, Renten reichten aus zum Leben, Familien konnten sich Urlaub und Auto leisten. Bauern auf Wachstumskurs, investitionsfreudige Unternehmer und Häuslebauer benötigten Kredite, aber auch das Sparen lag voll im Trend – es gab ja gute Zinsen. Die Volks- und Raiffeisenbanken florierten. Auch Wohnungsbaugenossenschaften hatten viel zu tun, ganze Stadtteile entstanden neu.

 So behauptete sich das deutsche Drei-Säulen-Modell aus Genossenschaftsbanken, öffentlich-rechtlichen Sparkassen und Landesbanken sowie den Privatbanken. 

Zusammenschlüsse nehmen zu

Doch schon 1960er setzte eine erste Welle von Zusammenschlüssen ein. Immer mehr kleine Genossenschaften hätten sich dazu entschieden „mit dem Ziel, den Mitgliedern und Kunden in der Region einen starken und leistungsfähigen Finanzpartner für alle Bankdienstleistungen zu bieten“, schreibt Karl-Hermann Völker in seinem Buch über das Raiffeisenwesen im Frankenberger Land. 

Mit zunehmenden Anforderungen an Geldgeschäfte und Beratung setzte sich die Fusionswelle ab Ende der 1980er Jahre fort. Der Beratungsbedarf wuchs mit den neuen Finanzprodukten, Stichworte Aktien und Fonds. Die Dokumentationspflichten nahmen zu, neue Techniken wie das „Homebanking“ per Internet kamen auf. Das konnten kleine Banken nicht mehr leisten. 

Seit 1988 stiegen zudem die Verpflichtungen der Bilanzierung rasant durch die inzwischen drei Basler Eigenkapitalvereinbarungen für die zehn größten Industriestaaten der Welt. Wieder stießen kleinere Genossenschaftsbanken trotz ihres Verbundpartners „Union-Invest“ oder der Serviceleistungen des Raiffeisen-Verbundes an ihre Grenzen. Indessen ging das Warengeschäft mit dem Wandel der Landwirtschaft stark zurück. Auch Milchgenossenschaften gingen ein. 

Und die wiederholten Angriffe einer seinerzeit eher marktradikal eingestellten Europäischen Kommission auf das deutsche Drei-Säulen-Modell machten die Lage für Genossenschaften und Sparkassen nicht einfacher: Die risikofreudigen und auf schnelle Profitmaximierung getrimmten Manager der Privatbanken wurden hofiert. 

Die Bankenkrise

Doch die Genossenschaftsbanken behaupteten sich dank treuer Kunden und Mitglieder. Und die 2007 von Spekulanten ausgelöste Weltwirtschaftskrise bescherte ihnen einen neuerlichen Zulauf: Die von Brüssel und Berlin so geschätzten Finanzjongleure hatten das Vertrauen in „die Märkte“ gründlich ruiniert. 

Die Steuerzahler mussten für die Milliardenschäden der Zocker aufkommen und Banken retten, die Staatsverschuldungen stiegen, was prompt zur Krise in Irland, Portugal, Griechenland und Spanien und – dank neuerlicher Spekulation – zur Euro-Krise führte. Die Politik antwortete mit der umstrittenen Theorie der Austerität: Sie verordnete Schuldenländern einen strikten Sparkurs, von dem überwiegend die Mittelschicht und die ohnehin schon Armen betroffen waren. Die Schere zwischen Arm und Reich ging noch weiter auseinander. Extremistische Protestparteien wurden europaweit groß. 

Die wegen ihrer vergleichsweise kleinen Renditen einst verlachten Genossenschaften hatten hingegen solide gewirtschaftet und gingen ziemlich unbeschadet aus der Krise hervor. Die Kunden honorierten es. Allerdings ging die Fusionswelle wegen der schärferen Marktregulierungen weiter. 

Noch vier Genossenschaftsbanken in Waldeck

In Waldeck sind heute noch vier Genossenschaftsbanken vertreten: 

• die Waldecker Bank mit ihren 16 Geschäftsstellen, 

• die Kasseler Bank mit vier Zweigstellen im Kreis, 

• die Raiffeisenbank Volkmarsen mit drei Geschäftsstellen im Kreis, 

• die Raiffeisenbank Hessen-Nord mit ihrer Filiale in Landau.

 Im Frankenberger Land bestehen noch die Frankenberger Bank, die Volksbank Mittelhessen und die Gemünder Spar- und Kreditbank. 

Der Gedanke der Genossenschaften ist nach wie vor modern: Inzwischen bilden sich Energiegenossenschaften, die Windräder oder Solarparks betreiben.

 Und die von Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen geprägte Genossenschaftsidee soll ein immaterielles Weltkulturerbe werden. Die Anträge sind bei der UNESCO schon gestellt.

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