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Friedrich Kunz verbringt Tage und Nächte an der Gerichtslinde in Korbach

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Von: Philipp Daum

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Lebt draußen an der Gerichtslinde in Korbach: Friedrich Kunz hat sich dort „häuslich“ eingerichtet. Auf einer Partybank-Garnitur bereitet er sich Essen zu, auf einer Matratze – eingehüllt in Decken – schläft er.
Lebt draußen an der Gerichtslinde in Korbach: Friedrich Kunz hat sich dort „häuslich“ eingerichtet. Auf einer Partybank-Garnitur bereitet er sich Essen zu, auf einer Matratze – eingehüllt in Decken – schläft er. © Philipp Daum

Ein Autofahrer hupt und grinst, ein Spaziergänger schüttelt verständnislos den Kopf, eine ältere Frau grüßt freundlich. Alle Reaktionen gelten jenem Mann, der seit einigen Tagen draußen an der Gerichtslinde in Korbach „wohnt“ und damit für reichlich Aufmerksamkeit in der Kreis- und Hansestadt sorgt.

Korbach - Einen Platzverweis hat er bereits erhalten, auch eine seiner Sitzgarnituren und sein Zelt wurden ihm von behördlicher Seite schon abgenommen – schließlich ist das Campen auf öffentlichen Plätzen verboten.

Für das Ordnungsamt und die Polizei ist das Thema damit aber noch nicht erledigt. „Wir haben das alles am Anfang noch geduldet, im Anschluss daran aber entsprechende Maßnahmen umgesetzt“, sagte der Korbacher Büroleiter Ralf Buchloh auf Anfrage unserer Zeitung. Der Mann widersetze sich jedoch allen Anordnungen. Die zuständigen Behörden beschäftigten sich daher weiter mit dem Fall.

Doch was treibt den Mann im kalten November nach draußen – warum lebt, schläft und isst er an der Gerichtslinde in Korbach, die sich in exponierter Lage an der Kreuzung Nordwall/Medebacher Landstraße befindet und damit dort, wo maximale Aufmerksamkeit garantiert ist.

Dem WLZ-Reporter stellt sich der Mann als „Friedrich Kunz“ vor. Er sei 43 Jahre alt und ein gebürtiger Korbacher. Eigentlich wohne er direkt gegenüber der Gerichtslinde auf dem Hof seines Onkels – doch er brauche den Straßenlärm um sich herum, um aufmerksamer lesen zu können.

„Wie passt das zusammen“, fragt der WLZ-Reporter. „Ganz einfach“, antwortet Friedrich Kunz. Wegen des Lärms müsse er sich viel stärker auf das Lesen konzentrieren. Deshalb sei der Platz an der Gerichtslinde ideal für ihn. „Ich lese die Parascha-Abschnitte in der Tora“, sagt der 43-Jährige und behauptet, dass er vor drei Jahren die israelische Staatsbürgerschaft angenommen und die deutsche abgelegt habe. Dies sei möglich gewesen, weil er einem Rabbiner unterstellt sei. Seither befolge er alle Gebote, die in der Tora stehen, um aus sich selbst einen besseren Menschen zu machen.

Für den WLZ-Reporter klingt diese Geschichte wirr, dennoch hört er Friedrich Kunz weiter zu. Dieser erzählt, dass er nach seinem Hauptschulabschluss in der Nähe von Karlsruhe eine Lehre als Goldschmied absolviert und in dieser Zeit bei seiner Mutter gelebt habe. Den Vater habe er nie kennengelernt. Einige Jahre später sei er dann nach Korbach zurückgekehrt. Dort sei er mehrere Jahre lang berufstätig gewesen, bevor er schließlich in die Arbeitslosigkeit gerutscht sei.

„Ich beziehe als israelischer Staatsbürger kein Arbeitslosengeld“, betont der 43-Jährige, wenngleich er dafür einen ungläubigen Blick des WLZ-Reporters erntet. Um sich notwendige Lebensmittel besorgen zu können, sammele er regelmäßig Flaschen und Dosen ein. Mit dem Pfandgeld gehe er dann einkaufen. „Manchmal bekomme ich Lebensmittelspenden“, erzählt der Korbacher, der auch nachts das Leben auf der Straße vorzieht – warum, wird im Gespräch nicht ganz klar.

Auf die Frage, ob er wegen der sinkenden Temperaturen keine Angst habe, zu erfrieren, sagt Friedrich Kunz: „Ich laufe nachts viel in Korbach herum, räume in der Stadt etwas auf – die Leute werfen einfach zu viel Müll achtlos weg. Tagsüber, wenn es wärmer ist, schlafe ich ein paar Stündchen – im Moment ja nicht mehr im Zelt, sondern in Decken eingehüllt auf meiner Matratze unter der Linde.“ Das sei alles zwar hart, aber auch nicht so schlimm – manchmal komme er auch bei Freunden unter. „Und wenn nicht, passt Gott ja auf mich auf.“

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