Der Korbacher Autor Martin Lenz hat einen Nordhessenkrimi geschrieben

Die große Welt der kleinen Stadt

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Psychologischer Hintergrund, Motivation der Personen, Atmosphäre: Martin Lenz vor seiner Bücherwand mit Nachschlagewerken, auf die er beim Schreiben häufig zurückgreift.Foto: Kobbe

Korbach - „Keine Schuld und keine Ahnung“ heißt der neue Kriminalroman von Martin Lenz. Der Korbacher Autor und pensionierte ALS-Lehrer verlegt dabei den Schauplatz des Verbrechens in eine nordhessische Kleinstadt.

Lesern, die vermuten könnten, im 13. Buch des Philologen deutliche Bezüge zu seiner Wahlheimat zu entdecken, nimmt Lenz den Wind aus den Segeln: Es handele sich um eine rein fiktive Kleinstadt und frei erfundene Charaktere. Belege und Bezüge zu finden, die etwas anderes vermuten lassen, in den geschilderten Mechanismen sozialer Kontrolle durch die Nachbarschaft Bekannte(s) zu erkennen, trägt aber zu einem gehörigen Teil zum Lesevergnügen bei.

Was passiert in diesem Nordhessenkrimi? Die zehnjährige Anika Popescu kommt eines Nachmittags aus der Schule und findet ihre Mutter tot im Kinderzimmer. Ihr vermeintlicher Vater Vadim Popescu, ein gebürtiger Rumäne, ist gerade auf Geschäftsreise. Das Kind ruft den Nachbarn zu Hilfe, den Rentner und früheren Geschäftsmann Kuno Kropke. Sie kennt ihn, weil ihre Mutter als Putzhilfe in seiner Villa tätig war. Die einst lebenslustige Mechthild Popescu blickte aber auch auf etliche Affären zurück. Ihren Ehemann Vadim hatte sie auf einem Campingplatz kennengelernt.

Seltsame Zufälle

Im Trubel der polizeilichen Tatortsicherung flüchtet Anika aus Furcht, in ein Heim gesteckt zu werden. Rentner Kropke findet sie spätabends in seinem Keller. Das Mädchen reagiert widersprüchlich: kindlich naiv, verängstigt und dann plötzlich kaltblütig fordernd. Kropke fühlt sich bedroht. Ahnungslos gerät er in Schwierigkeiten und fühlt sich am Ende schuldlos unter Missbrauchsverdacht.

Die Polizei geht vielen Spuren nach und stößt auf Bandenkriminalität, Geschäfte mit Pornografie und Ausländerhass, „und das alles eingebettet in idyllisches, kleinstädtisches Leben, das einen atmosphärischen Gegensatz zur routinierten Arbeit von Hauptkommissar Pfitzer bildet“, fasst Lenz zusammen. „Der Migrationshintergrund des Verbrechens“, wie der Autor es beschreibt, scheint offensichtlich, und doch tappt der Leser geraume Zeit im Dunklen - so lange, bis seltsame Zufälle den Weg zum Mörder ebnen. Ein echter „Whodunit“ also, wie in der Verlagssprache die wichtigste Krimifrage („Who has done it?“), phonetisch übersetzt, als Gattungsbegriff dient.

„Ich konstruiere nicht, ich lasse es wachsen“, sagt der 81-jährige Autor über seine Methode, die voraussetze, „Geduld mit sich selbst zu haben“. Dazu gehören auch Ablenkungsmanöver, wenn der Erzählfluss an der Computertastatur ins Stocken gerät. Ein Spaziergang oder Gartenarbeit zum Beispiel würden helfen, um wieder neue Einfälle zu bekommen. Auf einen Zettelkasten, in denen viele Literaten ihre Ideen, Personen, Zitate oder Begebenheiten sammeln, um sie an passender Stelle in den Text einzubauen, verzichte er ganz bewusst. Eher lasse er sich von Anregungen aus Gesprächen mit Bekannten und Freunden inspirieren. Oft greift der gebürtige Hallenser, der 1957 die DDR verließ, auf eigene Erlebnisse aus Kindheit und Jugend im Dritten Reich und im Arbeiter- und Bauernstaat zurück. Was sich hinter den Mauern des berüchtigten Gefängnisses „Roter Ochse“ in Halle abspielte, an denen damals Lenz’ täglicher Fußweg zur Uni vorbeiführte, gab so den Anstoß für die tragische Biografie der Romanfigur Vadim Popescu.

Der Kriminalroman ist das bevorzugte Genre des ehemaligen Gymnasiallehrers. Für eine Kurzgeschichte erhielt Lenz 2006 den Krimi-Preis der Stadt Bad Arolsen. 13 Romane in knapp 15 Jahren: Lenz ist mit hohem Tempo auf seiner schriftstellerischen Laufbahn unterwegs. „Keine Schuld und keine Ahnung“ ist mittlerweile auch schon wieder eine Zwischenstation. Der nächste Krimi ist in Vorbereitung, berichtet Lenz. „Toter Mann, guter Mann“ soll er heißen.

Erzählerische Handschrift

Wobei das mit den Titeln ein Kapitel für sich sei. So habe er für das aktuelle Buch mindestens ein Dutzend ent- und auch wieder verworfen. Es komme auch schon mal vor, dass ganze Kapitel aus dem fertigen Manuskript nach Rücksprache mit dem Verlag wieder gestrichen werden müssen. Von diesen mitunter mühsam ausgefeilten Passagen trennt sich Lenz aber nicht endgültig, sondern hebt sie für eine spätere Verwendung auf.

Die erzählerische Handschrift des Korbacher Autors wird im Verlauf der 240 Seiten häufig deutlich. Psychologischer Hintergrund, Motivation der handelnden Personen, Atmosphäre: Darauf legt Lenz sein Hauptaugenmerk. Schilderungen des Tathergangs, womöglich in blutrünstiger Ausprägung, sind aufs Wesentliche beschränkt. Entsprechend nimmt die Geschichte um den mitunter ob seiner Marotten komischen Kropke, die scheinbar unberechenbare Anika und den bedauernswerten Vadim den Leser mit auf die Reise in die große Welt der kleinen Stadt.

Martin Lenz: Keine Schuld und keine Ahnung, Einbuch-Literaturverlag Leipzig 2014, ISBN 978-3-942849-31-9, 13.90 Euro.

Von Thomas Kobbe

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