Spitzenpolitiker bleiben ungerupft beim Jahresrückblick von Bernd Gieseking

Von großen und kleinen Teufeln

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Rückblick auf ein Jahr mit vielen Kandidaten für den Teufel: Bernd Gieseking in Korbach. Foto: ahi

Korbach - „Als das Böse noch klein war“, unter dieses Motto stellte Bernd Gieseking seinen 21. satirischen Jahresrückblick, zu dem das vhs-kulturforum den Kabarettisten in die gut besuchte Stadthalle eingeladen hatte.

Das kleine Teufelchen in Pampers stand dem Satiriker mit dem scharfen Blick für unausdenkbare Komik des politischen und medialen Alltags als Mahner zur Seite. Schließlich galt es ein Jahr zu würdigen, in dem sich kaum etwas Gutes ereignet hatte, außer dem 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls und dem vierten Weltmeistertitel im Fußball, wobei der von Cristiano Ronaldo abgeschossene Philipp Lahm im Anschluss an den betreffenden Freistoß ebenfalls „Die Mauer muss weg“ gefordert haben soll.

Ein Jahr mit vielen Kandidaten für den Teufel: Die ISIS, Putin, Seehofer, „der sagt, der Söder ist es und die Merkel hat schon viele zu ihm gejagt“, führte Gieseking aus. Dabei gab die Kanzlerin gleich das Stichwort für die politischen Konsequenzen der Wiedervereinigung: die drei mächtigsten Menschen in Deutschland kommen aus dem Osten: Angela Merkel, Joachim Gauck und Claus Weselsky.

Steilvorlagen der Lokführer

Die in früheren Jahren eifrig gerupften Spitzenpolitiker ließ Gieseking dieses Jahr allerdings weitgehend in Ruhe. Dafür lieferte der machtbesessene Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Lokführer dem Satiriker mit den aus jedem noch so weit hergeholten Anlass initiierten Streiks gleich mehrere Steilvorlagen. Etwa mit dem Bestreiken des vollkommen zielgruppenfreien Güterverkehrs zur Durchsetzung der Forderungen für Zugbegleiter und Servicepersonal in Personenzügen.

Die erste Fahrt mit einem ADAC-Postbus voller ebenfalls vom Lokführerstreik betroffenen Novizen bildete in diesem Jahr das große Reiseerlebnis samt Panik-Flashback an die Mauerzeiten beim Passieren von Helmstedt und Zuwinken zur mit dem Handy verständigten Lebensgefährtin beim Vorbeifahren an ihrem Büro in Hannover. Dafür gab‘s Beifall von sämtlichen Mitreisenden.

Allerdings sollte die Beziehung im witzigsten Teil des Programms an der Autokorrekturfunktion des Smartphones zugrunde gehen, die Ulla in Lulu und einen „Kuss“ in ein „Muss“ und das finnische Wort für Danke (Kitos) in einen Koitus verwandelte. „Wir sind inzwischen auseinander - wegen des Handys“, kommentiert Gieseking die Auswirkungen einer Korrekturfunktion, die wohl ein Experimental-Lyriker entworfen hat. Bei diesem Liebesaus durchs Handy steckte der Teufel wohl in der Technik.

Zu Wort kam der Gehörnte mit dem Pferdefuß allerdings erst im zweiten Teil als letzter nächtlicher Anrufer. Den Anfang im Standard „Wir kennen uns” machte Ursula von der Leyen, die dieses Mal gleich die ganze politische Riege vertreten musste. „Die Gulaschkanone ist die letzte einsatzfähige Waffe der Bundeswehr“, lautete das Fazit der ersten Bundesverteidigungsministerin, die nun zahlreiche Planungspannen ihrer Vorgänger beim Umgang mit dem gekürzten Wehretat ausbaden muss.

Die schärfste Waffe

Für den Schelm und Satiriker ist die schärfste Waffe der Deutschen, die ihnen die Kraft gibt, ganze Länder zu besetzen, ohnehin kein Rüstungsgut im eigentlichen Sinne: Der Blick auf die Strände dieser Welt macht deutlich, dass das Handtuch effektiver ist als jede noch so teure Waffentechnik.

Vollkommen falsch verortete Panik sieht der Satiriker bei den Reaktionen der Bürger auf den Ebola-Virus und Krankenhäuser mit entsprechenden Isolierstationen. Mit ihren durch jahrzehntelangen Antibiotika-Missbrauch gezüchteten multiresistenten Keimen ist jede Mästerei in Deutschland ein weitaus höheres Risiko von einer Krankheit befallen zu werden, für die es kein Heilmittel gibt. Wenn „Resi“, das Übel schlechthin, vorher bei Bernd angerufen hat, geht sogar der Teufel ganz schnell wieder aus der Leitung, denn der Gehörnte war schon immer ein Hasenfuß, so das Fazit der Rückschau auf das Jahr.

Zahlreiche Pointen aus dem WM-Tagebuch lockerten die Bilanz des Blicks auf viele komische Fakten von 2014, die gar nicht so witzig sind, auf. Komischer Höhepunkt der Fußball-Bilanz war allerdings nicht das 7:1 über Brasilien oder das Finale gegen Argentinien, sondern der Mitschnitt eines Telefonats von Veronika Ferres mit Oliver Berben während der Partie Spanien gegen Chile, in der die alternde Aktrice dem Produzenten ein von zu viel ntv inspiriertes Höhlenrettungsprojekt mit ihr in der Rolle der Bergärztin vorschlagen wollte, um am Ende feststellen zu müssen, dass die Rechte und die Rolle schon für Mutti Iris gesichert wären. Ein Wunder von „Mutti“ Merkel, die dem frisch gebackenen Weltmeister Sebastian Schweinsteiger die Stirnwunde wegküsste, schloss den Fußballreigen.

Von Armin Hennig

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