TSV Meineringhausen wird 100 Jahre alt · Kommersabend am Wochenende

Gründungsurkunde missbraucht

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Mit Turnen begann die Ära des TSV Meineringhausen. Das Bild zeigt ein Turnfest aus dem Jahr 1952. Im Vordergrund der langjährige Vorsitzende Karl Schäfer.

Korbach-Meineringhausen - Manchmal wird jemand 100 Jahre alt, aber gefühlt war der Jubilar eigentlich schon immer am Leben. So ein Empfinden haben wohl einige Meineringhäuser, wenn sie an den Turn- und Sportverein denken, der am Samstag mit einem Kommersabend seinen 100. Gründungstag in der Walmehalle (19 Uhr) feiert.

Der TSV hat in 100 Jahren das Leben vieler Mitglieder bereichert, aber er musste auch zahlreiche Tote beklagen - durch zwei Weltkriege wurde das Vereinsleben immer wieder vorübergehend stillgelegt. Allerdings war der bevorstehende Erste Weltkrieg auch mit dafür verantwortlich, dass der TSV am 16. März 1913 zum Leben erweckt wurde, federführend war der Lehrer Friedrich Krummel.

In der Gründungsurkunde heißt es nämlich gleich in Paragraph 1: Durch Turnen und militärische Übungen sollen die Mitglieder körperlich ausgebildet werden und in ihnen eine sittliche, mannhafte, vaterländische Gesinnung geweckt und gefestigt werden.

Frauen und Kinder waren bis 1922 bei dem Turnverein noch nicht erwünscht. Finanziell flossen zur Gründungszeit in einem Sportverein noch kleine, fast schon zu bescheidene Summen. So durfte der Vorstand nur über Ausgaben bis zu 15 Mark verfügen, aber zehn Jahre später musste er für den Erwerb der Vereinsfahne schon 200 000 Mark auf den Tisch legen. Krieg und Weltwirtschaftkrise hatten eine Inflation ausgelöst. 1924 hatte der Verein bereits 62 Mitglieder der Jahresbeitrag betrug 1,80 Mark. Ende 2012 waren es 474 Mitglieder.

Gymnastikabteilung tragende Säule

Krummel übernahm nach der Vereinsgründung den Vorsitz. Er wurde 1927 von Heinrich Schwalenstöcker abgelöst, der das Amt bis 1946 innehatte. Ihnen folgten als TSV-Chefs Friedrich Geldmacher (1946/47), Karl Schröder (1947/48) Wilhelm Müller (1948/49), Karl Schäfer (1949 bis 1969) Hermann Emde (1969 bis 1983), Harald Freier (1983 bis 1989), Willi Gernandt (1989 bis 2003), Hermann Emde jr. (2003 bis 2007) und Gerd Rinninsland (seit 2007).

König Fußball war in den ersten 30 Vereinsjahren noch nicht mal ein Prinz, es gab bis 1946 niemanden im Sportverein, der einer Lederkugel hinterherlief. Turnen war die Sportart Nummer eins, dann kam 1929 die Leichtathletik hinzu - das „volkstümliche Turnen“, wie sie anfangs etwas spöttisch bezeichnet wurde. Erster über die Kreisgrenzen hinausragender Athlet im TSV-Trikot war Christian Graß, der die 100 Meter in elf Sekunden lief. Die Leichtathletik ist der-zeit das größte Sorgenkind des Vereins. Sie wird seit zwei Jahren nicht mehr angeboten - es findet sich kein Trainer.

Zu einer tragenden Säule des Vereins hat sich hingegen die Frauen-Gymnastikabteilung entwickelt, die 1969 eröffnet wurde. Für diese Kontinuität stehen drei Namen: Petra Weber, die die Gruppe seit mehr als 25 Jahren trainiert, die langjährige Übungsleiterin Helene Schäfer und Frauenwartin Elvira Lernet, die mit kurzen Unterbrechungen auch das Kinderturnen seit einem Vierteljahrhundert leitet. Bis zur Einweihung der Walmehalle 1977 fanden die Übungsstunden im Saal des Vereinslokals oder in den Räumen der alten Schule statt.

Weniger Kondition zeigte die Wanderabteilung, die zwar mit vielen Gehwilligen 1982 startete, aber in den 90ern man-gels Fußgänger auch wieder abwandern musste. Der Frauenfußball war ebenfalls nur eine Modeerscheinung im Verein: 1981 flog der erste feminine Schuss aufs Tor, 1993 der letzte.

Derzeit wird im Verein neben Frauengymnastik und Kinderturnen Fußball-Tennis, Volleyball, Tischtennis (alles Freizeitmannschaften) und natürlich Fußball angeboten. Dieses 22-Bekloppte-laufen-hinter- einem-Ball-her-Spiel löste ab 1946 einen Boom in der deutschen Sportvereinslandschaft aus. Der Fußballer schoss den Turner und Leichtathleten im Handumdrehen vom Thron.

Die Macht des Fußballs hat in Meineringhausen noch nicht mal vor der Gründungsurkunde haltgemacht: Wer der deutschen Schrift nicht mächtig ist, kann darauf zwar nichts lesen, aber schon die edle und gleichmäßig geführte Handschrift in schwarzer Tinte ist beeindruckend - scheinbar nicht für einen Fußballer, denn was muss man da auf der letzten Seite der Urkunde lesen: Heuschkel im Tor, davor Außenverteidiger… Wie kommt denn eine Mannschaftsaufstellung auf dieses kostbare Papier? Die Gründungsurkunde sei verschollen gewesen und erst 2011 auf dem Dachboden des Sportlerheims wiederentdeckt worden, erzählt der langjährige Schriftführer Werner Langendorf. Vermutlich habe ein Betreuer Anfang der 50er Jahre kein Papier gehabt, und dann sei ihm diese Urkunde in die Hände gefallen.

Nach dem Umziehen Spaziergang zum Sportplatz

Als der Fußball noch arm war, wurde er von seinen Spielern vielleicht am leidenschaftlichsten betrieben. Sie mussten sich nach Kriegsende bis Anfang der 50er-Jahre Ball, Trikots und Schuhe in der Regel selbst besorgen, und zwar meistens im Tausch gegen Naturalien. Stollen gegen Stollenschuh, Ball gegen Butter. Die Vereinsfarben waren damals noch Rot-Weiß, heute Rot-Blau.

Warmtrampeln statt warmlaufen war bei Auswärtsspielen angesagt, denn die Spieler fuhren mit dem Fahrrad auf des Gegners Platz. Wer hatte schon ein Auto? Den Meineringhäuser Kickern fehlte anfangs auch das Spielfeld. Sie bauten sich zunächst hinter der damaligen Schule einen sporadischen Platz, dann schufen sie sich 1947 eine größere Spielwiese zwischen dem heutigen Lärchenweg und Feldgarten. Die wurde aber zum Bauplatz erklärt, und 1960 hieß es wieder umziehen auf den jetzigen Sportplatz. Die Kosten dafür lagen durch die hohe Eigenleistung bei nur 3100 D-Mark.

Sich mal eben in der Kabine umziehen und nach dem Spiel duschen war aber noch nicht möglich. Die Spielerkabine war meist ein Raum im jeweiligen Vereinslokal, nach dem Umziehen mussten beide Mannschaften einen Spaziergang zum Sportplatz unter-nehmen. Die Meineringhäuser Kicker wollten dann ein eigenes Häuschen im Grünen. Nach-dem sie 1971 gehört hatten, dass in Buhlen eine Baubaracke zu haben ist, griffen sie zu. Sie bauten das Holzhaus im Edertal ab und auf ihrem Sportplatz wieder auf. Es folgten viele Renovierungen, und heute stehen dort ein aus Stein gemauertes Sportlerheim und ein Gerätehaus - beide Gebäude haben Vereinsmitglieder in vielen Stunden eigenhändig aufgebaut.

Fußballerisch dümpelte der Verein nach dem Krieg viele Jahre vor sich hin. Wer denkt schon ans Kicken, wenn Hun-ger und Elend quälen. Landleben war zu diesem Zeitpunkt allerdings gefragt, und aus dem durchziehenden Flüchtlingsstrom angelten sich Vereine auch den einen oder andere guten Fußballer heraus. Diese Spieler-Quelle versiegte aber nach ein paar Jahren wieder, die Menschen gingen zurück in ihre Heimat. Vermutlich war das der Grund, warum der TSV Meineringhausen seine Fußballsparte ab 1950 für zwei Jahre abmelden musste. Da auch fast jeder Spieler etwas mit Landwirtschaft zu tun hatte, war die Elf-Mann-Aufstellung vor allem im Sommer oft gefährdet, denn viele Eltern schickten ihre Söhne sonntags lieber aufs Erntefeld statt auf den Sportplatz. Es soll auch TSV-Anhänger gegeben haben, die ihre Arbeitskraft dem Bauern angeboten haben, damit dessen Sohn Tore fürs Vereinswohl schießen konnte.

Fußballsparte für zwei Jahre abgemeldet

Herbert Schäfer erwarb sich als Fußballobmann in den 50er und 60er Jahren große Verdienste im Verein. Allerdings war Trainingslehre in dieser Zeit für viele Vereine in der Region noch ein Fremdwort. Der TSV verpflichtete 1969 mit Karl Theiß den ersten Trainer für die Senioren. Sofort kam auch der Erfolg: 1970 stieg die Mannschaft in die A-Klasse (heute Kreisoberliga) auf und erreichte das Waldecker Pokalendspiel, das sie gegen den FSV Basdorf 1:3 n. V. verlor.

Eine Nachwuchsarbeit, wie sie heute üblich ist, wurde beim TSV auch erst spät eingeführt. Eine Trainingseinheit lief Anfang der 70er Jahre in etwa noch so ab: Der Trainer kommt und sagt: „Hallo Jungs, hier habt ihr einen Ball, dann spielt mal. Ich komme später wieder und nehme den Ball wieder mit.“

Das spielerisch große Potential einiger Nachwuchsjahrgänge im TSV wurde daher nicht ausgeschöpft. Die Jugendarbeit mit einem Trainer, der auch trainiert, fing erst Mitte der 70er Jahre an. Rund 15 Jahre später waren schon nicht mehr genug Spieler im Dorf vorhanden, sodass der TSV in der Saison 89/90 eine bis heute währende Spielgemeinschaft mit dem TV Höringhausen einging. Seither spielt die Mannschaft in der Kreisoberliga. Sie gewann 1991 und 1992 den Waldecker Pokal.

100 Jahre TSV Meineringhausen heißt auch 100 Jahre die gleichen Probleme. Ein Beispiel: mangelnde Trainingsbeteiligung. Bereits Ende der 20er Jahre wurde deswegen eine außerordentlichen Mitgliederversammlung einberufen und beschlossen: Wer dreimal nacheinander nicht zur Turnstunde erscheint, muss den Verein verlassen. Tatsächlich wurden drei Turner rausgeworfen. Das wäre heute undenkbar. Der militärische Drill musste den TSV im Laufe der Jahre ebenfalls verlassen. Und das ist auch gut so. (rsm)

Das Programm

16. März: Kranzniederlegung am Ehrenmal durch den TSV-Vorstand mit musikalischer Begleitung des 
Posaunenchors (17 Uhr) Kommersabend in der Walmehalle mit Fotoausstellung, der Gitarrengruppe Meineringhausen, Darbietungen des Duos Fidelio und Tanz 1./2. Juni: Sportwochenende mit dem Turnbus der hessischen Turn- und Fußballjugend, dem Traditionsfußballspiel: „rechte gegen linke Straßenseite“ und weiteren Angeboten 23. Juni: Gauwandertag Start um 9 Uhr am Vereinsheim, Wandern und Nordic Walking auf kurzen und langen Strecken24. August : Tanzabend in der Walmehalle mit der Band „No Limit“ (ab 20 Uhr)

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