Geplante Bio-Hühnerfarm in Lelbach: Knapp 100 Besucher bei Informationsabend

„Grundsätzlich genehmigungsfähig“

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12 000 Hühner.Archivfoto: Victoria Bonn-Meuser

Korbach-Lelbach - Ein geplanter Legehennen-Betrieb mit 12?000 Hühnern stößt in Lelbach auf Kritik – der stellten sich die künftigen Betreiber bei einem Informationsabend am Montag.

„Auf dem Mühlenbusch“ über dem Erlhof am Ortsrand von Lelbach wollen Biobauer Willi Müller-Braune und sein Sohn Björn zwei Ställe mit großem Auslauf für 12000 Tiere errichten (siehe Hintergrund). „Nach modernsten ökologischen Richtlinien für artgerechte Haltung“, so der Landwirt. Doch im Ort mit rund 620 Einwohnern formiert sich Widerstand. Am Montag hat der Ortsbeirat zur Info-Veranstaltung geladen.

In der Homberghalle reichten die Sitzplätze kaum für die knapp hundert Zuhörer, die sich im Gemeinschaftsraum im Obergeschoss drängten. Die Anwohner fürchten Lärm- und Geruchsbelastungen durch den Hühnerstall, sorgen sich um Umwelt- und Gesundheitsgefahren, negative Auswirkungen aufs Grundwasser, Verkehrsbelastungen und um den Wertverlust ihrer Häuser.

Noch kein Bauantrag eingereicht

Bislang hat Familie Müller-Braune noch nicht einmal einen Bauantrag eingereicht. „Wir sind gerade dabei, die Genehmigungsunterlagen zusammenzutragen“, sagte Architekt Gerhard Rasche. Doch für ihn steht schon fest: „Nach meiner Einschätzung ist das Vorhaben genehmigungsfähig.“ Als landwirtschaftlicher Betrieb sei die geplante Hühnerfarm ein privilegiertes Bauvorhaben, deshalb sei es möglich, im Außenbereich zu bauen, erläuterte Rasche die planungsrechtlichen Grundlagen. Zuständige Genehmigungsbehörde sei das Landratsamt.

Auch die Geruchsbelastung scheint kein Problem zu sein, jedenfalls auf dem Papier: Die so genannte Geruchsimmissionsrichtlinie (GIRL) werde eingehalten, erklärte Gerd Frank, beim Landesbetrieb Landwirtschaft Referent für Immissionsschutz und Stallklima. Demnach darf es an den nächstgelegenen Wohnhäusern nicht öfter als an 12,5 Prozent der Jahresstunden nach Hühnermist riechen. Der Abstand der Anlage zu den Häuser müsste bei 86 bis 128 Metern liegen, um diesen Wert zu erreichen. Tatsächlich werde er bei mehr als 250 Metern liegen, sagte Franke: „Aus dieser Richtung entstehen keine Probleme.“

Die Berechnungen gehen von der Hauptwindrichtung Nord/Nordwest aus, die in den vergangenen Jahrzehnten nach Daten des Hessischen Landesamtes für Umwelt und Geologie (HLUG) am häufigsten vorkam. Franke: „Die Abluft geht zum größten Teil in die freie Landschaft.“ Selbst wenn der Wind aus der entgegengesetzten Richtung wehe, würden die Abstände eingehalten. „Wir haben 100 Prozent Sicherheit“, so der Mitarbeiter des Landesbetriebs. Auch die erwartete Staubbelastung liege weit unter den Grenzwerten im Bagatell-Bereich. Dr. Ralf Nöchel vom Fachdienst Lebensmittelüberwachung, Tierschutz und Veterinärwesen des Landkreises erklärte, tierschutzrechtlich sei die Anlage nicht zu beanstanden und kaum noch zu optimieren.

Neben möglichen Gerüchen sorgten sich die Lelbacher unter anderem um eine Belastung des Grundwassers. Bernd Grünhaupt entwarnte: Die Kotbelastung im Auslauf sei minimal. In der Voliere, dort, wo die Hühner fressen und trinken, ließen sie etwa 85 Prozent des Kotes zurück.

Auch wenn der Planung rechtlich nichts entgegenzustehen scheint, auf Anregung der Bürger will die Familie prüfen, ob es möglich ist, den Standort noch weiter vom Ortsrand weg zu verschieben. Dazu sei aber ein Grunderwerb oder ein Grundstückstausch notwendig. Willi und Björn Müller-Braune kündigten außerdem an, in einem Schaukasten vor dem Hof regelmäßig über den aktuellen Stand des Projekts zu informieren. „Und wenn der Betrieb fertig ist, sind alle eingeladen, ihn sich anzuschauen“, so Willi Müller-Braune.

Hintergrund:

Aus dem bisherigen Neben-?erwerbsbetrieb mit einer handvoll Mutterkühen und Ackerbau soll ein Vollerwerbsbetrieb werden: Willi und Björn Müller-Braune planen eine ökologische Eier-?produktion mit insgesamt 12?000 Legehennen. Jeweils 3000 Tiere sind, in vier Gruppen aufgeteilt, in zwei Ställen untergebracht. In den Hallen sind Volieren mit übereinander angebrachten Ebenen aufgebaut, die als Lauf- und Ruheflächen mit Tränken und Fütterungseinrichtungen genutzt werden. Die Tiere haben Sitzstangen, ruhige Nistplätze, die Möglichkeit, zu scharren – und Auslauf: Vor dem Stall ist zunächst eine Art Wintergarten, der sogenannte Kaltscharrraum, wo die Hühner auch bei Regen an der frischen Luft sein können. Draußen haben sie dann 70?000 Quadratmeter Auslauf. Der Betrieb hält die scharfen „Naturland“-Richtlinien ein: Die EU-Bioverordnung sieht beispielsweise vor, dass nicht mehr als 230 Hennen pro Hektar Land gehalten werden dürfen, bei Naturland sind es nur 140. Die Legehennen dürfen von Anfang an ständig ins Freie, die EU schreibt Auslauf nur bei schönem Wetter vor. Mindestens die Hälfte des Futters müssen aus Eigenanbau oder speziell geregelten Betriebskooperationen kommen, die EU-Bioverordnung sieht nur 20 Prozent vor. Fachberaterin Anette Alpers vom Naturland-Verband erklärt: „Die Betriebe werden mindestens viermal im Jahr kontrolliert.“ Rund 200 Tonnen Hühnermist entstehen pro Jahr. Er wird ganzjährig innerhalb des Gebäudes gelagert und dann auf Ackerflächen ausgebracht. Rund 600 Tonnen Futter brauchen die Hühner pro Jahr, die Hälfte davon will der Betrieb selbst produzieren. Ein bis zwei Lastzüge pro Monat fahren an, ihr Weg soll dabei nicht durch das Wohngebiet führen. Vermarktet werden sollen die Eier von „Sonnenei“ in Alheim (Landkreis Hersfeld-Rotenburg). Zweimal wöchentlich holt der Vermarkter die Eier mit einem Kleintransporter ab. Der Betrieb schafft Arbeitsplätze für eine Vollzeit-, eine Teilzeit- und eine 400-Euro-Kraft.

Zu den Personen: Die Referenten

Neben Willi und Björn Müller-Braune erläuterten Gerd Frank und Bernd Grünhaupt vom Landesbetrieb Landwirtschaft in Kassel, Architekt Gerhard Rasche (Borgentreich, Landkreis Höxter), Dr. Ralf Nöchel vom Fachdienst Lebensmittelüberwachung, Tierschutz und Veterinärwesen des Landkreises sowie Fachberaterin Anette Alpers vom Naturland-Verband die Planungen. Axel Friese, Mitglied des Ortsbeirats, moderierte die Veranstaltung.

Von Lutz Benseler

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