Der poetische Roman „Montedidio“ von Erri de Luca als Einpersonenstück

Günther Treptow zieht alle Register

+
Poetisch und voller Spielfreude setzt Günther Treptow den Romanstoff in eine Einpersonenstück um. Hier will er als Don Rafaniello nach Jerusalem fliegen.Foto: Poetzsch

Korbach - Mit einem Solo-Theaterstück des Wiener Regisseurs und Schauspielers Günther Treptow hat wie bereits in den Vorjahren der Veranstaltungsreigen der Korbacher Stadtbücherei begonnen. Treptows Bearbeitung des Romans „Montedidio“ von Erri de Luca lockte viele Zuschauer an.

Das Licht im Saal geht aus und nur die kleine Bühne in der Bücherei wird von zwei kräftigen Scheinwerfern ausgeleuchtet. Sparsam, ja fast karg ist die Dekoration: Ein Holztisch, ein Stuhl, ein Bild auf dem Tisch und ein Bumerang sind die einzigen Elemente, die das Spiel unterstützen sollen. Das Bild zeigt die Mutter von Erri, den Bumerang erhielt er, von seinem Vater selbst angefertigt, zu seinem 13. Geburtstag. Seither trainiert Erri auf der Dachterrasse den einzigen Wurf, den er jemals mit dem Gerät wagen möchte. 100 Schwünge mit links und 100 Schwünge mit rechts sind sein tägliches Pensum. Das gibt ihm die Kraft, um im Nachkriegsitalien als Tischler bestehen zu können. Mit seinem Vater betreibt er eine kleine Schreinerei in einem der ärmeren Viertel Neapels.

Schreckensnachricht

Mitten in die Übungen platzt sein Vater mit der Schreckensnachricht, dass Erris Mutter mit Gelbsucht in die Klinik gebracht werden musste, und das kurz vor dem Weihnachtsfest. Ein großer Trost ist Erri da der Schuhputzer Don Rafaniello, mit dem er des Öfteren auf dem Montedidio sitzt, einem Berg oberhalb der Stadt. Dabei gibt Don Rafaniello, der im wahren Leben Schuhmacher ist, viele Lebensweisheiten von sich, die Erri in seinem Reifeprozess voranbringen sollen. So sagt Rafaniello, Gott sei durch unsere Beharrlichkeit dazu gezwungen worden, zu existieren. Und auch, dass der Montedidio der heilige Berg Gottes der Neapolitaner sei und damit der einzige Ort auf der ganzen Welt, wo der Tod sich dafür schämt, dass er existiert.

Und dann kommt es zu der ersten Begegnung mit Maria, die sich wundert, dass Erri seinen Bumerang nicht fliegen lässt. Erri antwortet ihr, sie habe doch auch Kanarienvögel und lasse diese auch nicht fliegen. So entwickeln sich die ersten zarten Bande, bei denen Maria allerdings viel forscher vorgeht als Erri. Von einigen sehr intimen Berührungen ist er doch sehr irritiert. Sie gesteht ihm, dass ihr Hausbesitzer sie sexuell nötigt und missbraucht und Erri hat das erste große Feindbild seines Lebens gefunden.

Feiner Humor

Am Schluss stirbt Erris Mutter im Krankenhaus, Don Rafaniello, der gar kein Christ ist, verlässt Neapel gen Jerusalem und er verprügelt den Hausbesitzer. Dann sitzt er mit Maria und seinem Vater beim Essen und zum neuen Jahr erhält Erri sogar doppelten Lohn. Daraufhin geht er mit Maria auf die Dachterrasse und endlich darf der Bumerang fliegen.

Meisterhaft hat Günther Treptow den Roman zum Theaterstück umgeschrieben und fantastisch in Szene gesetzt. Von Anfang an wird der Zuschauer in das Nachkriegsneapel mitgenommen und bekommt einen guten Eindruck von den vielen Charakteren, die Günther Treptow dem Publikum vorspielt. Alle Register zieht der Schauspieler dabei, zieht sein Publikum von der ersten bis zur letzten Minute in seinen Bann. Sowohl seine Mimik als auch seine gezielt gesetzten Gesten wirken dabei sehr ehrlich und keineswegs einstudiert. Die Spielfreude überträgt sich sofort auf die Zuschauer und auch der feine Humor kommt bestens an. Dabei verliert der Wiener Schauspieler niemals den Kontakt zur Basis des Stückes mit seiner doch eher einfachen und erdigen Sprache.

Die poetische Erzählung wirkt dabei leicht und mediterran, wie es bei solch einem Stück auch sein sollte. Langanhaltender, donnernder Applaus belohnt ihn für diese Glanzleistung. Dieses Stück, eines der besten, die Günther Treptow bisher in Korbach präsentierte, wird den begeisterten Zuschauern sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben.

Von Klaus-Uwe Poetzsch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare