Prof. Seipp: Hallenbad hätte in diesem Zustand nie eröffnet werden dürfen

Gutachten bescheingt ein Fiasko

Angesichts der Schadensliste des Gutachters Prof. Hans-Martin Seipp (kleines Bild oben) herrschte beim Publikum am Donnerstagabend im Rathaus teils nur ungläubiges Staunen.

Korbach. - Beim Korbacher Hallenbad wird ein kaum vorstellbares Ausmaß an Schäden und Fehlern offensichtlich. Bei der Sondersitzung des Parlaments stellten sich Donnerstagabend viele die Frage, ob dies nicht auch strafrechtliche Konsequenzen haben müsste.

Die Besucherreihen waren am Donnerstagabend dicht besetzt im Sitzungssaal des Rathauses. Im Konflikt um den Hallenbadbau warteten alle gebannt auf die Ergebnisse des Hauptgutachters: Professor Hans-Martin Seipp, Experte der Technischen Hochschule Mittelhessen (Gießen).

Um es vorweg zu nehmen: Seipps Liste an Mängeln, Fehlern und Schäden war so umfassend, dass er auch bis Mitternacht hätte vortragen können. Die Besucher im Saal begleiteten den Vortrag mit Raunen, Kopfschütteln - oder manchmal auch nur mit Galgenhumor.

Im Auftrag des Korbacher Badbetreibers Energie Waldeck-Frankenberg (EWF) sollte Seipp ein Hygienegutachten vorlegen. Das reichte von Trinkwasser- und Sanitärtechnik über Badewassertechnik bis Heizungs- und Lüftungstechnik. Die Elektrotechnik hatte Seipp durch einen gesonderten gerichtlich zugelassenen Sachverständigen prüfen lassen.

Kernpunkte aus Seipps umfangreichem Gutachten:

lDie Ver- und Entsorgung mit Wasserleitungen, Heizungsrohren, Pumpen, Tanks und Abwasserrohren im Keller unterm Hallenbad ist eng, unzugänglich und vielfach falsch installiert.

lDamit wurden genau die Fehler wiederholt, die eine wesentliche Ursache waren für den millionenschweren Umbau des Hallenbads.

Nährboden für Bakterien

lBeim Trinkwasser laufen Kaltwasserleitungen durch überheizte Flure. Dies bildete einen Nährboden für den gefährlichen Keim „Pseudomonas aeruginosa“.

lDie Pumpen der „Druckerhöhungsanlagen“ waren viel zu stark eingestellt und sorgten mit dafür, dass sich Warm- und Kaltwasser vermischen konnten. Die gesamte Verteilung für Kalt- und Warmwasser hat kein klares System.

lUrsache für frühzeitigen Rost an den Edelstahlbecken sind etwa viel zu steil abfallende Schwallwasserleitungen unter den Becken. Fotos dokumentieren, dass Rohrleitungen aus dem Bestand des alten Hallenbads völlig verdreckt und korrodiert sind. Auch deshalb konnte sich der Rost auf dem Stahl breitmachen.

lDie Heizungsanlage ist falsch installiert. Vom Hersteller lagen überhaupt keine Betriebsanleitungen zur Heizungssteuerung vor. Daraus resultierten Probleme nicht nur fürs Hallenbad, sondern auch für die Stadthalle.

lBei der Elektrotechnik liegen teils unisolierte Kabel offen herum.

Gefahr im Kinderbecken

lBei der Filteranlage fürs Badewasser wurde ohne Dokumentation eine völlig andere Technik eingebaut als zunächst vorgegeben.

lDie Spülung des Wassers war falsch eingestellt, bei einer Spülanlage fehlte die desinfizierende Chlorzugabe.

lDie Frischwasserzufuhr war teils unzureichend, insbesondere im Kinderbecken. Das führte zur Versalzung des Wassers.

lDas Abwasser aus dem Hallenbad wurde ohne Aufbereitungsanlage in die Kanalisation geleitet. Laut Gutachter Seipp ist dies aber gesetzlich vorgeschrieben.

lVor allem aber wurde vor Eröffnung des Hallenbads im März 2012 eine Mahnung des Gesundheitsamtes ausgeschlagen, obwohl das Trinkwasser gesetzlich der Aufsicht unterliegt, erklärt Seipp.

Statt das Trinkwasser zunächst untersuchen zu lassen, teilte der Generalplaner des Hallenbads, das Büro Meyer und Möller (Gotha), am 8. März an EWF mit: Alle behördlichen Abnahmen seien erfolgt, das Hallenbad können also eröffnet werden.

Nach Seipps Ansicht war das Hallenbad „in all diesen Gewerken nicht betriebsfähig“. Die Verantwortung dafür liege beim Generalplaner.

In der Debatte des Parlaments fragten deshalb etwa Doris Jauer (fraktionslos) und Patricia Kubat (CDU), ob all dies nicht auch strafrechtliche Züge trage. Fazit von Professor Seipp: „Wenn meine Kinder dort gebadet hätten“, würde er überlegen, was der Staatsanwalt dazu sage.

Derweil ließ der Generalplaner über seinen Anwalt am 5. März mitteilen: „Wir weisen für unsere Mandantin alle Mängel aus dem vorgenannten Gutachten vollumfänglich zurück.“

Ziel bei EWF ist nun, das gerichtliche Beweissicherungsverfahren voranzubringen (wir berichteten), um das Bad vielleicht Ende 2014 eröffnen zu können.

Doch wer trägt danach die Kosten für die Baumängel? So hieß die bange Frage im Parlament. Seipp ist „guter Hoffnung, wenn Sie mit richtigem Engagement zur Sache gehen, dass das am Ende für Sie nicht zum Fiasko wird“.

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