Neuer Entwurf für die Stadtverwaltung: SPD warnt vor Eile, CDU warnt vor Verzögerung

Ein gutes Rathaus ist teuer

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Entwurf des Bauamts für das Rathaus der Zukunft: Der gotische Altbau wird links mit einem deutlich kleineren Neubau verbunden. Eingebunden sind das Fachwerkhaus in der Kümmell-Straße 9 (links), die Stadtwache (rechts) und ein neuer Zwischenbau an der Stechbahn.Zeichnung: Stadtbauamt

Korbach - Der neue Entwurf für einen Rathausanbau ist Top-Thema in Korbach. Das Konzept erntet in Bürgerschaft wie Politik viel Zustimmung. Aber die Kosten wiegen schwer - gerade in finanziell harten Zeiten.

Auf zwölf Millionen Euro wird das Rathauskonzept taxiert. Ein Abriss des bröckelnden Anbaus aus den 1970er-Jahren ist inbegriffen. Zumal der Betonkasten nach 42 Jahren auch die meisten Sorgen bereitet: Die Fassade bröckelt, die Wände haben Risse, Klimatechnik in den Großraumbüros und fehlende Wärmedämmung verschleudern nicht nur Energie, sondern bereiten offenbar vielen Mitarbeitern stetig Probleme.

„Manche haben in vielen Jahren das Tageslicht nicht gesehen“, schilderte Bürgermeister Klaus Friedrich vorige Woche im Finanzausschuss des Parlaments drastisch. Die Hansestadt müsse künftig ins Rathaus investieren, aber am besten keinen Cent mehr in den Betonanbau stecken. Denn der „ist abgewirtschaftet“, unterstrich Bauamtsleiter Stefan Bublak, der den neuen Entwurf in den Ausschüssen des Parlaments präsentierte.

Was das Konzept schmackhaft macht: Es geht nicht um einen puren Ersatz für den Anbau von 1972, sondern um einen weiträumigen Entwurf, der umliegende Altbauten einbindet - und damit für die Zukunft erhält: das Fachwerkhaus in der Prof.-Kümmell-Straße 9 unterhalb des Rathauses und das Gebäude der Stadtwache oberhalb in der Ecke von Stechbahn und Tempelgasse. Ergänzt würde dies nach dem neuen Konzept durch einen viel schlankeren und verglasten Anbau am historischen Rathaus und einen neuen, weitgehend freistehenden Zwischenbau zur Stadtwache.

Baulich und finanziell über Jahre strecken

Das ganze Projekt wäre zudem schrittweise über Jahre umzusetzen: erst Sanierung des Fachwerkhauses in der Kümmell-Straße, dann Umbau und Anbau an der Stadtwache, zum Abschluss dann Abriss des Betonbaus. Der Ersatzbau würde dabei nur ein Drittel so groß und könnte vor allem für einen neuen Sitzungs- und Empfangssaal dienen.

„Der Entwurf gefällt“, resümierte SPD-Sprecher Helmut Schmidt im Finanzausschuss. „Sehr mutig“, befand Grünen-Sprecher Werner Welsch - aber forderte Details zu den Kosten.

So mahnte Schmidt angesichts der von zwölf Millionen Euro vor wachsenden Schulden: „Meine Bank hat einen Fehler: Sie will das Geld auch zurück haben“, meinte Schmidt symbolisch. Zumal die Hansestadt mit Erneuerung der Fußgängerzone und Investitionen in den Bauhof weitere Herkulesaufgaben zu stemmen habe. „Ich persönlich würde gerne Porsche fahren, kann es mir aber nicht leisten“, bilanzierte FDP-Sprecher Arno Wiegand. Da stellte sich für Beate Mehrhoff (Fraktion „Pro Korbach“) etwa die Frage, ob das Bauamt mit Stefan Bublak an der Spitze auch die Bauleitung übernehmen könne - um damit Kosten für ein externes Büro einzusparen. Derweil warnte Wiegand, das Konzept „nicht als alternativlos hinzunehmen“, sondern weiter andere Varianten für das Rathaus zu prüfen.

Braucht das Rathauseinen Sitzungssaal?

Am historischen Standort des Rathauses seit 1377 möchte Bürgermeister Friedrich indes nicht rütteln: „Es gibt mit Sicherheit Alternativen. Aber es gibt gute und schlechte“, erklärte Friedrich. Ein Neubau auf der grünen Wiese würde ähnlich hohe Kosten bringen. Und bei einem Umzug bliebe die bange Frage: Was passiert mit den Gebäuden der Verwaltung in der Altstadt?

Alternativen zum Standort sah auch SPD-Fraktionschef Henrik Ludwig eher nicht. Durch den Kauf benachbarter Grundstücke an Kümmell-Straße und Stechbahn sei die Stadt gebunden. „Wer kauft uns denn sonst das alte Gebräkel ab?“, fragte Ludwig rhetorisch.

Überdies geht es bei der Stadtentwicklung seit vielen Jahren um Belebung der Altstadt. Und dazu tragen auch die rund 140 Beschäftigten plus Besucher und Touristen im Rathaus bei.

Vielmehr forderte Ludwig, den Blick nach innen zu richten - auf Organisation und Bedarf der Stadtverwaltung. Devise: Braucht die Verwaltung überhaupt noch so viele Büros in der Zukunft? Und könnte die Stadt nicht auf einen Anbau für einen Sitzungssaal ganz verzichten, stattdessen Bürgerhaus oder Stadthalle für Parlament und Empfänge nutzen?

Doch beim Blick in die Zukunft zeichnet CDU-Fraktionschef Heinz Merl ein ganz anderes Bild: „Wir reden nicht nur über kommunale Zusammenarbeit, sondern auch über Neuordnung“, orakelte Merl: „Ich bin überzeugt, dass die Stadt Korbach in den nächsten Jahren nicht kleiner wird. Wir sollten deshalb den Entwurf nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern gezielt daran weiterarbeiten.“

Will heißen: Womöglich steht nach 40 Jahren eine weitere Gebietsreform in Hessen bald vor der Tür, Korbach wächst mit benachbarten Gemeinden zusammen - und sollte der Verwaltung dafür auch genügend Platz einräumen.

Hintergrund: Rathausanbau

1969 gab das Korbacher Parlament seinen Segen für einen modernen Anbau ans historische Rathaus. Grundlage war ein Architektenwettbewerb. 1969/70 wurden benachbarte Gebäude abgerissen, 1972 stand der Neubau dann bereit. Ein Impuls war damals die Gebietsreform in Hessen, denn bis 1972 schlossen sich 14 kleine Gemeinden (heute Ortsteile) mit Korbach zusammen. Zeitgleich gab Korbach den Startschuss für die große Stadtsanierung, die in den kommenden 30 Jahren rund 50 Millionen Euro an Investitionen anschob: 1974 Stadthalle/Hallenbad, 1976 erster Teil der Fußgängerzone, 1979/80 Abriss der alten Post, Umbau am Berndorfer Tor, Parkdeck, in den 80er-Jahren abschließender Umbau der Bahnhofstraße und Parkhaus, in den 90er-Jahren Jugendhaus und Museum. 42 Jahre nach dem Rathausumbau geht es in Korbach um gleiche Themen: Verwaltungsbau, Stadtentwicklung – und unter öffentlicher Schuldenlast vielleicht auch bald um eine weitere Gebietsreform?

Von Jörg Kleine

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