Modellprojekt „Mitleben“ ermöglicht sieben jungen Leuten mit Behinderung ein selbstbestimmtes Wohnen

Ab Herbst in den eigenen vier Wänden

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Sieben junge Menschen mit Behinderung und ihre Eltern haben vier Jahre lang eine Wohnung in der Korbacher Innenstadt gesucht, um eine WG zu gründen – mit Erfolg: Im Herbst wollen die jungen Leute in einen Neubau einziehen.

Korbach - Behindert? Dann ab ins Heim. So hieß es früher oft. Ein wissenschaftlich begleitetes Pilotprojekt soll nun sieben jungen Menschen mit Behinderung in Korbach ein selbstbestimmtes Wohnen möglich machen.

Ihre Kinder wollen das, was andere in ihrem Alter auch wollen: Raus aus dem Zimmer, wo sie schon als Kind lebten. Rein ins Erwachsenenleben in den eigenen vier Wänden. Vier Jahre lang haben die Eltern von sieben jungen Leuten zwischen 20 und 28 Jahren aus Korbach und Umgebung gemeinsam mit der Lebenshilfe Waldeck-Frankenberg nach einer geeigneten Immobilie für eine behindertengerechte Wohngemeinschaft gesucht - denn in ein Heim möchten sie nicht.

Wunsch wird Wirklichkeit

Der Wunsch wird gerade in Korbachs Innenstadt Wirklichkeit: Auf dem ehemaligen Gelände des Schuhhauses Kleine am Hauptbahnhof wird ein Mehrfamilienhaus gebaut, die ersten Mauern stehen schon. „Wir werden die untere Etage kaufen“, sagt Martina Giller-Risse, zuständig für den Bereich „Wohnen“ bei der Lebenshilfe in Korbach. Wenn alles nach Plan läuft, können die sieben jungen Leute im Herbst dieses Jahres einziehen.

Und so soll die Traumwohnung aussehen: Auf insgesamt rund 300 Quadratmetern - natürlich barrierefrei - hat jeder Bewohner sein eigenes Zimmer mit Bad, das er nach Wunsch mit eigenen Möbeln einrichtet. Ein großer Wohn-Ess-Bereich ist für alle gemeinsam da, zusätzlich gibt es ein speziell ausgestattetes Pflegebad und eine große Terrasse. Jeder Bewohner kann selbst entscheiden, ob er sich in seine eigenen vier Wände zurückziehen oder am Gruppengeschehen teilhaben will.

Die Wohngemeinschaft ist Teil des Projekts „Mitleben“ der Lebenshilfe Hessen und der Hochschule Rhein-Main, gefördert durch die Aktion Mensch. „Auch das hessische Sozialministerium gibt einen Zuschuss“, erklärt die Mitarbeiterin der Lebenshilfe. Hintergrund: Insbesondere für Menschen mit hohem Hilfebedarf gibt es bislang kaum Alternativen zum Heim. Doch im Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung (Artikel 19) wird ihnen „das Recht zugesichert, gleichberechtigt ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben wollen“, sie sind nicht verpflichtet, in besonderen Wohnformen zu leben.

Erfahrungen sammeln

Menschen mit einer geistigen Behinderung und intensivem Unterstützungsbedarf einen Wohn- und Lebensort mitten in der Stadt zu ermöglichen, ist deshalb das Ziel von „Mitleben“. Die Hochschule Rhein-Main wird das Projekt wissenschaftlich begleiten, die Erfahrungen sollen in eine Art Handbuch für künftige Projekte einfließen. „Eine Herausforderung ist etwa, eine 24-Stunden-Betreuung zu gewährleisten“, sagt Giller-Risse. Um diese zu finanzieren, muss die Lebenshilfe ein Paket aus den Leistungen unterschiedlicher Träger wie Kranken- und Pflegekassen schnüren. Wie genau das aussehen wird, ist noch offen. Nachahmer werden aber später auf die Vorarbeit der Korbacher zurückgreifen können. (lb)

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