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Hirsch-Apotheke in Korbach - Vor 281 Jahren gegründet – Besitzerwechsel nach 25 Jahren

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Von: Marianne Dämmer

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Nach 25 Jahren als Inhaber der traditionsreichen Hirsch-Apotheke hat Apotheker Franz Kircher das Geschäft an seine ehemalige Mitarbeiterin, Pia Ueberson, übergeben.
Nach 25 Jahren als Inhaber der traditionsreichen Hirsch-Apotheke hat Apotheker Franz Kircher das Geschäft an seine ehemalige Mitarbeiterin, Pia Ueberson, übergeben. © Marianne Dämmer

Insgesamt 25 Jahre hat Franz Kirchner die älteste Apotheke in Korbach geführt, nun ist er in den Ruhestand gegangen.

Korbach – Viel verändert hat sich im Laufe des Vierteljahrhunderts in der Apothekenlandschaft – gleich geblieben ist seine Einstellung zu seinem Beruf: „ Es ist gut, wenn man etwas Sinnvolles macht im Leben – und wenn man anderen damit auch noch helfen kann, ist das umso besser.“

Am 2. Januar 1997 hatte der Pharmazeut Franz Kirchner seinen ersten Arbeitstag in der Hirsch-Apotheke, der traditionsreichsten Apotheke der Stadt. Groß geworden ist er in der Wetterau, studiert hatte er in Marburg. Ein Studienkollege wohnte in Vöhl, er besuchte ihn oft und kannte daher die Gegend. „Sie war damals mitausschlaggebend dafür, dass ich das Angebot, die Hirsch-Apotheke zu übernehmen, annahm. Und natürlich: So ein traditionsreiches Haus findet sich nicht oft“, sagt Franz Kirchner. Zu jener Zeit arbeitete er noch als angestellter Apotheker in Frankfurt – zusammen mit seiner Frau und Kindern wagte er einen Neuanfang in der Kleinstadt.

1953: Das erste Foto von einem Abi-Hirsch, das die Hirsch-Apotheke besitzt.
1953: Das erste Foto von einem Abi-Hirsch, das die Hirsch-Apotheke besitzt. © Hirsch-Apotheke/pr

Aus der Mainmetropole Frankfurt nach Korbach – Franz Kirchner hat den Umzug nie bereut, im Gegenteil: „Das war eine gute Wahl, Korbach bietet eine große Lebensqualität. Nur drei Minuten zu Fuß zur Arbeit, anstatt auf einer dreispurigen Autobahn jeden Morgen im Stau zu stehen – das ist ein Privileg“, sagt Kirchner. Und dann das Wappentier der Apotheke: Jedes Jahr freute er sich auf die Hirsch-Aktionen der Abiturienten: „Die Abi-Hirsch-Tradition ist 100 Jahre alt. Ich habe großen Respekt davor, dass sich eine Tradition so lange hält“, sagt Kirchner.

Die Hirsch-Apotheke in Korbach hat eine 281-jährige Tradition 

Die Hirsch-Apotheke ist die älteste bestehende Apotheke in Korbach und damit eines der traditionsreichsten Geschäfte der Hansestadt.

Der Gründer Johann Adolf Schmidt aus Altena/Wf. war bei seinem Onkel Johann Moritz Varnhagen in der Engel-Apotheke in der Stechbahn (im Haus der späteren Buchhandlung Urspruch) schon in der Lehre und wurde nach dessen Tod 1738 dort Pächter. Nach ständigen Streitigkeiten mit der Witwe Varnhagens gründete er 1741 kurzerhand seine eigene – die Hirsch-Apotheke, die bis 1822 auch das Prädikat einer Hochfürstlich waldeckischen Hofapotheke führte.

Schon früh gab es Verbindungen der Hirsch-Apotheke zum Korbacher Gymnasium, denn die Tochter Schmidts, Maria Christiane, heiratete 1761 den Prorektor (Stellvertreter des Schulleiters) Johann Gottfried Speirmann. Die Hirsch-Apotheke blieb 148 Jahre im Besitz der Familie. Letzter Inhaber war Carl Kümmell, dessen jüngerer Bruder Hermann ein bedeutender Chirurg und Ehrenbürger Korbachs wurde.

1889 erwarb der Apotheker-Geselle Adolf Nacke, bisheriger Provisor (im 19. Jhd. übliche Bezeichnung für den Stellvertreter des Inhabers) die Hirsch-Apotheke, dessen Erben noch heute die Eigentümer sind. Die Hirsch-Apotheke wird damit immer noch auf der Grundlage des damaligen Konzessionsrechts betrieben – wie noch zwei weitere Apotheken in Hessen. (Quelle: hirsch-apotheke-korbach.de)

Von seinem Beruf ist er immer noch begeistert. „Unsere Branche gehört zu den letzten Tante-Emma-Läden. Man kommt zur Tür herein und wird sofort akademisch kompetent beraten. Apotheken sind die niedrigschwelligste Möglichkeit für Gesundheitsfragen und sie haben Doorkeeper-Funktion: Wir können professionell beurteilen, wenn jemand in der Eigendiagnose möglicherweise falsch liegt und schicken ihn lieber zum Arzt, wenn dahinter eine schwerwiegende Erkrankung liegen könne. Wir sind hier, weil wir uns für die Gesundheit der Bevölkerung verantwortlich fühlen. Online-Apotheken interessiert die nicht.“

2003: Am Hirsch kommt keiner vorbei. Mit Ausnahme von 1984 gibt seit 1979 Fotos.
2003: Am Hirsch kommt keiner vorbei. Mit Ausnahme von 1984 gibt seit 1979 Fotos. © Hirsch-Apotheke/pr

Dabei sei Gesundheit etwas sehr privates, „die Kunden müssen einem vertrauen. Ich bin schon zu Silber- und Goldhochzeiten eingeladen worden, weil die Leute sich bei uns so aufgehoben gefühlt haben. Der persönliche Kontakt zu den Kunden ist das Schönste“, sagt Kirchner. Zugleich gehe ihm „nah, wenn man weiß, dass jemand schwer erkrankt ist und verfällt. Da leidet man mit“.

Nicht vermissen wird er den bürokratischen Aufwand, „der nach meinem Empfinden unermesslich zugenommen hat. Die Corona-Pandemie hat für die Apotheken ebenfalls einen erheblichen Arbeitsaufwand unter erschwerten Bedingungen bedeutet. Aber wir haben gezeigt, dass wir es können.“

„Apotheken vor Ort haben auf jeden Fall eine Zukunft“

Vermissen hingegen werde er seine Kunden und Mitarbeiterinnen, „das höchste Gut dieser Apotheke, eine eingeschworene Truppe, die sich immer unterstützt“. „Apotheken vor Ort haben auf jeden Fall eine Zukunft, sie werden gebraucht“, ist Franz Kirchner überzeugt. In der Hirsch-Apotheke geht es auch weiter: Seine ehemalige Mitarbeiterin Pia Ueberson hat sie übernommen.

2020: Die Coronakrise sowie „Black Lives Matter“ sind die Themen der Zeit.
2020: Die Coronakrise sowie „Black Lives Matter“ sind die Themen der Zeit. © Silas Klöcker

In ein Loch fällt Franz Kirchner als Rentner nicht. Er ist aktiv in der Kinderkrebshilfe, beim Korbacher Lesebändchen, der Freilichtbühne, dem TSV, er ist Mitglied bei Ussgepackt und der Solidarischen Landwirtschaft in Strothe. Der Wohnwagen im Fürstenthal, wo die Familie ihre Urlaube verbracht hat, steht immer noch, „das ist Erholung pur“, sagt der inzwischen 65-Jährige. Er radelt jetzt viel und freut sich über jeden neuen Radweg, der entsteht.

„Das ist jetzt eine wunderbare Zeit, in der man noch alles machen kann – aber nichts mehr machen muss“, sagt Franz Kircher und lacht. Und so steht er der Hirsch-Apotheke noch als Aushilfe zur Verfügung, „das mache ich sehr gern“. (Von Marianne Dämmer)

Hirsch-Apotheke, vermutlich in den 1950er Jahren. Da war es schon ein halbes Jahrhundert Sitte für jeden ALS-Abijahrgang, den Hirschen zu „verkleiden“. Die Hirsch-Apotheke freut sich über
Hirsch-Apotheke, vermutlich in den 1950er Jahren. Da war es schon ein halbes Jahrhundert Sitte für jeden ALS-Abijahrgang, den Hirschen zu „verkleiden“. Die Hirsch-Apotheke freut sich über © Stadtarchiv Korbach/pr

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