Arztinterview zu Hodenkrebs

Abtasten kann Leben retten

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Nur zehn Prozent, der Hodenkrebspatienten haben Schmerzen. Deshalb sollten sich Angehörige von Risikogruppen regelmäßig selbst abtasten – raten Urologen wie Dr. Marc Ohlemann in Korbach. 

Hodenkrebs gehört zu den selteneren Krebsarten, und doch ist sie die häufigste Krebserkrankung bei jungen Männern im Alter zwischen 20 und 40 Jahren.  Früh erkannt, sind die Heilungschancen gut, sagt Dr. Marc Ohlemann von der Rologie-Belegabteilung des Stadtkrankenhauses Korbach.

Wie viele Hodenkrebsfälle behandeln Sie im Jahr?

Dr. Ohlemann: Hodenkrebs zählt zu den selteneren Krebsarten, so dass pro Quartal etwa bis zu zwei Patienten und pro Jahr etwa fünf bis sieben Fälle neu hinzukommen. Insbesondere bei fortgeschrittenen Hodentumoren findet eine enge Zusammenarbeit mit renommierten Hodentumorzentren in ganz Deutschland statt.

Wie zeigt sich Hodenkrebs? Welche Symptome gibt es? Bei welchen Beschwerden sollte man unbedingt einen Urologen aufsuchen?

Dr. Ohlemann: Jede schmerzlose, meist einseitige Vergrößerung bzw. Verhärtung des Hodens ist prinzipiell tumor-verdächtig und sollte abgeklärt werden. Nur bei etwa zehn Prozent der Patienten bestehen Schmerzen (Ziehen im Hoden, in der Leiste, Rückenschmerzen). 

Dr. Marc Ohlemann

Desweiteren können Schwellungen der Beine oder Brustdrüsen, Atemnot und Husten beobachtet werden. Auch allgemeine tumorbedingte Symptome wie Fieber, Nachtschweiß, Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Leistungsknick, Gewichtsverlust und Appetitlosigkeit können vorliegen. Neben der körperlichen Untersuchung durch Inspektion und Abtastung stehen weitere diagnostische Möglichkeiten in Form von Blutuntersuchung (Hodentumormarker), Ultraschall und radiologische Untersuchung zur Verfügung.

In welchem Alter sind Männer besonders gefährdet?

Dr. Ohlemann: Der Hodenkrebs ist die häufigste, bösartige Erkrankung des Mannes im Alter zwischen 20 und 40 Jahren und macht etwa ein bis zwei Prozent aller Tumorerkrankung aus.

Wie gefährlich ist die Krankheit? Wie groß sind die Heilungschancen?

Dr. Ohlemann: es gibt verschiedene Arten von Hodenkrebs mit unterschiedlicher Prognose. Dennoch ist allen zu eigen, dass unbehandelt die Erkrankung in aller Regel tödlich verläuft. Spontanheilungen sind nicht zu erwarten. Der Krankheitsverlauf ist zum Teil von einem dramatisch raschen Verlauf gekennzeichnet. Eine zügige und konsequente Therapie ist lebensrettend. Konsequent und stadiengerecht behandelt, sind die Heilungschancen gut bis sogar exzellent, das heißt: Im Frühstadium sind für bis zu mehr als 90 Prozent eine Heilung möglich.

Selbst fortgeschrittene Tumore können bei entsprechender Therapie mit einer großen Wahrscheinlichkeit geheilt werden. Man denke hierbei an Lance Armstrong, mehrfacher Gewinner der Tour de France. Seine Erkrankung wurde erst in weit fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert und behandelt, dennoch konnte er nicht nur geheilt werden, sondern hat anschließend siebenmal die Tour de France gewonnen (wenn auch nicht mit legalen Mitteln).

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es? Welche und wieviele Behandlungen führen Sie durch?

Dr. Ohlemann: Der eigentlichen Therapie voran geht die operative Hodenfreilegung und im Falle eines Tumornachweises die Hodenentfernung. Die histologische Aufarbeitung des entfernten Hodens dient zusammen mit der laborchemischen und radiologischen Diagnostik der genauen Stadieneinteilung des Tumors. Die Therapie des Hodentumors richtet sich immer nach dem Stadium (Überschreitung der Organkapsel ?, Metastasen ?) und der Histologie (Seminome oder Nichtseminome).

In sehr frühen Stadien reicht zum Teil die operative Entfernung des tumorbefallenen Hodens, meist wird jedoch eine darüberhinausgehende Chemotherapie – im Korbacher Stadtkrankenhaus von der Onkologie unter ärztlicher Leitung von Dr. Kai Tammoscheit durchgeführt. Oft empfehlen wir zudem eine Strahlentherapie an hierfür geeigneten Zentren in der Nähe, zum Beispiel in Brilon, Kassel, Marburg oder Göttingen. Denn etwa 50 Prozent der Patienten haben bei der Erstdiagnose bereits Tumorabsiedelungen (Metastasen). In fortgeschrittenen Stadien kann nur eine aggressive, konsequente Chemotherapie eventuell in Kombination mit einer Strahlentherapie eine Chance auf Heilung bringen. Im Fall eines Nichtansprechen des Tumors oder eines Rückfalls kommen ultra-aggressive Therapiekonzepte zum Einsatz, zum Beispiel Hochdosistherapien und umfangreichere operative Therapien wie die Entfernung der Lymphknoten aus dem rückwärtigen Bauchraum (= retroperitoneale Lymphadenektomie).

Diese Formen der Therapie sollten jedoch nur in hierfür spezialisierten Hodentumorzentren durchgeführt werden. Insgesamt ist das Hodenkarzinom jedoch im Vergleich zu anderen bösartigen Erkrankungen in der Regel sehr gut zu behandeln und mit einer sehr großen Heilungschance behaftet. Trotz der guten Prognose auch in fortgeschrittenen Stadien ist eine Früherkennung wichtig, da somit eventuell belastende Therapien erst gar nicht nötig werden.

Der Lebenseinschnitt für die überwiegend jungen Männer wird ja heftig sein. Gibt es oft Angststörungen? Empfehlen bzw. vermitteln Sie auch psychologische Behandlung nach der Erkrankung?

Dr. Ohlemann: Aufgrund der Tatsache, dass der gegenseitige Hoden verbleibt, haben diese Männer in der Regel keine großen Nachteile. Aus kosmetischen Gründen kann eine Hodenprothese eingesetzt werden. Die Sexualität wird durch die Behandlung nicht zwingend beeinträchtigt. Selbst jungen Männern mit Kinderwunsch kann durch die Möglichkeit der Kryokonservierung von gesundem Sperma vor Beginn einer Bestrahlung oder Chemotherapie geholfen werden. Wichtig ist die regelmäßige Nachsorge, um rechtzeitig ein erneutes Krebsaufkommen (Tumorrezidiv) zu entdecken. Die Notwendigkeit einer psychologischen Intervention besteht relativ selten. Das Angebot hierfür wird den Männern jedoch immer unterbreitet.

Welche Ursachen und Risikofaktoren gibt es?

Dr. Ohlemann: Besonders Männer mit einem Hodenhochstand haben ein deutlich höheres Risiko (10- bis 20-fach), einen Hodenkrebs zu entwickeln. Bei Hoden, die in der Leiste liegen, beträgt das Risiko ein bis zwei Prozent, bei Hoden im Bauchraum fünf bis zehn Prozent.

Es gibt verschiedene Hypothesen zur Entstehung des Hodenkrebs, deren Beweis noch aussteht. So wird vermutet, dass vor allem Umweltbelastungen (Luftverschmutzung durch Fahrzeugverkehr, Insektenvernichtungsmittel, Pflanzenschutzmittel, Schwermetalle, Lösungsmittel), Ernährung (zu wenig Getreide- und Gemüsekonsum) und mangelnde körperliche Aktivität (zu viel sitzen, Autofahren) zur Hodenkrebsentstehung beitragen. Berufe wie die des Schornsteinfegers oder des Piloten scheinen mit einem höheren Risiko für Hodenkrebs behaftet zu sein.

Wie kann und sollte man gegen Hodenkrebs vor-sorgen – Stichwort Abtastcheck?

Dr. Ohlemann: Männer, die im Alter zwischen 20 und 40 Jahren zu einer der genannten Risikogruppen (Hodenhochstand, familiäre Vorbelastung mit Hodenkrebs, Piloten, Schornsteinfeger) gehören, sollten sich selbst abtasten und entweder bei tastbaren Auffälligkeiten oder alternativ alle drei bis fünf Jahre (eindeutige Empfehlungen hierzu existieren nicht) beim Urologen untersuchen lassen.

Kann man durch seine Lebensweise sinnvoll vorbeugen?

Dr. Ohlemann: Männer sollten regelmäßig ihre Hoden selbst abtasten, so wie Frauen das mit ihren Brüsten zur Brust-Krebsvorsorge tun. Insbesondere Männer, die einen Hodenhochstand hatten oder einer der genannten Risikoberufsgruppen angehören, sollten dies unbedingt regelmäßig tun. /Achim Rosdorff

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