Immighäuser Karl-Heinrich Zimmer (89) lebt für die Lieder und den Chorgesang

Immer ein Lied auf den Lippen

Lichtenfels-Immighausen - Es ist äußerst selten, was Karl-Heinrich Zimmer geschafft hat. Auch mit 89 Jahren steht er noch auf der Bühne und singt - seit 75 Jahren im Verein. Eine kleine Ode.

Die Stimme tief und stark, der Gang akkurat, die Noten im Kopf: Karl-Heinrich Zimmer ist eine Bank im Immighäuser Männergesangverein - und das mit seinen 89 Jahren. Dass er manchmal nicht mehr bei den Proben am Donnerstagabend dabei sein kann, wurmt ihn. Denn in ihm brennt immer noch das Feuer für Liedgut aller Art.

Ausgerechnet die Dusche ist der einzige Ort, an dem der Sänger nicht einen Ton anstimmt. Aber im Rest des Hauses liegt stets Musik in der Luft. Wenn er Lust hat, gibt er am Abend für Ehefrau Hildegard, die in diesem Jahr 80 wird, ein kleines Ständchen - dann aber auf der Mundharmonika.

Der Mann, der heute in Immighausen wohnt, stammt aus Lich bei Gießen. Schon als Kind ist er vom Singen angetan, die Möglichkeit, sich beim Singen auszudrücken, fasziniert den jungen Karl-Heinrich. Erst nach der Konfirmation im Jahr 1938 darf er endlich in den Chor eintreten - zusammen mit seinem Vater und seiner Schwester.

Vom Tenor zum Bass

Die Anfänge waren schwierig, „ich konnte leider nicht besonders gut singen“, gibt er zu. Vom Tenor steigt er stimmlich in den Bass hinab - wo er bis heute seine musikalische Heimat gefunden hat.

Lange Freude am Chorgesang im Verein hat Karl-Heinrich Zimmer nicht. 1942 wird er als Soldat zur Wehrmacht eingezogen. Wenn er auch vieles zurücklassen muss, seine Lieder behält er doch bei sich. Und so kommt es, dass er auch an der Front und in französischer Gefangenschaft Zeit für seine Lieder findet.

Die Lieder von damals haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Aber bis heute gibt er sich Mühe, auch neue Stücke zu lernen. Dann sitzt er in seinem Sofa, die Notenblätter vor sich und übt - ganz allein für sich.

Englische Lieder muss ihm aber jemand übersetzen. „Ich muss doch wissen, was ich da singe“, erklärt er. Bei manch neuem Werk vermisst er die Melodie und die Geschmeidigkeit, die alte Lieder ausmacht. Aber er weiß auch: Der Geschmack ändert sich mit der Zeit. Also schmettert er auch tapfer den „Traum von Amsterdam“ mit.

Beruflich kommt er als gelernter Landwirt und als Hofverwalter viel herum. Nachdem er sich an seinem Arbeitsplatz umgeschaut hat, stellt er immer dieselbe Frage: „Und in welchem Verein wird hier gesungen?“ Auf dem Nonnenhof (Ilbenstadt in der Wetterau) lernt der Landwirt schließlich seine Frau kennen.

Aufgabe: Waldecker Lied

„Wir haben uns lange Zeit nicht nur bei Festen im Sonntagsanzug gesehen, sondern alle Höhen und Tiefen miterlebt. Das war eine gute Vorbereitung für die Ehe“, sind sich die Zimmers einig.

Eine Art Trainingslager für das Leben in Waldeck ist der Nonnenhof ebenfalls: Er ist der einzige Nichtwaldecker und muss als eine der ersten Maßnahmen das „Waldecker Lied“ auswendig lernen. 1954 heiraten Hildegard und Karl-Heinrich und kommen nach Immighausen, ziehen in Hildegards Geburtshaus. „Viele haben gefragt, was ich in diesem verschrobenen Waldeck will“, erinnert er sich. Es ist über die Jahrzehnte zu seiner Heimat geworden.

Auch in Immighausen dauert es nicht lange, bis sich Karl-Heinrich Zimmer nach dem örtlichen Gesangverein erkundigt. „Singen wollte ich - das war die Sache.“ Er wird den Männergesangverein 24 Jahre lang bis 1989 lenken und sich auch als Bezirksvorsitzender in Lichtenfels einen Namen machen.

Alt und Jung gemeinsam

„Es taugt nichts, wenn man zu alt ist. Man muss das Zepter in andere Hände geben“, ist er, der damals 66 Jahre alt war, überzeugt. Für ihn waren es „nur“ 24 Jahre Vorsitz, er sagt das ohne Hintergedanken und ist froh, dass er aktive Nachfolger hat.

Im September steht ein runder Geburtstag ins Haus: der 90. Daran gedacht, zumindest die Notenblätter im Verein aus der Hand zu geben, hat er schon, gibt er zu. „Aber ich darf nicht“, erzählt er und lächelt.

Also steht der 89-Jährige am Samstag neben dem 14-Jährigen, der vor Kurzem beigetreten ist. Vielleicht war Karl-Heinrich Zimmer dabei ein kleines Vorbild: Auch der junge Sänger trat mit der Konfirmation ein - ihm steht also noch viel bevor. (den)

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