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Auszubildende braucht vier Stunden Fahrtzeit bis zur Berufsschule in Marburg

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Selina Sophie Malkeev steht am Korbacher Bahnhof, nachdem sie nach 13 Stunden auf den Beinen von der Berufsschule in Marburg zurückgekehrt ist. Sie absolviert ihre Ausbildung als Fachverkäuferin bei der Fleischerei Knorr in Eppe und muss seit Donnerstag zur Berufsschule bis nach Marburg fahren, weil die Beruflichen Schulen in Korbach ihre Fachklasse geschlossen haben.
Selina Sophie Malkeev am Korbacher Bahnhof. Sie absolviert ihre Ausbildung bei der Fleischerei Knorr in Eppe. Weil die Beruflichen Schulen in Korbach ihre Fachklasse geschlossen haben, muss seit Donnerstag zur Berufsschule bis nach Marburg fahren. © Karl Schilling

Die Beruflichen Schulen in Korbach haben ihre Fachklasse geschlossen, deshalb muss die Auszubildende Selina Sophie Malkeev zum Unterricht bis nach Marburg fahren– eine Herausforderung.

Korbach-Eppe – Das zweite Ausbildungsjahr beginnt für Selina Sophie Malkeev (16) mit Fragezeichen. Am Donnerstag (08.09.)hatte sie ihren ersten Unterricht an ihrer neuen Berufsschule in Marburg. Ob sie dort ihre ehrgeizigen Ziele erreichen kann, ist für sie noch offen.

Selina Malkeev hat im August 2021 ihre Lehre als Fachverkäuferin bei der Epper Fleischerei Knorr begonnen. Sie zählt zu den Auszubildenden, die ab dieser Woche nicht mehr an den Beruflichen Schulen in Korbach unterrichtet werden – die beiden Fachklassen für angehende Bäcker und Fleischer sowie für die Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk wurden geschlossen. Sie schildert, was die Entscheidung für Auswirkungen auf sie hat.

Berufliche Schulen in Korbach: Fachklassen geschlossen – Auszubildende muss neue Schule suchen

Vier Wochen vor den Ferien habe sie die Nachricht erhalten, dass sie sich eine neue Schule suchen müsse, berichtet sie. Sie habe vor einigen Ungewissheiten gestanden. „Das war alles ziemlich kurzfristig.“ Mit einer Klassenkameradin aus Frankenberg hat sie beschlossen, nach Marburg zur Käthe-Kollwitz-Schule zu fahren – die Alternative Melsungen wäre noch weiter weg von Eppe gewesen. Vor drei Wochen erhielt sie ihre Aufnahmebestätigung.

Von Eppe nach Marburg gelangen

Ihr Leben ändert sich an den Berufsschultagen an jedem Donnerstag und an jedem zweiten Dienstag deutlich: Künftig muss sie allein für die Fahrtzeit etwa vier Stunden einplanen – vorausgesetzt, die Fahrpläne werden genau eingehalten. Verpasst sie Anschlüsse, droht je eine Stunde Wartezeit.

Ihr Bus startet in Eppe um 5.36 Uhr - es ist der früheste, der fährt. Das heißt: „Ich muss gegen 4 Uhr aufstehen.“ Gerade so erreicht sie in Korbach den Zug, der um 5.54 Uhr abfährt. Anderthalb Stunden ist sie auf der Schiene unterwegs, laut Plan erreicht sie um 7.23 Uhr Marburg. 37 Minuten hat sie, um vom Hauptbahnhof bis zur Schule am Ortenberg zu laufen.

Mittagspause verkürzt

Nachmittags geht es den gesamten Weg wieder zurück – die Klasse musste extra die Mittagspause verkürzen, damit sie ihren Zug um 15.30 Uhr noch bekommt. Sonst hätte sie knapp eine Stunde am Bahnhof auf den nächsten Zug warten müssen.

Laut Plan bringt sie der Bus von Korbach um 17.23 Uhr nach Eppe – bis dahin ist sie mehr als 13 Stunden auf den Beinen. Damit ist der Tag für sie gelaufen. „Das ist schon eine krasse Umstellung gegenüber dem Unterricht in Korbach,“ sagt sie. „Das ist schon schwierig. Korbach war für mich einfacher und besser.“

Furcht vor Verspätungen

Und dann plagt sie die Befürchtung: Was, wenn der Zug nicht pünktlich kommt? Wenn der „Schienenersatzverkehr“ Zeit frisst? Auch die Strecke Korbach-Marburg ist von Baustellen und dem Ausfall von Zugführern betroffen. Kommt sie dadurch zu spät in die Schule? Beide Elternteile seien berufstätig, „Ich habe keine Möglichkeit, dass mich jemand fahren kann.“

Auch finanziell sei es eine Belastung. 33 Euro hat sie allein am Donnerstag für Bus und Bahn bezahlt. Und auch wenn es für Schüler und Auszubildende das Hessen-Ticket für 365 Euro im Jahr gibt: So üppig ist die Ausbildungsvergütung auch nicht. Sie wolle ja nicht ihr gesamtes Geld für Fahrkarten ausgeben, sagt sie.

Gesellenprüfung und Mittlere Reife

Die Besonderheit bei Selina Malkeev: Sie hat den Realschulzweig der Sachsenhäuser Mittelpunktschule nach der neunten Klasse verlassen, weil sie Schule und Ausbildung kombinieren wollte: Sie will neben der Gesellenprüfung zeitgleich den Schulabschluss der Mittleren Reife erlangen. „Besser geht’s nicht“, findet die 16-Jährige.

Dafür muss sie neben ihrem Kontingent in Englisch Mindeststunden in Deutsch nachweisen. An der Berufsschule in Korbach sei das auch ohne Zusatzunterricht kein Problem gewesen, betont sie. Ohne diese Möglichkeit hätte sie die Schule in Sachsenhausen nicht verlassen.

Aber wie läuft es in Marburg? Dort hat sie offenbar weniger Deutsch-Unterricht, wie sie am Donnerstag erfahren hat. Und zu ihrer Verwunderung erhält sie keinen Mathematik-Unterricht. Wäre der für eine angehende Fachverkäuferin nicht hilfreich?

Und was passiert, wenn sie wegen unpünktlicher Züge Unterricht verpasst, den sie nachweisen muss? „Das ist schon umständlich für uns.“ Sie fühlt sich von der Berufsschule in Korbach schon im Stich gelassen.

Nachteile während der Ausbildung befürchtet

Außerdem befürchtet sie, wegen der längeren Anfahrtswege zur Berufsschule Nachteile während der Ausbildung zu bekommen. Beispiel: Sie ist schon vier Stunden auf, wenn ihre Marburger Mitschüler ausgeschlafen zum Unterricht eintreffen. Das ungewohnt frühe Aufstehen und die langen Fahrtzeiten gingen schon auf die Konzentration, sagt sie - und sieht mit Skepsis auf die nächsten Prüfungen.

Hinzu kommt das neue Lernumfeld: neue Lehrer, neue Klasse. Auf welchem Lernniveau ist die Klasse? Eigentlich will Selina Malkeev ihre Ausbildung um ein halbes Jahr verkürzen. Das kann sie aber nur, wenn sie im nächsten Frühjahr in der Zwischenprüfung einen Notendurchschnitt von 2,0 schafft.

In Korbach habe es zur Vorbereitung auf die Zwischenprüfung schon Gespräche mit Lehrern und mit Auszubildenden des dritten Jahres gegeben. Was in Marburg auf sie zukommt, muss sie noch genauer erkunden. Manches muss offenbar noch geklärt werden. „Das ist schon hart für uns. Ich mache mir Gedanken“, sagt sie. Aber Aufgeben ist für sie auch keine Option: „Ich werde mein Bestes versuchen.“ (sg)

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