Schwalefeld: Über 100 Teilnehmer bei Gemeindeversammlung

Informationen, Ängste, Wünsche, Emotionen

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Verdeutlichte die Hintergründe, die zur Pfarrstellenanpassung führen: Dekanin Eva Brinke-Kriebel. Links neben ihr Kirchenältester Hans-Jürgen Fehlinger, der die Gemeindeversammlung am Dienstag in der Schwalefelder Pilgerkirche leitete.

Willingen-Schwalefeld - Die mögliche Aufgabe der Pfarrstelle Schwalefeld/Rattlar und das als Folge befürchtete „Aus“ für die Pilgerkirche waren Themen einer Gemeindeversammlung, zu der die Kirchenvorstände am Dienstag einluden.

Über 100 Gemeindeglieder kamen in die Pilgerkirche, um sich zu informieren. Sie äußerten Bedenken, Wünsche und Hoffnungen, ließen teilweise ihren Emotionen freien Lauf und sparten nicht mit Kritik an der Leitung der Landeskirche. Die Versammlung wurde von dem Rattlarer Kirchenältesten Hans-Jürgen Fehlinger geleitet. Die stellvertretenden Vorsitzenden der Kirchenvorstände, Annette Rummel (Schwalefeld) und Tonja Hochmanski (Rattlar), sowie Dekanin Eva Brinke-Kriebel (Korbach) beleuchteten die aktuelle Situation und die Zukunftsaussichten.

„Den Weg weitergehen“

Annette Rummel hieß die Besucher, darunter Bürgermeister Thomas Trachte sowie die beiden Ortsvorsteher Wilfried Schnautz und Hartmut Saure, mit einem Liedvers von Kurt Rommel willkommen: „Lass uns in Deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun. Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr, heute und morgen zu handeln.“ „In diesem Sinne haben wir gemeinsam Schritte getan, die unsere schöne Pilgerkirche und den Besinnungsweg haben entstehen lassen.“ Diese Schritte seien immer geprägt gewesen von dem Mut, dem Glauben und der Hoffnung, dass Menschen wieder Zugang zur Kirche finden. „Das ist in überwältigender Form geschehen, so dass wir diesen Weg im Interesse der Menschen und der Kirche unbedingt weitergehen müssen.“

Ein Blick zurück

Tonja Hochmanski warf einen Blick zurück. Sie erinnerte ans Jahr 2009. Wie bereits berichtet, hatte der Kirchenkreisvorstand schon damals vorgeschlagen, im Rahmen der anstehenden Pfarrstellenanpassung die Kirchengemeinden Rattlar und Schwalefeld pfarramtlich mit dem Kirchspiel Usseln zu verbinden und die Kur- und Urlauberseelsorge in Zukunft von Willingen aus wahrzunehmen.

Im selben Jahr wurde das Schwalefelder Gotteshaus anlässlich des deutschen Wandertags zur Pilgerkirche umfunktioniert - „mit den inhaltlichen Ideen unseres Pfarrers Ulf Weber und der Unterstützung des Kirchenvorstands und vieler Freiwilliger“, so Tonja Hochmanski. Das Projekt sei zunächst nur für kurze Zeit geplant gewesen. Aufgrund des großen Zuspruchs, zahlreicher Anrufe und „inzwischen Tausender, unzählbarer seelsorgerischer Gespräche“ des Pfarrers sei 2010 die Entscheidung gefallen, die Pilgerkirche dauerhaft so zu belassen. „Wir gestalten sie von Zeit zu Zeit um, um den Besuchern weitere segensreiche Erfahrungen zu ermöglichen. Dabei sind wir überglücklich, dass unser Pfarrer Ulf Weber so ideenreich und kreativ ist und wir deshalb immer wieder gemeinsam Neues erschaffen können.“

In Ergänzung der Pilgerkirche wurde 2010 der Besinnungsweg angelegt, ein Wanderweg, „der nicht nur für aktive Christen und Suchende eine Bereicherung darstellt“, meinte Tonja Hochmanski. „Er verbindet auch alle vier Uplanddörfer in besonderer Weise.“

Die Sprecherin des Rattlarer Kirchenvorstands berichtete von mehreren Einladungen an Bischof Dr. Hein. „Keiner dieser Einladungen folgte er.“ Die Gemeinden seien mit der Pilgerkirchenarbeit dem Aufruf der Landeskirche gefolgt und neue Wege gegangen. „Jetzt, wo diese Arbeit so erfolgreich ist, soll sie eingestellt werden. Wir können das nicht verstehen.“ Der Erhalt der Pfarrstelle sei für die in den letzten Jahren gewachsene Arbeit unverzichtbar. „Allein als Kirchenvorstände können wir dies nicht leisten.“

15000 Besucher

„Wir haben jährlich zirka 15000 Besucher in der Pilgerkirche und überdurchschnittlich viele Kircheneintritte“, betonte Tonja Hochmanski. „Man kann also sagen: Die Menschen finden durch diese Arbeit zurück zum Glauben. Ist das nicht unser aller Wunsch?“

Dekanin Eva Brinke-Kriebel gratulierte der Gemeinde zu dem mit viel Herzblut und großem Engagement betriebenen Projekt. Diese Arbeit werde auch vom Bischof und der Prälatin geschätzt und gewürdigt. Deshalb solle die Viertelstelle für die Kur- und Urlauberseelsorge trotz aller Sparzwänge erhalten bleiben und an die Pfarrstelle Willingen 1 angebunden werden. Die von Seiten der Kirchenvorstände Schwalefeld und Rattlar gewünschte Ausweitung der Urlauberseelsorge auf eine halbe Stelle werde es allerdings nicht geben können, verdeutlichte Eva Brinke-Kriebel die Position der Landeskirche.

Die Dekanin erläuterte die Hintergründe, die zu der geplanten Pfarrstellenanpassung führen (Entwicklung der Bevölkerungs- und der Mitgliederzahl in der Kirche). Es sei ihr klar, dass die Einsparung der Pfarrstelle aus Sicht der Schwalefelder und Rattlarer einen riesigen Verlust bedeute.

Gute Arbeit geleistet

Sie bescheinigte Ulf Weber, großartige Arbeit geleistet zu haben. „Er hat Urlauberseelsorge und Gemeindearbeit miteinander verknüpft.“ Sie appellierte in diesem Zusammenhang aber auch an die Gemeindeglieder, das eigene Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. „Hier ist ehrenamtlich unglaublich gute Arbeit geleistet worden.“

Mit dem Vorschlag aus der Versammlung, die Pfarrstelle nicht einzusparen, sondern stattdessen alle drei betroffenen Pfarrstellen - Willingen, Usseln/Welleringhausen und Schwalefeld/Rattlar - zu reduzieren, konnte sich Eva Brinke-Kriebel nicht anfreunden. Sie hält es für wichtig, möglichst ganze Pfarrstellen vorzuhalten, die es den Pfarrern ermöglichen, ihre Familien zu ernähren - gerade auch mit Blick in die Zukunft.

Drohender Pfarrermangel

Sie wies darauf hin, dass die Landeskirche in fünf bis zehn Jahren mit einem erheblichen Pfarrermangel fertig werden muss. „Zehn Dienstanfängern stehen dann bis zu 50 Ruheständler im Jahr gegenüber.“ Es sei wichtig, dann auch im ländlichen Bereich attraktive Pfarrstellen zu haben, um überhaupt Interessenten dafür zu finden.

Eine denkbare Alternative zu den derzeiten Plänen sei es möglicherweise, aus dem gesamten Bereich der Kirchengemeinden Willingen, Usseln, Rattlar, Schwalefeld und Welleringhausen ein einziges großes Kirchspiel zu bilden und innerhalb dieses Zusammenschlusses die Arbeitsschwerpunkte der Pfarrer aufzuteilen.

Im oberen Upland soll demnächst das Anhörungsverfahren eingeleitet werden, bei dem die fünf Kirchenvorstände sich zur geplanten Pfarrstellenanpassung äußern können. Die Dekanin will sich darum bemühen, dass sich die Prälatin im Vorfeld zu einem gemeinsamen Gespräch mit den Kirchenvorständen trifft. Im Übrigen verwies sie darauf, dass in den nächsten Jahren mit weiteren deutlichen Einschnitten zu rechnen ist. „Bis 2026 sollen in der Landeskirche 25 Prozent aller Aufgaben eingespart werden. Das wird richtig hart. Vieles wird nicht mehr in dem Maße möglich sein, wie wir es jetzt gewohnt sind.“

Kritikpunkte

In der sehr lebhaften Diskussion äußerten einzelne Gemeindeglieder heftige Kritik daran, dass der Bischof zwar zweimal auf dem Ettelsberg gewesen, jedoch nicht nach Schwalefeld und Rattlar gekommen sei; dass Briefe der Kirchenvorstände unbeantwortet geblieben seien; dass die Landeskirche sich selbst kaputtspare; dass sie das Pilgerkirchenprojekt nicht als Beispiel für neue Wege ausbauen wolle. Angedeutet wurde auch die eventuelle Ausübung von Druck auf die Landeskirche durch Kirchenaustritte.

„Man sollte wirtschaftliche Interessen nicht vor den christlichen Auftrag stellen“, meinte Rattlars Ortsvorsteher Hartmut Saure. Sein Schwalefelder Kollege Wilfried Schnautz bemerkte, dass hier gespart werden solle, auf der anderen Seite aber beim Neubau des Kirchenkreisamts „kleine Limburgische Verhältnisse herrschen“, was Kirchenältester Fehlinger jedoch energisch zurückwies. „Die Räume werden gebraucht und es wird nicht geprotzt.“

„Weg gemeinsam gehen“

„Wir alle wissen die Pilgerkirche und den Pilgerweg zu schätzen“, versicherte Bürgermeister Thomas Trachte. „Es ist völlig unstrittig, dass das Projekt eine gute Sache für den Tourismus ist.“ Er hält es für wichtig, das Konzept in den durch Sachzwänge bedingten Umstrukturierungsprozess einfließen zu lassen. Der Verwaltungschef verdeutlichte zugleich, dass er sich nicht in Entscheidungen der Kirche einmischen und nicht für eine Kirchengemeinde in der Großgemeinde Partei ergreifen werde. Er riet ebenso wie die Dekanin dazu, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Eva Brinke-Kriebel: „Es wäre wichtig für die Zusammenarbeit in der Region, den Weg gemeinsam zu gehen.“

„Tolle Gemeinschaft“

Hans-Jürgen Fehlingers Fazit der Veranstaltung: „Wir haben eine tolle Gemeinschaft und stehen zu unseren Projekten. Wir werden uns Gedanken machen, wie es weitergeht.“ Er kündigte an, dass die Kirchenvorstände mit Sicherheit noch einmal auf die Gemeinden zukommen und sie um Unterstützung bitten würden.

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