Schicksale der Flüchtlingskrise 2015: Gut integriert dank Sprache und Job

Vor fünf Jahren kam Mirwais Ahmadi in den Landkreis: So geht es ihm heute

Vor fünf Jahren floh Mirwais Ahmadi aus Iran, heute lebt der Afghane mit seiner Freundin Agatina Olivieri, die beruflich wie privat in der Flüchtlingshilfe aktiv ist, in einer gemeinsamen Wohnung in Korbach.
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Vor fünf Jahren floh Mirwais Ahmadi aus Iran, heute lebt der Afghane mit seiner Freundin Agatina Olivieri, die beruflich wie privat in der Flüchtlingshilfe aktiv ist, in einer gemeinsamen Wohnung in Korbach.

Korbach – Deutschland? War eigentlich gar nicht sein Ziel. Als Mirwais Ahmadi vor fünf Jahren aus dem Iran geflohen ist, wollte er eigentlich nach Schweden. Doch längst hat der gebürtige Afghane ein neues Zuhause in Deutschland gefunden, hat eine Ausbildung absolviert, einen festen Job, eine gemeinsame Wohnung mit seiner Freundin – und Pläne für die Zukunft.

An seine Heimat Afghanistan kann sich Mirwais Ahmadi kaum erinnern. Seine Eltern flohen mit den Kindern aus dem Land in den Iran. „Aber da waren wir Illegale“, sagt der heute 21-Jährige. Die Kinder durften nicht zur Schule gehen, eigentlich hätte die Familie nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben dürfen. Doch als billige Arbeitskräfte sind Afghanen im Iran gefragt. Und manches Mal, so erinnert sich Ahmadi, gab es trotz Schufterei einfach kein Geld von Arbeitgebern – und dagegen hätten sie nichts machen können. Sie hatten Angst vor Abschiebung oder Gefängnis. „Afghanen werden dort nur ausgenutzt,“ sagt Ahmadi.

„Es gibt kein Weiter für uns. Wir wollten einfach nur weg.“

Irgendwann war deshalb klar: „Es gibt kein Weiter für uns. Wir wollten einfach nur weg.“ Zuerst ging sein älterer Bruder, Mirwais Ahmadi folgte ihm drei Monate später. Die Eltern blieben, zu schwer sei es ihnen – trotz aller Probleme – gefallen, sich von ihren Freunden im Iran zu trennen. Zudem hätten es ältere Menschen nicht ganz so schwer dort wie junge Männer. Die Eltern blieben also zurück, ihr minderjähriger Sohn machte sich allein auf die beschwerliche Flucht.

Er hatte Freunde, die nach Schweden gegangen waren, doch Mirwais Ahmadi landete Ende 2015 in Deutschland. Nur einen kurzen Abstecher nach Belgien gab es, bevor er endgültig in Deutschland blieb. In Waldeck-Frankenberg kam er zunächst in eine Übergangs-Unterkunft in Mengeringhausen. Doch schnell ging es für ihn weiter nach Korbach, wo auch sein großer Bruder untergekommen war, der jetzt eine Ausbildung zum Koch macht.

Lehre im Sommer abgeschlossen

In den ersten Monaten habe er nur Englisch gesprochen. „Aber ich wollte unbedingt Deutsch lernen“, sagt der 21-Jährige. Sein Vater hatte ihm dazu geraten, die Sprache zu können und sich anzupassen, wenn er integriert werden möchte. Die deutsche Sprache sei schwierig, es sei aber nicht unmöglich, sie zu lernen. In einer der sogenannten InteA-Klassen der Beruflichen Schulen in Korbach lernte er, genauso aber auch in der Freizeit. Und weil er etwas aus seinem Leben machen wollte, hat er schließlich eine Ausbildung zum Trockenbauer begonnen. Diesen Sommer schloss er die Lehre ab und hat bei seinem Ausbildungsbetrieb, dem Forum Trockenbau in Korbach, auch sogleich eine feste Anstellung bekommen. Damit hat er auch im Bleiberecht eine wichtige Hürde genommen: Er darf vorerst für zwei Jahre bleiben, dann wird geprüft und – gegebenenfalls – wieder verlängert.

So leicht es sich rückblickend anhören mag, war es für den jungen Mann aber nicht immer in den vergangenen Jahren. Es gab Aufs und Abs, allzu oft mit Menschen oder Einrichtungen, die ihm eigentlich helfen sollten: Ob mit Sozialarbeitern, die Flüchtlinge am liebsten in Unterkünften gestapelt hätten, oder Institutionen, die teils horrende Mieten von ihnen verlangten.

Noch immer Vorurteile

Erfahrungen mit rassistisch motivierten Angriffen musste Mirwais Ahmadi in den letzten Jahren nicht machen, doch Vorurteile prasseln immer wieder auf ihn ein. Er weiß: Das hat mit den „schwarzen Haaren und der dunklen Haut“ zu tun. Immer wieder gibt es aber auch kritische Kommentare über seine Beziehung. Seit Jahren ist Ahmadi mit Agatina Olivieri liiert, die sowohl beruflich als auch ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe arbeitet. Die Studentin ist halb Deutsche, halb Italienerin. Und während er Muslim ist, ist sie evangelisch. Für das Paar kein Problem, doch manchen, so haben sie gemerkt, stößt das sauer auf.

Eine neue Heimat ist Deutschland noch nicht für den Afghanen, doch er ist glücklich und fühlt sich wohl. Kontakt zu seinen Eltern hat er übers Telefon, gesehen hat er sie seit seiner Flucht aber nicht.

Viel hat er in Deutschland erreicht, jetzt hat er weitere Ziele im Blick: Den Realschulabschluss nachholen und sich beruflich weiterbilden, zum Beispiel. Ob er für immer bleiben wird? Das weiß Ahmadi nicht. Er ist sich nicht sicher, ob er darf. (Julia Janzen)

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