Geläut soll deutliches Signal setzen

Internationaler Friedenstag: Glocken im Landkreis läuten am Freitagabend gleichzeitig

Waldeck-Frankenberg. Zum Internationalen Friedenstag werden am Freitag um 18 Uhr erstmals in ganz Europa kirchliche und weltliche Glocken eine Viertelstunde lang gleichzeitig erklingen.

Wenn am Freitag, 21. September, zum Internationalen Friedenstag erstmals in ganz Europa von 18 bis 18.15 Uhr unter dem Motto „Friede sei ihr erst Geläut“ kirchliche und weltliche Glocken erklingen, werden auch von den Kirchtürmen in den Dörfern und Städten des Landkreises Waldeck-Frankenberg mehrere hundert Bronzestimmen mit einstimmen.

Als ein „wunderbares Zeichen für den Frieden“ im Europäischen Kulturerbejahr hat die Evangelische Kirche von Deutschland dieses geplante Geläut begrüßt, das Bonifatiuswerk der Katholischen Kirche erarbeitete zum europaweiten Glockenläuten ein spezielles Friedensgebet.

Friedensgeläut mit der Botschaft von Versöhnung

Im Glockenstuhl: Küster Wilfried Koch betreut das Geläut in der Frankenberger Liebfrauenkirche. Am Internationalen Friedenstag werden dort alle Glocken eine Viertelstunde lang erklingen.

„Glocken läuten nicht nur zum Gottesdienst, sondern verweisen immer auf Gott und seine Botschaft“, sagt in Frankenberg Dekanin Petra Hegmann. „Ich bin froh, dass wir dieser Botschaft von Liebe und Versöhnung auch durch das Friedensläuten Ausdruck geben können.“

Öffentlichkeits-Pfarrer Jörn Rimbach in Edertal-Kleinern ist ebenfalls überzeugt: „Angesichts der zunehmenden Tendenz von Unfrieden in der Welt und in unserer Gesellschaft setzen wir mit diesem Geläut ein deutliches Signal.“

Fast alle Kirchengemeinden im Landkreis machen beim Friedensgeläut mit

Er wie auch sein Kollege Burghard Uffelmann in Nieder Ense haben positive Rückmeldungen aus fast allen Kirchengemeinden bekommen, allein 30 aus dem Kirchenkreis Twiste-Eisenberg: Bad Arolsen, Rhoden, Landau, Neudorf und Helmighausen, Sachsenberg, Münden, Dalwigksthal, Neukirchen, Meineringhausen, Höringhausen, Berndorf, Landau, Lütersheim, Braunsen, Mengeringhausen, Ober-Waroldern, Willingen, Immighausen, Eppe, Niederschleidern, alle Korbacher Kirchen, Lelbach, Lengefeld, Volkmarsen, Wrexen, Wethen, Willingen, Usseln, Rattlar, Welleringhausen, Helmscheid, Mühlhausen und Gembeck.

„Am Freitagabend werden von allen Korbacher Kirchtürmen die Glocken eine Viertelstunde lang erklingen“, meldet Uffelmann. Auch die Kirchengemeinden in Bad Wildungen, Altwildungen und den Walddörfern haben sich geschlossen zum Geläut verabredet.

In Bad Arolsen und der Korbacher Kilianskirche finden jeweils nach dem Friedensläuten ab 18.15 Uhr zentrale Andachten statt. Im Dekanat Biedenkopf läuten in 36 Kirchen die Glocken, dabei stehen in Battenfeld und Rennertehausen die Kirchen Besuchern offen.

Gemeinsames Friedensgeläut hat eine besondere historische Dimension

Glockenabschied in Bad Wildungen: Am 4. August 1917 wurden aus der Stadtkirche drei Glocken als „kriegswichtiges Material“ aus dem Turm ausgebaut. Beim Abtransport waren sie mit frischem Grün geschmückt, umgeben von Honoratioren, Schulkindern und Gemeinde. Die Gesamtzahl der im Ersten Weltkrieg eingeschmolzenen Kirchenglocken wird auf 65.000 geschätzt. 

Hundert Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges, in dem Kirchenglocken immer wieder für patriotisches Siegesgeläut missbraucht und zum Einschmelzen in Waffenschmieden abtransportiert wurden, hat das gemeinsame europäische Friedensgeläut eine besondere historische Dimension: Noch kurz vor Kriegsende mussten Orgelpfeifen für Rüstungszwecke abgegeben werden, in der Frankenberger Liebfrauenkirche wurden noch im August 1918 die „Johannis-„ und die „Uhrenglocke“ in Stücke zerschlagen.

Die Gemeinden verabschiedeten sich von „ihren Glocken“ mit Gottesdiensten, alte Fotos aus dem Waldecker Land zeigen ausgebaute Bronzeklinger in Vöhl oder Bad Wildungen zum Abtransport sogar noch in Girlandenschmuck.

Heilige Veronika: Ein Gipsabdruck wurde 1942 von der Glocke aus Oberwerba, gegossen 1512, gemacht. Sie kehrte nach dem Krieg zurück.

Schon 1940 drohte den Kirchtürmen der nächste Kriegsraub, nun auch den wertvollen ältesten Glocken. Man nahm wenigstens schnell noch Gipsabdrücke von ihrer gegossenen Ornamentik, aufbewahrt im Museum im Kloster Frankenberg.

„Glocken bergen viel Geschichtliches“

Die Pfarrer sollten eigentlich Hochachtung vor ihren Glocken haben“, schmunzelt in Wohratal-Halsdorf Pfarrer Burghard Pandikow. „Ihre Predigt hören nur ein paar Leute in der Kirche, die Glocken aber das ganze Dorf!“

Ausgetauscht: Die Kirche von Oberorke erhielt 1965 eine Bronzeglocke, der Kriegsersatz aus Stahl wurde ausgebaut. Um Das Bild vollständig anzusehen, klicken Sie oben rechts auf die Pfeile.

Seit über 30 Jahren kümmert sich der Geistliche als Glockensachverständiger der Evangelischen Landeskirche im Sprengel Waldeck-Marburg um die alten und jungen Schätze in den Glockenstühlen des Kreises. Er hat sie vermessen, mit der Stimmgabel ihren Tonaufbau geprüft, Inschriften und Jahreszahlen auf Karteikarten gesichert.

Denkmal: Ihre Kriegsersatzglocke aus Stahl von 1921 hält die Gemeinde Bromskirchen in Ehren. Um Das Bild vollständig anzusehen, klicken Sie oben rechts auf die Pfeile.

Dennoch kann Pfarrer Pandikow keine genaue Gesamtzahl von Glocken nennen, da er nie aus allen Kirchspielen die angeforderten Daten komplett bekommen hat. Aber immer dann, wenn Probleme mit dem Klang, der Turmstatik oder der Technik in den Läutewerken auftreten, ist sein Besuch gefragt. Dann vervollständigt er auch seine Sammlung.

„Glocken bergen für mich unendlich viel Geschichtliches“, sagt der fast 80-Jährige, der auch im Ruhestand weiter seinen „Glockensachverstand“ einbringt. Noch immer sind nicht alle „Kriegsersatzglocken“ aus Stahl, die die Gemeinden in ihrer Finanznot vor Jahrzehnten angeschafft hatten, durch hochwertige Bronzeglocken ersetzt worden. „Es werden überhaupt nicht mehr viele Glocken gegossen“, hat er festgestellt. Bei seinen Beratungen geht es meistens nur noch um Reparaturen.

Burghard Pandikow hat in Waldeck-Frankenberg beobachtet, wie tief Glocken in der Lebenswelt der Menschen auf dem Land verankert sind. Manche Kirchengemeinden haben ihre durch neue ersetzten „Kriegsersatzglocken“ als Denkmal in der Nähe der Kirche aufgestellt. Für sie hat das Friedensgeläut am heutigen Freitag eine ganz besondere Bedeutung.

Von Karl-Hermann Völker

Rubriklistenbild: © WLZ-Archiv

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