Manöver der Waldecker Kanoniere - Geschützzug „Wilhelmine“ blickt auf Vierteljahrhundert zurück

25 Jahre Rauch und Donnerschlag

+
19 Kanonen in Reih und Glied: Den Besuchern wurde zur Verwendung von Ohrstöpseln geraten.

Lichtenfels-Goddelsheim - Zum 25. Geburtstag richtete der Goddelsheimer Geschützzug „Wilhelmine“ das diesjährige Treffen der „Waldecker Kanoniere“ aus. 19 Vereine zündeten gemeinsam ihre Kanonen.

Nahe Goddelsheim wurde es am Samstag laut: Die „Waldecker Kanoniere“ trafen sich auf dem „Langen Driesch“ zum alljährlichen Manöver. Gemeinsam präsentierten die Geschützzüge ihre Kanonen und feuerten sie natürlich auch ab - ein kilometerweit zu hörendes Spektakel. Unter den 19 anwesenden Vereinen waren nicht nur Mitgliedsvereine der „Waldecker Kanoniere“, auch Gäste, etwa aus Kassel und Remagen kamen in den „kanonenreichsten Kreis Deutschlands“, berichtete Friedrich Lippecke, Hauptmann des Geschützzugs „Wilhelmine“.

Der zum Schützenverein Goddelsheim gehörende Geschützzug feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen und fungierte deshalb als Gastgeber. „Wir haben mit der Kanone aus Spaß angefangen“, erklärte Lippecke. Aber der Verein schlug mit dem Bau der Kanone 1987/88 auch ein neues Kapitel der Traditionspflege auf. In solider Handwerksarbeit schufen versierte Vereinsmitglieder selber ein prächtiges Geschütz, dessen Böllerschüsse bei entsprechenden Gelegenheiten „die Wände wackeln lassen“.

Nachdem 1987 der Entschluss gefasst worden war, eine Kanone anzuschaffen, wurde umgehend mit der Planung begonnen, denn sie sollte bereits im folgenden Jahr beim Schützenfest und bei der 1100-Jahr-Feier Goddelsheims zum Einsatz kommen. Für die Verwendung eines in der Mengeringhäusener Kaserne gefundenen Panzerrohres bekamen die angehenden Kanoniere keine Genehmigung, doch bei Continental in Korbach brach zufällig eine alte Welle. Gründungsmitglied Heinrich Kimm, zu der Zeit Schlosser bei Conti, war begeistert: „Daraus wird ein Rohr gedreht“. Er nahm Kontakt mit der Lehrwerkstatt auf und schon nach kurzer Zeit konnte der Verein das Kanonenrohr in Empfang nehmen.

Der Vorstand und die „Baumeister“ Heinrich Barbe und Heinrich Kimm unternahmen einige Besichtigungsfahrten zu anderen Vereinen, um sich ein Bild vom Fahrgestell zu verschaffen. Dann zeichnete Heinrich Barbe ein Modell im Maßstab 1:1. Passendes Holz fanden die Konstrukteure bei Karl Schetla in seiner Immighäuser Scheune. Die Eichenbohlen wurden von Heinrich Barbe, seinen Söhnen und vielen Helfern zu einer Kanonenlafette verarbeitet. Passende Räder fand der Geschützzug nach langer Suche bei Friedrich Lippekes Schwiegervater - sie hingen als Blumenständer missbraucht an der Wand. Schnell wurden sie abmontiert und von Hans Sprenger auf Vordermann gebracht.

Das Schützenfest rückte immer näher und die Kanonenbauer gerieten in Zeitdruck. In der Schmiede Richard von Eynerns setzten sie schließlich zum Endspurt an. Die Achse wurde hergestellt und die Lafette mit Eisen eingefasst, bevor Hans Sprenger mit Farbe den letzten Schliff gab. Am 22. 4. 1988 fuhren Josef Deibel, Heinrich Kimm und Reinhard Knipp mit dem Kanonenrohr nach Hannover und ließen es beim dortigen Eichamt prüfen und beschießen. Somit stand dem Einsatz der Kanone nichts mehr im Wege.

Die Kanone und den neu gegründeten Geschützzug benannten die Kanoniere nach der ersten Schützenkönigin des Vereins, Wilhelmine Wiesemann (Königin von 1927 bis 1931). Die sieben Gründungsmitglieder Wilfried Bürger, Jürgen Hegel, Heinrich Kimm, Reinhard Knipp, Friedrich Lippeke, Manfred Schüttler und Jürgen Scriba sind auch heute alle noch dabei. Mittlerweile besteht der Geschützzug aus 15 Kanonieren und zwei „Kanonösen“ - den beiden Trinkhornträgerinen Tanja Schäfer und Barbara Gunia.

Ein wichtiger Punkt in der Geschichte des Vereines war auch die Anschaffung einer eigenen Standarte, die während des Schützenfestes 1994 geweiht und der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Dem eingestickten Wahlspruch „Der Heimat die Treue“ fühlen sich die Mitglieder des Geschützzuges in besonderem Maße verpflichtet.

1995 beschafften die Kanoniere sich Landsknechtsuniformen, in die sie sich seitdem kleiden, wenn sie an Schützenfesten befreundeter Vereine teilnehmen und das jährliche Kanonentreffen besuchen - oder ausrichten, wie schon 2004.

„Der Zusammenschluss und die Menge an Kanoniersvereinen in Waldeck ist einzigartig“, sagte Heinrich Kimm. Und so trugen auch alle Vereine aus der Region das Zeichen der „Waldecker Kanoniere“ an den Ärmeln ihrer oft historischen Uniformen. Bei schönem Wetter und Verpflegung durch die Goddelsheimer Kanoniere konnten Besucher die 19 Kanonen besichtigen - wenn sie grade nicht mit einem lauten Donnern ihre Papier- oder Grießladungen abfeuerten.

Höhepunkt des Nachmittages war das gemeinsame Zünden aller Kanonen, das eine mächtige Rauchwolke hinterließ. Als Ergänzung zu den Kanonen waren wie auf den letzten gemeinsamen Manövern Handböllerschützen aus Hesborn und Garfeln unterwegs.

Auch einen Wettbewerb hatten die Goddelsheimer sich für ihre Gäste ausgedacht: Die Lautstärke aller Kanonen wurde gemessen. Mit 122,5 dB entschied die Kanone aus Mühlhausen diesen Vergleich für sich. Das „Geburtstagskind“ Wilhelmine nahm außer Konkurrenz teil. „Macht sich ja nicht, wenn der Gastgeber gewinnt“, sagte Hauptmann Friedrich Lippeke schmunzelnd über die kompakte Kanone seines Geschützzuges. (wf/r)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare