Der Korbacher Hals-, Nasen-, Ohren-Arzt Dr. Klaus Filipponi im WLZ-FZ-Interview

„Jeder empfindet Lärm anders“

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Lärm schädigt das Ohr und ist Ursache für Stress. Vor allem durch Straßen- und Fluglärm fühlen sich viele Deutsche gestört. Hier demonstrieren Menschen bei einer bundesweiten Aktion gegen die Fluglärmbelastung. Foto: Bernd Settnik

Waldeck-Frankenberg - MP3-Player, Baustellen- und Straßenlärm, Konzertbesuche können nicht nur das Gehör irreparabel schädigen. Dauerhafter Lärm kann auch Folgen für die Psyche haben.

Was ist eigentlich Lärm?

Lärm ist subjektiv, jeder empfindet anders. Aber ab einem Pegel von 85 Dezibel ist mit einer Gehörschädigung zu rechnen. Die Folgen können vorübergehende oder dauernde Hörminderungen und Tinnitus - permanente Ohrgeräusche - sein.

Was passiert bei Lärm im Ohr?

Die Sinneszellen im Innenohr werden geschädigt und stellen ihre Funktion ein. Dabei spielt die Lautstärke und die Dauer des Lärms eine Rolle. Es gibt aber auch eine Art „Memory-Effekt“: Ähnliche Schall-Ereignisse mit ähnlicher Stärke addieren sich und lösen unumkehrbare Schäden aus.

Lärm im Beruf - wie häufig ist das noch die Ursache für Schwerhörigkeit?

Die Berufskrankheit Schwerhörigkeit ist selten geworden. Auch die Meldungen der Berufsgenossenschaften gehen zurück. Lärmschutz im industriellen Bereich ist mittlerweile Standard. So gibt es beispielsweise individuell angepassten Hörschutz, der das natürliche Klangbild erhält. Wenn es noch zu Hörschäden kommt, sind meistens Unfälle die Ursache, etwa ein geplatzter Schlauch, der ein akustisches Trauma auslöst.

Lärmschutz im Beruf ist also gut geregelt. Wie sieht es im Freizeitbereich aus?

Ich plädiere für Prävention auch im Privaten: Bei Musikveranstaltungen sollte eine maximale Lautstärke festgelegt und mit Messgeräten überprüft werden. Ein wichtiger Präventionsfaktor wäre in meinen Augen, MP3-Player in der Lautstärke zu begrenzen. Ein besonderes Phänomen gib es in Discos: Man gewöhnt sich an die Lautstärke, die daraufhin immer höher gedreht wird. Musik mit wie bei Maschinen auf Millisekunden getakteten Beats, die immer wieder auf bestimmte Zellen einhämmern, sorgen für Hörschäden.

Was müssen Veranstalter wissen?

Die Dezibel-Skala ist logarithmisch: Eine Erhöhung um sechs Dezibel bedeutet eine Verdoppelung der Lautstärke, das wird oft vergessen. Gerade, wo nicht professionell gearbeitet wird, ist die Musik oft schlecht und zu laut abgemischt.

Sind immer mehr Kinder und Jugendliche einer Gesundheitsbelastung durch Lärm ausgesetzt?

Es ist zu befürchten, aber der Nachweis ist schwierig zu führen, denn Schwerhörigkeit kann auch viele andere Ursachen haben: Medikamente etwa oder Vererbung. Nur wenn der Zusammenhang zu einem direkten Ereignis herzustellen ist, können wir von lärmbe­dingter Schwerhörigkeit sprechen.

Welche Rolle spielt Lärm als Stressfaktor?

Lärm kann Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System haben, der Blutdruck steigt. Doch Lärm als Stressfaktor ist nicht messbar, sondern individuell.

Was sollte man tun, wenn es im Ohr pfeift oder man schlechter hört?

Wenn Gehörschäden auftreten, sollte man schnell HNO-ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Sie können anfänglich reversibel sein. Mit Infusionen und Medikamenten werden durchblutungsfördernde Behandlungen durchgeführt. Wenn sich das Ohr in acht bis neun Wochen nicht erholt, sind die Zellen dauerhaft geschädigt. Bei fortgeschrittenen Hörschäden ist über eine Hörgeräteversorgung zu entscheiden.

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