Torsten Sträter liest und lästert in der Korbacher Stadthalle

„Juchhu, es ist nur Schwachsinn!“

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„Ich setz mich auf Kante“: Im Foyer der Stadthalle signierte Torsten Sträter in der Pause und nach Ende seines zweieinhalbstündigen Auftritts viele Exemplare seiner Bücher.Fotos: Kobbe

Korbach - „Selbstbeherrschung umständehalber abzugeben“: Der Name des Programms ist Programm. Über Torsten Sträters vagabundierende Erzählstränge, seine skurrilen Schilderungen und seine mitunter abstrus gestelzte Wortwahl amüsierten sich am Donnerstag rund 350 Zuschauer prächtig.

Es ist schon ein recht spezieller Humor, den der 48-jährige Dortmunder bei seinen Auftritten verbreitet. Auf der Grundlage einer robusten Ruhrgebiets-Mentalität lässt der gelernte Herrenschneider („Wieso kann man bei elitepartner.de eigentlich kein Häkchen hinter ,Realschulabschluss‘ setzen?“) mit viel Improvisationsfreude ein Sammelsurium aus Alltags-Irrsinn, hinüber geretteter Spätpubertät und Selbsterfahrungen aller Art entstehen. Das fortschreitende Alter, die gescheiterten Versuche, mit Sport oder Diäten abzunehmen, liefern Sträter den Stoff für Pointen, die er gerne ohne Visum über die Grenze des guten Geschmacks schiebt. Was er seinem Körper zu- und dieser regelmäßig abführt, wird oft und detailreich beschrieben. Kraftausdrücke unterbrechen komische Schilderungen - und umgekehrt.

Der Mann mit der schwarzen Wollmütze erzählt „von der groben, der richtig groben Leberwurst, die so grob war, dass man stellenweise noch das entsetzte Gesicht des Schweins erkennen konnte“ und berichtet von Kindheitserinnerungen: „Meine Eltern haben stark geraucht, mehrere Schachteln am Tag in einer Dreizimmerwohnung. Ich kann meinen Vater bis heute nicht richtig beschreiben. Er war so ein Nebelmann“, der zur Entspannung gerne das „gelbe Album“ der Beatles auflegte.

Oft lässt der Autor und Poetry-Slammer Oma und Kumpel Scrabble-Weisheiten mit doppeltem Wortwert wie: „Geh samstags zum Friseur. Da ist es schön leer. Das machen alle so“ sagen oder stellt selbst eine berechtigte Sinnfrage: „Warum wurde Gustl Mollath jahrelang in der Klapse festgehalten, während der Seitenbacher-Mann auf freiem Fuß ist?“

Mitunter streut Sträter, dessen Bildschirmpräsenz sich in den vergangenen Jahren als Stammgast des Satiregipfel erheblich erhöht hat, aber auch Episoden ein, die sich zunächst ernsthaft anhören. So hält er eine leidenschaftliches Plädoyer für den lokalen Buchhandel, empfiehlt Männern Vorsorgeuntersuchungen und lobt „das ältere Ehepaar“ als Stütze des Kulturbetriebs. Vor kurzem habe er einen solchen Herrn im Publikum erleichtert sagen hören, nachdem diesem klar geworden war, von seiner Frau nicht wieder in eine tiefsinnige Vorstellung verschleppt worden zu sein: „Juchhu, es ist nur Schwachsinn!“

Von Thomas Kobbe

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