„Wohin steuert die Weltgesellschaft?“ – Privatdozent Dr. Johannes M. Becker referiert an Alter Lande

Kein Grund zur Panik auf der Titanik

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„Kein Grund zur Panik auf der Titanik - Wohin steuert die Weltgesellschaft?“ Dieser Frage ging Dr. Johannes M. Becker mit Schülern der Alten Landesschule auf den Grund.

Korbach - 120 Milliarden Dollar werden für die öffentliche Entwicklungshilfe aufgebracht, 1800 Milliarden für Rüstung. Wo steuert unsere Welt hin? Dr. Johannes M. Becker stellt mit Zwölftklässlern Überlegungen an.

„Ich möchte ganz unbedingt in eine Auseinandersetzung eintreten“, lädt Dr. Johannes M. Becker die angehenden Abiturienten ein, mit ihm über den Kurs der Weltgesellschaft zu diskutieren. Lehrer Johannes Grötecke hat den Gründer des Zentrums für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg eingeladen, um mit den Politik- und Wirtschaftskursen der Alten Landesschule zum Thema „Kein Grund zur Panik auf der Titanic - Wohin steuert die Weltgesellschaft?“ zu arbeiten. Der Privatdozent möchte mit den Schülern eine Art Bestandsaufnahme der Erde und einen Blick in die Zukunft zu wagen.

Zum Einstieg versucht Dr. Becker mit den Schülern herauszufinden, nach welchen Kriterien die Welt eingeteilt werden könnte. Es gibt viele Möglichkeiten: Nord - Süd, Kultur und Sprache oder auch die Wirtschaftsleistung. Eine weitere Möglichkeit ist die Differenzierung in die „vier Welten“.

Die erste Welt bilden die Industriestaaten, die zweite besteht aus den realsozialistischen Ländern. Die Entwicklungsländer bilden die Dritte Welt. Das sind jene, deren Wirtschaft noch nicht am Weltmarkt bestehen kann, die sich aber in der Entwicklung zur aktiven Teilnahme in der Weltwirtschaft befinden. Von den insgesamt gut 200 Staaten weltweit gehören gut drei Viertel dieser Gruppe an.

Vor einigen Jahren komplettierte die „vierte Welt“ diese Einteilung. Zugehörig sind die „Least developed countries“, also die am wenigsten entwickelten Länder. Von den 150 Entwicklungsländern sind 46 Teil dieser vierten Welt. In diesen Ländern sind Lebenserwartung, Bildungsstand und Alphabetisierungsrate sowie die Kaufkraft pro Kopf besonders gering.

Grund zur Panik?

Im Gegensatz hierzu stehen die drei Machtzentren: die Vereinigten Staaten von Amerika, Europa und Japan. In diesen drei Regionen leben ungefähr 15 Prozent der Weltbevölkerung, die aber über 55 Prozent des Einkommens der gesamten Erde verfügen. Allerdings stecken auch die drei Großen in Krisen: wenig Wachstum und steigende Staatsverschuldung malen kein allzu rosiges Bild für die Zukunft. Dafür boomen die Systeme in Russland, China, Indien und Brasilien. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter, es herrscht ein großes Ungleichgewicht in der Welt.

„Was das Ganze fast noch absurder macht: Jährlich werden weltweit zirka 120 Milliarden Dollar in die Entwicklungsarbeit gesteckt. Für die Rüstung sind es 1800 Milliarden“, wirft Dr. Becker in den Raum. Um den Hunger auf der Welt zu halbieren,wären schon 47 Milliarden Euro ausreichend. Und trotzdem wurde die Zahl der Hungernden in den letzten fünf Jahren um nur 20 Prozent verringert. Ist es also an der Zeit, angesichts dieser Entwicklungen in Panik auszubrechen? Schließlich haben Studien herausgefunden, dass 90 Prozent der Krisen nach dem Zweiten Weltkrieg auf Ungleichverteilung beruhen.

Veränderungen schaffen

„Wir haben Grund zur Panik, wenn kein Umdenken stattfindet“, schlussfolgert Dr. Becker, und zwar global als auch lokal. „Aufrüstung ist unnötig“, befindet er. Wenn die Ungerechtigkeit abgebaut werde, sei auch die Rüstung so gut wie hinfällig. Außerdem könne jeder Einzelne durch gezieltes kritisches Nachfragen seine Stimme in der Politik einbringen. Er denkt dabei beispielsweise an die gewandelte Einstellung zum Afghanistaneinsatz, der schon lange keinen Rückhalt mehr in der Bevölkerung findet, und daran, dass sich Deutschland seitdem an keinen Militäreinsätzen mehr beteiligt hat. Oder daran, dass Leserbriefe an die lokalen Medien eine Berichterstattung und dadurch auch die öffentlichen Stellen anstoßen können. Es gebe viele Möglichkeiten, auch im Kleinen gegen die Ungerechtigkeiten der Welt anzukämpfen, und sei es nur durch ein bewussteres Einkaufen von Lebensmitteln. „Wir haben vieles in der Hand“, findet der Privatdozent, „wir müssen es nur richtig nutzen.“

Vielleicht gibt es dann ja doch keinen Grund zur Panik - wenn Gesellschaft und Politik daran mittun, Krisen entgegenzuwirken und das Ungleichgewicht zu verringern.

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